Der Nahe Osten bleibt das Epizentrum globaler Marktturbulenzen. Neue US-Luftangriffe auf iranische Militäranlagen, eine brüchige Waffenruhe und eskalierender Drohnenangriffe auf Handelsschiffe im Hormusstraße — all das trifft auf eine Weltwirtschaft, die ohnehin unter Druck steht. Die Folgen reichen von australischen Inflationsprognosen bis hin zu Notfallkrediten für Bangladesch.

Hormusstraße: Pulverfass mit globaler Zündschnur

Amerikanische Streitkräfte haben erneut iranische Raketen- und Drohnenlager sowie Küstenradaranlagen angegriffen. Auslöser war ein weiterer iranischer Drohnenangriff auf ein Handelsschiff — den Tanker M/T Kiku — trotz bestehender Waffenruhe. US-Präsident Trump warnte auf Truth Social unmissverständlich: Falls die Verstöße anhalten, könne es einen Punkt geben, an dem Washington nicht mehr zur Zurückhaltung fähig sei.

Die Spirale aus Vergeltung und Gegenvergeltung zeigt bereits handfeste wirtschaftliche Konsequenzen. Eine QatarEnergy-gecharterte LNG-Tanker kehrte in der Nähe der Meerenge um, der UN-Schifffahrtsorganisation IMO musste ihr koordiniertes Evakuierungsprogramm für über 11.000 Seeleute auf gestrandeten Schiffen aussetzen. Das maritime Bedrohungsniveau für Handelsschiffe in der Region wurde angehoben.

Gleichzeitig griff der Iran Bahrain mit Drohnen an — ein Schritt, den Bahrains Außenministerium als „flagrante Bedrohung der Sicherheit von Bürgern und Einwohnern“ bezeichnete. Vizepräsident JD Vance mahnte Teheran, Streitigkeiten diplomatisch zu lösen, betonte aber klar: „Gewalt wird mit Gewalt beantwortet.“

Ölpreis und Inflationsdruck: Zwei Seiten einer Medaille

Für Anleger entscheidend ist, was diese Eskalation mit Energiepreisen macht — und damit mit der Inflation weltweit. Interessant dabei: Der Brent-Rohölpreis fiel zuletzt deutlich, weil die zwischenzeitliche Öffnung der Hormusstraße einen Teil der Risikoprämie bereits eliminiert hatte. Yardeni Research sieht darin ein Zeichen, dass Inflationssorgen an den Märkten generell nachlassen.

Australien liefert dafür ein konkretes Beispiel. Finanzminister Jim Chalmers zufolge wird die Inflationsrate nun bei etwa 4,25 % ihren Höchststand erreichen — statt der noch im Mai-Haushalt prognostizierten 5 %. Als Hauptgrund nennt Chalmers explizit gesunkene Ölpreise und Fortschritte in Nahost-Friedensgesprächen. Die offiziellen Daten bestätigen die Tendenz: Die australische Jahresinflation lag im Mai bei 4,0 %, unter der Ökonomenerwartung von 4,3 %.

Dennoch bleibt die Lage fragil. Chalmers warnte, dass Unsicherheiten rund um den Nahen Osten weiterhin Preisdruck erzeugen könnten. Genau dieser Zusammenhang zeigt sich auch in Bangladesch, wo der Weltbank-Notfallkredit über 1,1 Milliarden US-Dollar explizit auf gestiegene Lebensmittel-, Energie- und Düngemittelpreise infolge des Konflikts zurückgeführt wird. Das Land importiert mehr als 85 % seines Düngemittels — jede Erschütterung globaler Lieferketten trifft es unmittelbar.

