Zehnjährige US-Staatsanleihen werfen mit 5,29 Prozent inzwischen mehr ab als die durchschnittliche Gewinnrendite des S&P 500. Notenbanker Neel Kashkari dämpfte am Mittwoch die Erwartung rascher Zinssenkungen und stellte stattdessen weitere Erhöhungen in den Raum. Für die Aktienmärkte schwindet damit der Renditevorteil gegenüber festverzinslichen Wertpapieren.
Der Präsident der Federal Reserve Bank von Minneapolis hält die Teuerung weiterhin für zu hartnäckig. Obwohl die Kernrate des PCE-Deflators im August auf drei Prozent nachgab, rechnet Kashkari mit einem weiteren Zinsschritt im laufenden Jahr sowie einem weiteren im Jahr 2027. Eine robuste Wirtschaftstätigkeit nährt an den Terminmärkten Zweifel, ob das aktuelle Zinsniveau die Konjunktur bereits ausreichend bremst.
Die Aussicht auf eine längerfristig straffe Geldpolitik stärkte umgehend die US-Währung. Am Donnerstag zog der Dollar im asiatischen Handel gegenüber mehreren Leitwährungen an. Gegenüber dem Euro kletterte die Gemeinschaftswährung derweil auf ein Zweitageshoch von 1,1315 Dollar.
Anleiherenditen überholen die Aktienmärkte
Steigende Marktzinsen treffen Aktienbewertungen an einer empfindlichen Stelle. Zukünftige Unternehmensgewinne verlieren bei höheren Abzinsungsfaktoren rechnerisch an Gegenwartswert. Bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 19 liegt die Gewinnrendite des S&P 500 aktuell bei 5,21 Prozent. Staatsanleihen erstklassiger Bonität bieten somit mehr Rendite als der breite Aktienmarkt.
Damit ist der historische Risikoaufschlag für Anteilsscheine vorerst vollständig aufgezehrt. Frühere Marktzyklen verdeutlichen die Folgen: Anfang 2022 schmolz dieser Risikopuffer ebenfalls dahin, woraufhin die Bewertungsmultiplikatoren an den Börsen einbrachen und die Leitindizes empfindliche Verluste verbuchten.
Tech-Konzerne unter Gewinndruck
Um das Bewertungsniveau dennoch zu halten, müssen die anstehenden Quartalszahlen außergewöhnlich stark ausfallen. Am 13. Oktober eröffnen die großen US-Banken die Berichtsperiode für das dritte Quartal. Die Schätzungen für den S&P 500 liegen bei einem Gewinnzuwachs von 29 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.
Die Erwartungen ruhen vor allem auf den führenden Technologiekonzernen. Allein in diesem Jahr fließen mehr als 500 Milliarden Dollar in den Ausbau von Rechenzentren für Künstliche Intelligenz. Weil ein erheblicher Teil dieser gigantischen Investitionsprogramme über den Kapitalmarkt fremdfinanziert wird, verteuern Zinsen jenseits der Fünf-Prozent-Marke künftige Kreditaufnahmen spürbar.
Im Chartbild hinterlässt die veränderte Zinslandschaft bereits Spuren. Der DAX schloss am Mittwoch unter seiner 100-Tage-Linie bei 25.199 Punkten, während die Wall Street um ihre Unterstützungsmarken ringt. Bis zu den US-Zwischenwahlen am 3. November müssen nun die Unternehmenszahlen belegen, ob das reale Gewinnwachstum die höheren Zinsen dauerhaft kompensieren kann.
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