Die Welt ist unruhiger geworden – und die Finanzmärkte spüren es. Geopolitische Spannungen rund um den Iran, ein geschwächtes Westeuropa und zunehmend wirkungslose Sanktionen zeichnen das Bild einer neuen Weltordnung, in der alte Sicherheiten bröckeln. Was das für Investoren konkret bedeutet, ist alles andere als eindeutig.

Hormuz und der trügerische Frieden

Die jüngste Einigung zwischen Washington und Teheran hat an den Märkten zunächst Erleichterung ausgelöst. Niedrigere Ölpreise, weniger Druck auf Anleihezinsen – kurzfristig klingt das nach guten Nachrichten. Doch Analysten von BCA Research warnen ausdrücklich: Diese Vereinbarung ist kein Friedensvertrag.

Tehran hat wenig Anreiz, Schlüsselverpflichtungen rasch umzusetzen – weder die vollständige Öffnung der Straße von Hormuz noch Fortschritte bei Nuklearfragen. Der Ölpreis dürfte deshalb strukturell erhöht bleiben, eher im Bereich von 90 bis 100 US-Dollar je Barrel als bei den früher gewohnten 60 bis 70 Dollar. Gleichzeitig beziffern Analysten die Wahrscheinlichkeit eines erneuten Konflikts mit iranischer Beteiligung noch im laufenden Jahr oder 2027 auf 60 Prozent.

Das Sanktionsregime, das Washington zur Druckerzeugung einsetzt, verliert unterdessen an Schlagkraft. Wie das Wall Street Journal berichtet, haben Iran, Russland und Nordkorea hochentwickelte Methoden etabliert, um US-Restriktionen zu umgehen – über Scheinfirmen, Mittelsleute und Finanzkanäle in China, den Vereinigten Arabischen Emiraten und der Türkei. Irans Ölexporte brachten 2024 trotz massiver Sanktionen rund 43 Milliarden US-Dollar ein, hauptsächlich durch Verkäufe an China. Russland finanziert seinen Krieg trotz jahrelanger westlicher Restriktionen weiter; Nordkorea hat sein Nuklearprogramm sogar ausgebaut.

Europas doppelte Belastung

Während der Nahe Osten schwelt, kämpft Europa mit strukturellen Problemen eigener Art. In der Eurozone läuft die Europäische Zentralbank gegen eine unbequeme Kombination aus schwachem Wachstum und hartnäckiger Inflation an. Die Bank of America erwartet, dass die EZB die Zinsen weiter anhebt – obwohl das Wachstum lahmt. Den Einlagensatz hat die EZB Anfang Juni bereits auf 2,25 Prozent erhöht. Ein weiterer Zinsschritt im Juli gilt als wahrscheinlich, könnte sich aber bis September verzögern, falls sinkende Ölpreise den Inflationsdruck mildern.

Längerfristig rechnen Ökonomen damit, dass die EZB frühestens 2027 mit Zinssenkungen beginnt – wenn die Inflation nachlässt. Die Bilanz der EZB schrumpft unterdessen weiter, von einem Höchststand von 8,3 Billionen Euro im Jahr 2022 auf rund 6,3 Billionen Euro Ende 2025. Das verändert die Liquiditätsbedingungen am Geldmarkt und wird die Zinspolitik künftig enger mit Bilanzentscheidungen verknüpfen.

Politische Risiken kommen erschwerend hinzu. In Spanien hat ein Madrider Gericht die Ehefrau von Premierminister Pedro Sánchez, Begoña Gómez, wegen Einflussnahme, Korruption und Veruntreuung öffentlicher Gelder vor Gericht gestellt. Ihr wurde der Reisepass entzogen, sie muss sich zweimal monatlich bei Gericht melden. Für Sánchez und seine Sozialisten, die 2018 mit einem Antikorruptionsprogramm an die Macht kamen, ist das politisch brisant – besonders vor den nächsten Wahlen.

Brexit-Bilanz: Schaden, aber kein Kollaps

Großbritannien liefert derweil ein vielschichtiges Lehrstück über Resilienz und Anpassungsfähigkeit. Zehn Jahre nach dem Brexit-Referendum zeigt sich: Der Schaden ist real, aber beherrschbar. JPMorgan, das damals vor dem Verlust von 4.000 Londoner Arbeitsplätzen warnte, plant heute den Bau eines Hochhauses in Canary Wharf für bis zu 12.000 Mitarbeiter. Citigroup investiert 1,1 Milliarden Pfund in britische Standorte. Die Beschäftigung in der City of London ist auf 676.000 – ein Allzeithoch.

Hinter diesen Zahlen verbirgt sich jedoch ein differenzierteres Bild. Rund 40.000 Stellen wurden in europäische Finanzmetropolen verlagert. Großbritannien hat in zehn von zwölf Kategorien des internationalen Finanzgeschäfts Marktanteile verloren, darunter Devisenhandel, Aktienemissionen und verwaltete Vermögen. Sein Anteil am globalen Auslandskapital fiel von 8,6 Prozent im Jahr 2015 auf sieben Prozent im Jahr 2025 – während der US-Anteil auf 25 Prozent stieg.

„Der Brexit hat der City geschadet wie ein gebrochener Arm – nicht tödlich, aber auch nicht ohne Folgen“, formuliert es William Wright von New Financial. Staatliche Deregulierung und der Zinsanstieg nach der Pandemie haben den Sektor gestützt. Strukturell aber bleibt Großbritannien verwundbarer: Die Anleiherenditen gehören zu den höchsten unter den großen Industrieländern, die Kreditvergabe an kleine Unternehmen ist als Anteil am BIP von acht Prozent auf 6,5 Prozent gefallen.

Neutralität unter Druck

Die Frage, wie Staaten auf geopolitische Konflikte reagieren, beschäftigt auch die Schweiz. Laut einer Umfrage des Medienhauses Tamedia lehnen 54 Prozent der Schweizer eine Initiative ab, die strikte Neutralität in der Verfassung verankern und Sanktionen gegen Kriegsparteien verbieten würde. Nur 34 Prozent unterstützen den Vorschlag, der von der rechtsnationalen Schweizerischen Volkspartei (SVP) initiiert wurde – als Reaktion auf die Entscheidung Berns, sich 2022 den EU-Sanktionen gegen Russland anzuschließen.

Sowohl die Schweizer Regierung als auch das Parlament sprechen sich gegen die Initiative aus. Der Volksentscheid am 27. September dürfte die bestehende Flexibilität des Landes in außenpolitischen Fragen bestätigen – und damit das Signal setzen, dass auch neutrale Staaten nicht auf Abseits stehen bleiben wollen.

Ausblick: Die Unsicherheit bleibt

Die verbindenden Fäden zwischen all diesen Entwicklungen sind kaum zu übersehen. Geopolitische Instabilität im Nahen Osten, ein geschwächtes Europa, ein Brexit-Großbritannien im Umbruch und ein Sanktionsregime mit schwindender Wirksamkeit – all das formt das globale Risikoumfeld für Investoren. Der vorsichtige Optimismus, den die Iran-Einigung kurzfristig nährt, steht einer strukturell ungelösten Gemengelage gegenüber. Was 2027 bringen wird – Entspannung oder neuerliche Eskalation –, bleibt die offene Frage, auf die die Märkte bislang keine Antwort haben.