Dollar-Stärke und das Ende des Entwertungs-Trades

Während geopolitische Spannungen die Rohstoffmärkte belasten, zeigt sich an den Devisenmärkten ein bemerkenswerter Gegentrend. Yardeni Research erklärt den sogenannten „Dollar Debasement Trade“ für weitgehend beendet. Dieser beschreibt die Wette darauf, dass Anleger massenhaft aus US-Vermögenswerten flüchten — etwa wegen Sorgen über die Unabhängigkeit der Fed oder steigende Haushaltsdefizite.

Stattdessen: Der US-Dollar-Index hat sich seit der jüngsten Fed-Sitzung unter Notenbankchef Kevin Warsh gefestigt. Euro und Yen schwächeln trotz Zinserhöhungen von EZB und Bank of Japan. Gold und Bitcoin gaben nach — Letzteres fiel von über 120.000 US-Dollar im Vorjahr auf rund 61.000 US-Dollar. Private Kapitalzuflüsse in US-Wertpapiere lagen in den zwölf Monaten bis April bei rund 1,3 Billionen US-Dollar. Das signalisiert: Internationale Investoren setzen weiterhin auf Amerika.

Für Europa hat diese Entwicklung unangenehme Implikationen. Der Euro verlor an Wert, obwohl die EZB die Zinsen anhob. Das reflektiert strukturelle Schwäche — besonders in Deutschland.

Deutschland unter Dreifachdruck

Chinas Wettbewerb, US-Zölle, hohe Energiekosten: Europas größte Volkswirtschaft steckt in einer hartnäckigen Wachstumsflaute. Ökonomen erwarten für 2026 ein BIP-Wachstum von allenfalls 1 %. Die Industriebeschäftigung ist auf den niedrigsten Stand seit einem Jahrzehnt gesunken, Unternehmensinvestitionen schrumpfen seit 2020.

Besonders schmerzhaft: Chinas Exportoffensive bei Elektrofahrzeugen und Industriemaschinen trifft genau jene Branchen, die seit Jahrzehnten der Motor der deutschen Wirtschaft sind — Automobil, Maschinenbau, Chemie. Hinzu kommen Pekings Exportbeschränkungen für Seltene Erden, die Lieferketten für Fahrzeuge, Rüstung und Industrieausrüstung stören.

Die Regierung Merz reagiert mit Steuererleichterungen, günstigeren Energiepreisen und höheren Verteidigungsausgaben. Ökonomen fordern zusätzlich strukturelle Reformen: weniger Bürokratie, besserer Zugang zu kritischen Rohstoffen, mehr Technologieinvestitionen. Ob das reicht, bleibt offen — zumal die USA gerade den Zugang zu fortschrittlichen KI-Modellen für europäische Nutzer eingeschränkt haben, was Deutschlands Abhängigkeit von amerikanischer Digitalinfrastruktur unterstreicht.

Digitaler Euro und Europas Autonomiestreben

Genau vor diesem Hintergrund gewinnt das Projekt des digitalen Euro an Gewicht. Das Europäische Parlament hat seinen Standpunkt zur digitalen Zentralbankwährung verabschiedet — ein wichtiger legislativer Meilenstein. Laut UBS bleibt ein Launch im Jahr 2029 realistisch, sofern die Verhandlungen zwischen Parlament, Kommission und Rat noch 2026 abgeschlossen werden.

Der Fokus geht längst über Zahlungsmodernisierung hinaus. Europäische Entscheidungsträger sehen den digitalen Euro zunehmend als Instrument zur strategischen Autonomie — also als Weg, Abhängigkeiten von amerikanischen und chinesischen Zahlungsanbietern zu verringern. Einzelne Haltelimits von 3.000 Euro sollen Auswirkungen auf Bankeinlagen begrenzen, während Offline-Transaktionen mehr Datenschutz bieten als klassische elektronische Zahlungen.

Die geopolitischen Verwerfungen des Jahres 2026 machen eines deutlich: Energiepreise, Lieferketten, Währungsmacht und digitale Infrastruktur sind keine isolierten Themen mehr. Sie sind Seiten derselben Medaille — und die Märkte preisen das zunehmend ein.