Die Finanzmärkte taumeln zwischen Hoffnung und Ernüchterung. Der US-Iran-Waffenstillstand hatte in der vergangenen Woche massive Kapitalzuflüsse ausgelöst – allein in globale Aktienfonds flossen netto 55,22 Milliarden US-Dollar, so viel wie zuletzt vor 19 Monaten. Doch am Freitag kippt die Stimmung. Abgebrochene Friedensgespräche, ein hawkisher Fed-Chef und ein Yen auf dem Weg zum 40-Jahres-Tief sorgen für Gegenwind.
Waffenstillstand wackelt – Ölpreisrally bleibt aus
Der Optimismus der Vorwoche bekommt erste Risse. US-Vizepräsident JD Vance sagte seine geplante Reise zu Verhandlungen mit iranischen Unterhändlern in der Schweiz kurzfristig ab. Die israelische Armee führte derweil nächtliche Luftangriffe im Südlibanon durch. Der MSCI All-World Index rutschte um 0,15 Prozent ins Minus, europäische Aktien verloren 0,17 Prozent, US-Futures gaben zwischen 0,4 und 0,5 Prozent nach.
Dabei hatten sich die Hoffnungen nach dem US-Iran-Abkommen zunächst eindrucksvoll in Zahlen niedergeschlagen. Technologiefonds verzeichneten mit 21,46 Milliarden US-Dollar Rekordzuflüsse, US-Aktienfonds verbuchten den stärksten Wochenzufluss seit 19 Monaten. Tanker begannen, wieder durch die Straße von Hormus zu fahren – jene strategische Wasserstraße, deren Sperrung den Ölpreis nach oben getrieben hatte.
Der Ölpreis stieg am Freitag moderat auf rund 80 US-Dollar, bleibt aber auf Wochensicht auf Kurs für ein Minus von acht Prozent. Analysten von RBC Capital Markets dämpfen die Euphorie: „Wir bezweifeln die Belastbarkeit des Deals.“ Als Vergleich ziehen sie das Rote Meer heran, wo der Schiffsverkehr trotz eines Waffenstillstandsabkommens mit den Huthi-Rebanden im Mai 2025 noch immer mehr als 50 Prozent unter dem Vorkriegsniveau liegt.
Fed und EZB: Notenbanken in der Zwickmühle
Während die Geopolitik die Schlagzeilen dominiert, prägen Zentralbankentscheidungen die tiefere Marktlogik. Neuer Fed-Chef Kevin Warsh sorgte mit seinem Debütauftritt für Aufsehen – und Verwirrung. Auf der ersten Sitzung unter seiner Führung ließ er die Zinsen im Band von 3,50 bis 3,75 Prozent unverändert. Doch sein Fokus auf Preisstabilität, ohne jegliche Nuancierung seiner Reaktionsfunktion, ließ Märkte auf baldige Zinserhöhungen schließen.
Krishna Guha von Evercore ISI nannte die Marktreaktion „massiv verstärkt“ durch die Pressekonferenz, die eine „hawkische Betonung der Preisstabilität mit vollständigem Fehlen jeder moderierenden Diskussion“ kombiniert habe. Zweijährige US-Staatsanleihen rentieren fast zehn Basispunkte höher als in der Vorwoche. Der Dollar-Index kletterte auf ein neues 13-Monats-Hoch.
Das Bild einer zugleich entschlossenen und schwer lesbaren Geldpolitik zeigt sich auch in Europa. EZB-Chefvolkswirt Philip Lane beschrieb die aktuelle Lage als „mittleren Inflationsschock“ – nicht so groß wie die Pandemie, aber hartnäckig genug, um eine „gemessene“ geldpolitische Antwort zu rechtfertigen. Die Inflation in der Eurozone dürfte den Rest des Jahres über drei Prozent bleiben, der Zieldruck auf Löhne wirke noch bis ins nächste Jahr hinein. Märkte preisen inzwischen ein bis zwei weitere Zinsschritte der EZB ein, der nächste vollständig bis Oktober.
Der Yen – und Japans unbequeme Wahrheit
Am deutlichsten spürbar ist der starke Dollar beim Yen. Die japanische Währung notiert bei rund 161,30 je Dollar – dem schwächsten Stand seit Ende 1986. Tokio warnt lautstark vor einer möglichen Intervention. ING-Stratege Francesco Pesole sieht im heutigen US-Feiertag (Juneteenth) sogar ein mögliches Interventionsfenster: „Eine ausbleibende Intervention heute würde Spekulanten Raum lassen, in Richtung 162-163 zu drängen.“
Ein ehemaliger Mitglied des Führungsgremiums der Bank of Japan (BoJ), Makoto Sakurai, prognostiziert derweil zwei weitere Zinserhöhungen bis März 2027. Die BoJ hatte zuletzt den Leitzins auf ein 31-Jahres-Hoch von einem Prozent angehoben – und damit explizit erstmals die Bekämpfung von Inflation in den Vordergrund gestellt statt nur die Erreichung des Inflationsziels. „Es war ein bedeutender Wendepunkt in der Geldpolitik“, sagt Sakurai.
Strukturell bleibt das Problem aber ein anderes: Die expansive Fiskalpolitik von Premierministerin Sanae Takaichi konterkariert die Bemühungen der BoJ. Ein zweites Zusatzbudget würde Japans Staatsfinanzen weiter belasten – mit der Konsequenz einer möglichen Ratingabsenkung und weiterem Yen-Druck. „Ohne Konsistenz zwischen Geld- und Fiskalpolitik gibt es keinen Ausweg aus dem Schwach-Yen-Problem“, so Sakurai.
Großbritannien: Politische Unsicherheit als Marktvariable
Auch auf den Britischen Inseln verschiebt sich das Machtgefüge. Andy Burnham, Bürgermeister von Greater Manchester, gewann die Nachwahl in Makerfield mit fast 55 Prozent der Stimmen und ebnet damit seinen Weg, Premierminister Keir Starmer herauszufordern. Starmer gilt als einer der unbeliebtesten Regierungschefs seit Beginn moderner Umfragen. Ein Viertel der Labour-Abgeordneten hat bereits seinen Rücktritt gefordert.
Das Pfund reagierte moderat: Es legte am Freitag 0,2 Prozent auf 1,321 Dollar zu – nach einem Rücksetzer vom Vortag, als die Bank of England die Zinsen in einer 7-zu-2-Abstimmung unverändert ließ. Burnham hat Investoren zwar beruhigt, er werde strikte Fiskalregeln einhalten. Sein früherer Satz, Großbritannien sei den Anleihemärkten „hörig“, bleibt jedoch im Gedächtnis.
Ausblick: Daten, Deals und Geopolitik
Die kommende Woche bringt weitere Weichenstellungen. Am 25. Juni wird der PCE-Preisindex veröffentlicht – jener Inflationsindikator, den die Fed bevorzugt beobachtet. Die Projektion der Notenbank: Core-PCE bei 3,3 Prozent zum Jahresende, weit über dem Zwei-Prozent-Ziel. Gleichzeitig liefern erste Einkaufsmanagerindizes für Juni ein Bild der wirtschaftlichen Lage vor dem Iran-Deal.
Ob der Waffenstillstand hält, ob die Fed wirklich erhöht, ob der Yen die 162 knackt – die Märkte stehen vor einer verdichteten Abfolge von Entscheidungen. Die Kapitalflüsse der Vorwoche zeigen, wie schnell Erleichterung Kurse treibt. Wie schnell sie sich umkehrt, demonstriert der heutige Handelstag.


