Liebe Leserinnen und Leser,
gestern schloss ich mit der Frage, wie lange Rekordrallye und Ölpreise jenseits der 110 Dollar koexistieren können. Die Antwort, die sich an diesem Wochenende abzeichnet, ist eine pragmatische: Das große Geld weicht aus. Nicht in Gold, nicht in Anleihen – sondern in die zweite Reihe der Aktienmärkte. Während die Schlagzeilen von einem Ölpreis bei 125 Dollar pro Barrel, einer auf 31,5 Prozent geschrumpften Wahrscheinlichkeit einer Fed-Zinssenkung im Juni und geopolitischen Eskalationen dominiert werden, zieht der MDAX mit einem Plus von 2,06 Prozent auf 30.477 Punkte still an den Großen vorbei. Wer nur auf den DAX schaut, verpasst die eigentliche Geschichte.
Rechenzentren als Renditetreiber
Der KI-Boom erreicht deutsche Nebenwerte – und zwar nicht über die üblichen Verdächtigen, sondern über Zulieferer, die kaum jemand auf dem Radar hat. 2G Energy, Hersteller von Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen, konnte Ende April die Marke von 100 Prozent Kursgewinn in Musterdepots überspringen. Der Grund: Im Mai wird der erste Auftrag zur Stromversorgung eines US-Rechenzentrums erwartet. Die Umsätze fließen zwar erst ab dem vierten Quartal, doch der Markt handelt die Fantasie – mittelfristig werden Kurse oberhalb von 60 Euro anvisiert.
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Technotrans liefert ein ähnliches Bild. Das Unternehmen meldete im April Folgeaufträge für Flüssigkeitskühlsysteme in Rechenzentren, direkt getrieben durch den Bedarf an KI-Infrastruktur. Rund 98 Prozent Kursgewinn stehen zu Buche. Bei SUSS Microtec, einem Profiteur des Halbleiter-Trends, liegt das Plus vor den am 7. Mai anstehenden Quartalszahlen bei 27 Prozent.
Dass Disziplin in diesem Umfeld genauso wichtig ist wie Mut, zeigt Siltronic: Nach einem Einstieg Mitte März und dem Ausbruch über die 60-Euro-Marke wurden Trading-Gewinne von 18 Prozent realisiert. In einem Sektor, der so schnell läuft, gehört das Mitnehmen von Gewinnen zur Pflicht.
Analysten entdecken die Nische
Frische Kursziel-Anhebungen lenken den Blick auf weitere Mid-Caps. Michael Kuhn von der Deutschen Bank stufte SFC Energy von „Halten“ auf „Kaufen“ hoch und setzte das Kursziel von 16,40 auf 21,50 Euro herauf. Der Treiber: das wachsende Geschäft in den Bereichen Verteidigung und Sicherheit – ein Thema, das nach der norwegischen Pensionsfonds-Wende und dem US-Truppenabzug aus Deutschland an Relevanz gewinnt.
Im breiteren MDAX-Umfeld senkte Jefferies das Kursziel für Delivery Hero zwar von 32 auf 29 Euro, beließ die Einstufung aber auf „Buy“. JPMorgan vergibt für Nemetschek ein „Overweight“-Rating mit einem Kursziel von 110 Euro. Die Botschaft der Analysten ist eindeutig: Wer selektiv vorgeht, findet in der zweiten Reihe mehr Potenzial als bei den Indexschwergewichten.
GameStop greift nach eBay – und der Markt applaudiert
Die kurioseste Meldung des Wochenendes kommt aus den USA. Laut Wall Street Journal bereitet GameStop ein formelles Übernahmeangebot für eBay vor. CEO Ryan Cohen will daraus einen E-Commerce-Konzern mit einem Zielwert von 100 Milliarden Dollar formen. Die Arithmetik klingt abenteuerlich: GameStop bringt an der Börse rund 12 Milliarden Dollar auf die Waage, eBay knapp 46 Milliarden. Allerdings verfügte GameStop Ende März über liquide Mittel von rund 9 Milliarden Dollar – aufgebaut unter anderem durch die Wandelanleihen, die ich vergangene Woche erwähnt hatte.
Die Börse nahm die Nachricht erstaunlich wohlwollend auf: eBay sprang um rund 12 Prozent auf 104,07 Dollar, GameStop legte 4 Prozent auf 26,53 Dollar zu. Die UBS hob ihr Kursziel für eBay unabhängig davon von 96 auf 110 Dollar an und verwies auf 19 Prozent US-Wachstum im vierten Quartal 2025. Ob aus dem Gerücht ein Deal wird, steht auf einem anderen Blatt. Aber die Tatsache, dass ein ehemaliger Meme-Stock ernsthaft M&A-Ambitionen dieser Größenordnung verfolgt, sagt viel über die veränderte Kapitalstruktur an den US-Märkten.
Autobranche unter doppeltem Druck
Für die deutsche Leitindustrie verdichten sich derweil die Risiken. Zu den bereits angekündigten Zöllen auf EU-Fahrzeuge, die Volkswagen und Porsche besonders treffen würden, kommt der geopolitische Energieschock. Die Ukraine griff am Wochenende den russischen Ölverladehafen Primorsk an der Ostseeküste mit Drohnen an – ein Angriff, der die Energiepreise weiter stützt.
Für die EZB entsteht daraus ein wachsendes Dilemma. Sollten die Öl- und Gaspreise im Extremszenario auf 145 Dollar pro Barrel beziehungsweise 106 Euro je Megawattstunde klettern, steigt der Druck auf die Zinsen – und das bei Wachstumsprognosen für die Eurozone, die bereits von 1,2 auf 0,9 Prozent zusammengestrichen wurden. Zwischen Inflation und Stagnation bleibt der Handlungsspielraum der Notenbank eng.
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Die Woche voraus
Zwei Termine verdienen besondere Aufmerksamkeit: Am Mittwoch, 6. Mai, lädt Heidelberg Materials zur Analysten-Telefonkonferenz zum Q1-Trading-Update (14:00 Uhr MESZ). Am 7. Mai legt SUSS Microtec Quartalszahlen vor – nach 27 Prozent Kursplus eine Nagelprobe für die KI-Bewertungen im Nebenwertebereich.
Die übergeordnete Lektion dieses Wochenendes: In einer Welt, in der Ölpreise, Zölle und Geopolitik die großen Indizes belasten, liegt die relative Stärke dort, wo der Blick der meisten Anleger nicht hinreicht – bei Unternehmen, die konkrete Aufträge vorweisen können und nicht von der nächsten Zollankündigung abhängen. Der MDAX liefert dafür gerade den Beweis.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Rest des Wochenendes.
Herzlichst, Ihr Andreas Sommer


