Paris bringt überraschend früh Bewegung in das Ringen um die Führung der Europäischen Zentralbank. Frankreich signalisiert Unterstützung für den Niederländer Klaas Knot als Nachfolger von EZB-Präsidentin Christine Lagarde. Im Gegenzug fordert die französische Regierung allerdings den strategisch entscheidenden Posten des Chefvolkswirts für einen eigenen Kandidaten.
Der informelle Vorstoß von Präsident Emmanuel Macron zielt darauf ab, die Machtverhältnisse im sechsköpfigen EZB-Direktorium frühzeitig abzustecken. Knot führte die niederländische Notenbank von 2011 bis 2025 und gilt an den Finanzmärkten als verlässlicher Pragmatiker. Zwar neigt er traditionell zu einer strafferen Geldpolitik, zeigte sich bei Kurswechseln bislang jedoch flexibel. Als sein schärfster Rivale gilt der frühere Chef der spanischen Notenbank, Pablo Hernández de Cos. Ein Südeuropäer an der Spitze hätte den Posten des Chefökonomen aber fast zwangsläufig an ein Land aus dem Norden der Währungsunion gebunden.
Machtkampf um den Chefvolkswirt
Mit der Unterstützung für Knot will Frankreich diesen Automatismus durchbrechen und die wirtschaftliche Ausrichtung der Notenbank direkt mitbestimmen. Der Chefvolkswirt bereitet die Zinsbeschlüsse vor und gilt nach der Präsidentschaft als die einflussreichste Position im Direktorium.
Auf der Pariser Auswahlliste stehen renommierte Ökonominnen: Agnès Bénassy-Quéré von der Banque de France, die frühere OECD-Chefökonomin Laurence Boone sowie Hélène Rey von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Eine Ernennung würde die Frauenquote im obersten Führungsgremium sichern. Lagarde und das deutsche Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel sind dort bislang die einzigen Frauen.
Konfrontation mit Berlin droht
Der französische Plan birgt erheblichen Zündstoff für die Verhandlungen zwischen den 21 Mitgliedstaaten. In Berlin stößt der Vorstoß auf Skepsis. Die Bundesregierung meldet ebenfalls Ansprüche auf das ökonomische Kernressort an.
Hinter dem Personalpoker steht ein handfester wirtschaftspolitischer Konflikt. Angesichts hoher Staatsschulden wünscht sich Paris eine Geldpolitik mit Rücksicht auf die Staatsfinanzen. Das finanziell solidere Deutschland fürchtet wiederum jede Aufweichung der strikten Preisstabilität.
Beschleunigt wird das Verfahren durch Spekulationen über einen vorzeitigen Abgang von Lagarde und Schnabel, deren Amtszeiten regulär erst Ende 2027 auslaufen. Da das Mandat des amtierenden Chefökonomen Philip Lane im Mai endet, zeichnet sich ein großes Verhandlungspaket für das kommende Jahr ab.


