Der Goldpreis notiert am Dienstag bei 4.026,20 US-Dollar je Feinunze, ein Plus von 0,45 Prozent zum Vortag. Die Erholung wirkt fragil. Binnen 30 Tagen hat das Edelmetall über 7 Prozent verloren, zum Rekordhoch bei 5.626,80 US-Dollar von Ende Januar klafft eine Lücke von fast 28,5 Prozent.

Zwei Ereignisse entscheiden in den kommenden Stunden über die Richtung: die US-Verbraucherpreise für Juni und der erste Kongress-Auftritt des neuen Fed-Vorsitzenden Kevin Warsh. Beide Termine fallen in ein Umfeld, in dem geopolitische Eskalation und restriktive Geldpolitik gegeneinander wirken.

Das Hormus-Paradox

Der Iran hat die Straße von Hormus für den Schiffsverkehr gesperrt. Die Ölpreise schossen daraufhin nach oben. Normalerweise würde eine solche Krise die Nachfrage nach Gold als sicherem Hafen befeuern. Diesmal zeigt sich das Gegenteil.

Die hohen Energiekosten schüren Inflationssorgen. Steigende Inflationserwartungen drücken die Aussicht auf Zinssenkungen und erhöhen stattdessen die Wahrscheinlichkeit für weitere Straffungen der Federal Reserve. Gold zahlt keine Zinsen. Die Aussicht auf dauerhaft hohe Realrenditen schwächt damit seine Attraktivität gegenüber verzinsten Anlagen.

Warsh und die Inflationsdaten als Weichensteller

Am Dienstagnachmittag veröffentlicht Washington die Juni-Inflationsdaten. Analysten wollen daraus ablesen, ob die gestiegenen Energiepreise bereits auf die Kernrate durchschlagen. Direkt im Anschluss tritt Kevin Warsh vor dem Finanzdienstleistungsausschuss des Repräsentantenhauses auf.

Warsh gilt als Verfechter strikter Preisstabilität. Signalisiert er eine Zinserhöhung im September, dürfte das den Goldpreis weiter belasten. Die Märkte preisen einen solchen Schritt aktuell bereits mit über 60 Prozent Wahrscheinlichkeit ein.

Zentralbanken als Stabilitätsanker

Trotz der Korrektur bleibt die physische Nachfrage robust. Eine Umfrage des World Gold Council zeigt: Rund 45 Prozent der befragten Notenbanken wollen ihre Goldreserven in den nächsten zwölf Monaten aufstocken. Das ist ein Rekordwert für diese Erhebung.

Im Mai 2026 kauften Zentralbanken netto 41 Tonnen Gold. China setzte seine Kaufserie fort und meldete den 20. Monat in Folge mit Zukäufen. Auch Polen und Indien bauten ihre Reserven zuletzt spürbar aus. Diese strukturelle Nachfrage wirkt wie ein Puffer nach unten, während spekulative Anleger wegen der Zinsunsicherheit zurückhaltend bleiben.

Charttechnik: Die 4.000-Dollar-Marke hält

Der Relative-Stärke-Index liegt bei 38,6 und signalisiert eine überverkaufte Lage. Der Preis notiert 7,32 Prozent unter dem 50-Tage-Durchschnitt von 4.344,17 US-Dollar und 11,31 Prozent unter dem 200-Tage-Durchschnitt. Zum 52-Wochen-Tief bei 3.901,30 US-Dollar von Ende Oktober beträgt der Abstand nur noch 3,2 Prozent.

Die Marke von 4.000 US-Dollar fungiert derzeit als psychologische Unterstützung. Fallen die Inflationsdaten heute schwächer aus als erwartet oder wählt Warsh eine moderatere Tonlage, könnte sich Gold oberhalb der jüngsten Tiefststände stabilisieren. Bricht die 4.000-Dollar-Marke dagegen nachhaltig, dürfte der Weg zum Jahrestief bei 3.901,30 US-Dollar kurz werden.