Zwei Tage nach seiner Niederlage bei der Präsidentschaftswahl in Brasilien hat der rechte Kandidat Flávio Bolsonaro das Land verlassen. Der 45-jährige Senator setzte sich trotz eines richterlichen Ausreiseverbots über Argentinien in Richtung Ecuador ab. Seine Flucht beendet die unmittelbare Ungewissheit über eine Anfechtung der Wahl, rückt aber die tiefen politischen und wirtschaftlichen Spannungen der größten Volkswirtschaft Lateinamerikas wieder in den Vordergrund.
Ermittlungen wegen Geldwäsche
Vor seiner Abreise hatte das Oberste Gericht angeordnet, Bolsonaro müsse seine Reisepässe binnen 24 Stunden abgeben. Richter Alexandre de Moraes untersagte ihm das Verlassen des Landes wegen eines Ermittlungsverfahrens, bei dem es um mutmaßliche Geldwäsche im Zusammenhang mit Online-Sportwetten geht. Bolsonaro bestreitet die Vorwürfe. Am späten Dienstagabend überquerte er mit seiner Familie dennoch auf dem Landweg die Grenze nach Argentinien, um von dort per Privatflugzeug weiterzureisen.
US-Präsident Donald Trump stellte Bolsonaro und dessen Familie bereits ein Visum in Aussicht und kritisierte den Ausgang der brasilianischen Wahl. Die politische Familie Bolsonaro steht seit Längerem im Konflikt mit Brasiliens Justiz. Flávios Vater, der frühere Präsident Jair Bolsonaro, verbüßt wegen eines versuchten Staatsstreichs derzeit eine 27-jährige Haftstrafe im Hausarrest.
Wirtschaftliche Herausforderungen für Lula
In der Stichwahl am Sonntag unterlag Bolsonaro Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva mit 48,2 Prozent zu 51,8 Prozent der Stimmen. Seine Partei erkannte das Ergebnis an, anders als Bolsonaro selbst. Rund 159 Millionen Wahlberechtigte waren an die Urnen gerufen worden.
Lula steht nun vor der Aufgabe, ein gespaltenes Land wirtschaftlich zu stabilisieren. Zwar sanken die Arbeitslosigkeit und die Armut in seiner bisherigen Amtszeit, während der Mindestlohn stieg. Hohe Lebenshaltungskosten und die wachsende Staatsverschuldung sorgen jedoch für anhaltenden Unmut in der Bevölkerung. Mit der Flucht seines Rivalen festigt der Präsident seine Macht, allerdings bleibt der finanzpolitische Handlungsspielraum seiner Regierung durch die hohe Schuldenlast spürbar begrenzt.


