Der Goldpreis steht zum Wochenschluss unter doppeltem Druck. Restriktive Signale der US-Notenbank treffen auf ein schwaches Chartbild — während die fundamentale Nachfrageseite so stark ist wie selten zuvor. Ein ungewöhnlicher Widerspruch.

Aktuell notiert Gold bei 4.172 Dollar je Unze, ein Minus von gut 1,3 Prozent auf Tagesbasis. Seit Jahresbeginn hat das Metall knapp vier Prozent verloren. Der RSI liegt bei 35 — technisch nahe überverkauftem Terrain.

Fed-Chef Warsh hält die Märkte in der Schwebe

Bereits am Mittwoch brach Gold um knapp zwei Prozent ein. Auslöser war die US-Notenbank. Fed-Chef Kevin Warsh gab keine konkreten Hinweise auf den nächsten Zinsschritt. Er betonte jedoch: Die Inflation verharrt seit Jahren über dem Zwei-Prozent-Ziel. Das reichte, um Goldinvestoren zu verschrecken.

J.P. Morgan beschreibt die Lage als „technisches Niemandsland“. Gold notiert zwar oberhalb des 200-Tage-Durchschnitts bei rund 4.340 Dollar. Der 50-Tage-Durchschnitt bei 4.730 Dollar wirkt jedoch als Deckel.

Rekordwert trotz sinkender Preise

Die Fundamentaldaten erzählen eine andere Geschichte. Im ersten Quartal 2026 stieg die weltweite Goldnachfrage leicht auf 1.231 Tonnen — ein Plus von zwei Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der durchschnittliche Quartalspreises lag mit rund 4.873 Dollar so hoch wie noch nie. Das trieb den Marktwert der Nachfrage um 74 Prozent auf 193 Milliarden Dollar.

Zentralbanken kauften netto 244 Tonnen — drei Prozent mehr als im Vorjahr. Investoren treiben die Nachfrage, während das Schmuckgeschäft zurückgeht.

Zentralbanken wollen mehr kaufen

Der World Gold Council befragte 76 Zentralbanken — ein Rekord. Das Ergebnis ist eindeutig: 89 Prozent der Institute erwarten, dass die globalen Goldreserven in den nächsten zwölf Monaten weiter steigen. Neunzig Prozent nennen die Wertentwicklung in Krisenzeiten als wichtigsten Faktor. Dahinter folgen Wertspeicher (84 Prozent) und Diversifikation (83 Prozent).

Erstmals überholen in diesem Jahr geopolitische Sorgen die Inflationsängste als Kaufmotiv. Zentralbanken aus Guatemala, Indonesien und Malaysia traten zuletzt erstmals oder nach langer Pause am Goldmarkt auf. Die Käuferbasis wächst.

Analysten liegen weit auseinander

Citi senkte Anfang Juni sein Drei-Monats-Kursziel von 4.300 auf 4.000 Dollar. Als Gründe nennt das Haus stabilisierende Realrenditen, eine stärkere Dollar-Tendenz und nachlassende Sicherheitsprämien. Goldman Sachs hält dagegen an 5.400 Dollar als Jahresziel fest. J.P. Morgan erwartet sogar 6.000 Dollar bis Jahresende — mit 6.300 Dollar als möglichem Ziel für 2027.

Eine Spanne von 2.000 Dollar zwischen dem pessimistischsten und optimistischsten Kursziel zeigt: Der Markt ist tief gespalten. Die strukturelle Zentralbanknachfrage reicht allein nicht aus, um Dollarstärke und Zinserwartungen zu neutralisieren. Gold hängt deshalb wieder stärker an der Geldpolitik — und die nächsten Impulse liefern die PMI-Daten, US-BIP-Zahlen und Inflationserwartungen der Universität Michigan in der kommenden Woche.