Zentralbanken kaufen so viel Gold wie selten. Trotzdem verliert das Edelmetall an Boden. Der Widerspruch hat einen klaren Grund.

Seit dem Ausbruch des Iran-Konflikts Ende Februar 2026 steigt die Inflation — in den USA auf 4,2 Prozent im Mai, angetrieben von einem Energiepreisanstieg von fast einem Viertel. In der Eurozone sieht es kaum besser aus: Die EZB hob am 11. Juni die Zinsen erstmals seit September 2023 wieder an. Der Einlagensatz stieg auf 2,25 Prozent, der Hauptrefinanzierungssatz auf 2,40 Prozent. Der Grund: Inflation von prognostizierten 3,0 Prozent bei einem Wachstum von nur 0,8 Prozent — ein klassisches Stagflations-Szenario.

Realzinsen als eigentlicher Gegner

Hohe Inflation müsste Gold eigentlich stützen. Das tut sie aber nur, wenn die Realzinsen dabei fallen. Genau das passiert gerade nicht. Steigende Nominalzinsen auf beiden Seiten des Atlantiks drücken die Realzinsen nach oben — und das ist Gift für das Edelmetall.

Gold notiert aktuell bei 4.239,70 Dollar und hat in den vergangenen 30 Tagen knapp zehn Prozent verloren. Vom Jahreshoch bei 5.626,80 Dollar trennt das Metall ein Abstand von fast 25 Prozent.

FOMC-Entscheidung als nächster Prüfstein

Am 16. und 17. Juni tagt das FOMC — erstmals unter dem neuen Fed-Chef Kevin Warsh. Eine Zinspause gilt mit 97-prozentiger Wahrscheinlichkeit als sicher. Bis Dezember rechnen die Märkte aber mit 70-prozentiger Wahrscheinlichkeit mit mindestens einer Erhöhung. Warsh hat signalisiert, stärker von Sitzung zu Sitzung zu entscheiden, statt langfristige Signale zu setzen. Das erhöht die Unsicherheit.

Strukturelle Nachfrage bleibt intakt

Trotz des Kursrückgangs hält die institutionelle Nachfrage stand. Die Zentralbanken kauften im ersten Quartal 2026 rund 244 Tonnen netto — über dem Fünfjahresdurchschnitt. Die People’s Bank of China tätigte im Mai den größten Goldkauf seit Ende 2024. Die chinesischen Gesamtreserven stiegen auf 2.321,50 Tonnen. Polen baute seine Bestände auf 595 Tonnen aus.

Der World Gold Council verzeichnete für Q1 2026 einen Nachfrageanstieg auf 193 Milliarden Dollar — ein Plus von 74 Prozent. Barren und Münzen erreichten 474 Tonnen, den zweitgrößten Quartalsanstieg der Geschichte.

Die großen Banken haben ihre Jahresziele nicht zurückgezogen: Goldman Sachs erwartet 5.400 Dollar, JPMorgan rund 6.000 Dollar, Morgan Stanley 5.200 Dollar und UBS 5.500 Dollar. Alle diese Ziele liegen 25 bis 44 Prozent über dem aktuellen Kurs.

Entscheidend wird sein, wie Warsh nach der FOMC-Sitzung kommuniziert — und ob die Märkte eine härtere Gangart der Fed bereits einpreisen oder noch nicht.