Liebe Leserinnen und Leser,
172.000 neue Stellen im Mai. Fast das Doppelte dessen, was der Konsens erwartet hatte. Der US-Arbeitsmarktbericht vom Freitag hat die Zinssenkungsfantasie der Fed auf einen Schlag erledigt — und eine Verkaufswelle durch die Rohstoff- und Aktienmärkte geschickt, die in ihrer Breite bemerkenswert ist. Gold verlor in einer Woche knapp 5 Prozent, Silber notiert 44 Prozent unter dem Januar-Peak, Rheinmetall steht 40 Prozent unter dem Hoch, Micron gab am Freitag über 12 Prozent ab. Gleichzeitig rücken in der kommenden Woche die EZB-Sitzung am Donnerstag, der SpaceX-IPO und ein Schwung deutscher Konjunkturdaten in den Fokus. Die Frage für Trader: Wo sind die überverkauften Setups mit definiertem Risiko, und wo greift man ins fallende Messer?
Gold und Silber — überverkauft, aber noch ohne Boden
Gold notiert bei rund 4.331 Dollar, fast ein Viertel unter dem Januar-Hoch von 5.595 Dollar. Silber steht bei knapp 67 Dollar, ausgehend von 121 Dollar im Januar. Der Auslöser am Freitag war eindeutig: Die starken Arbeitsmarktdaten ließen die Wahrscheinlichkeit einer Fed-Zinserhöhung sprunghaft steigen, und damit verlor Gold seinen wichtigsten Preistreiber — die Erwartung sinkender Realzinsen.
Zentralbanken kauften allein im April rund 19 Tonnen Gold — trotz des aktuellen Kursrücksetzers bleibt die strukturelle Nachfrage intakt. Was das für Privatanleger bedeutet und wie Sie den nächsten Gold-Boom für sich nutzen können, erklärt dieser kostenlose Report. Gold-Report jetzt gratis herunterladen
Charttechnisch zeigen die Indikatoren positive Divergenzen im überverkauften Bereich. Das ist eine klassische Konstellation für eine technische Gegenbewegung, aber kein Kaufsignal. Wer strategisch positioniert ist, sollte die Februar/März-Unterstützungszone beobachten, statt in die Schwäche hinein zu verkaufen. Wer neu einsteigen will, wartet auf Bestätigung. Zentralbanken kauften im April rund 19 Tonnen — die strukturelle Nachfrage bleibt intakt, auch wenn westliche ETF-Abflüsse das kurzfristige Bild dominieren. Die FOMC-Sitzung am 16./17. Juni wird zeigen, ob die Fed tatsächlich restriktiver wird oder die Daten anders liest.
Hormuz und der asymmetrische Ölmarkt
Der Ölpreis bewegt sich in einer Seitwärtsrange, aber das Risikoprofil ist schief: Jede Eskalation in der Straße von Hormuz treibt schneller nach oben als jede Entspannung nach unten. Der US-Iran-Konflikt hält die geopolitische Prämie hoch, ohne dass sich ein Ausbruch abzeichnet.
Für Trader hat das konkrete Konsequenzen. Wer Airlines hält — Lufthansa etwa —, muss die Kerosin-Kosten im Blick behalten und damit jede Nachricht aus der Hormuz-Region. Reedereien und Tanker-Betreiber stehen auf der Gewinnerseite: verlängerte Routen, höhere Frachtraten, Verknappung. Die Asymmetrie im Ölmarkt ist kein abstraktes Risiko, sondern ein konkreter Positionierungsfaktor.
Rheinmetall, Telekom, Micron — drei Setups, drei Profile
Die interessantesten Einzelwert-Trades der kommenden Woche liegen in drei Aktien mit sehr unterschiedlichen Charakteristiken.
Rheinmetall schloss am Freitag bei 1.190 Euro — 40,35 Prozent unter dem Hoch von 1.995 Euro, seit Jahresanfang minus 25,69 Prozent. Das 52-Wochen-Tief vom 13. Mai lag bei 1.099,80 Euro, der RSI steht bei 39,6. Die Fundamentaldaten sprechen eine andere Sprache als der Chart: 63,8 Milliarden Euro Auftragsbestand (Rekord), 1,5 Milliarden Euro EU-Fördermittel für die europäische Verteidigungsindustrie in Planung, US-Militärausgaben von 1,14 Billionen Dollar für das Fiskaljahr 2027, europäische Verteidigungsbudgets 2025 um 14 Prozent auf 864 Milliarden Dollar gestiegen. Im Juni steht zudem die Abgabe des Automotive-Geschäfts an — danach ist Rheinmetall eine reine Defense-Story. Wer den Sektor strategisch sieht, hat hier einen Einstieg mit definiertem Stopp am Mai-Tief. Nächster Quartalsbericht: 6. August.
Deutsche Telekom bildete am Freitag bei 27,66 Euro ein Candlestick-Hammer-Signal — ein technisches Long-Signal nach einem Tagesverlust von 0,6 Prozent. UBS und Goldman Sachs haben im Mai und Juni Buy-Ratings ausgegeben. Das ist der ruhigere Trade: defensiv, dividendenstark, mit charttechnischem Rückenwind.
Micron verlor am Freitag 12,16 Prozent auf 755 Euro, nachdem die Aktie am 3. Juni mit 938,70 Euro ein Allzeithoch markiert hatte. Auf Zwölfmonatssicht steht sie noch immer 713 Prozent im Plus. Nvidia-CEO Jensen Huang hat Micron als HBM4-Lieferant für die Vera-Rubin-KI-Plattform bestätigt, Auslieferungen ab Q3 2026. Der Wall-Street-Konsens liegt bei 641,72 Euro Kursziel — deutlich unter dem aktuellen Kurs. Der Quartalsbericht am 24. Juni mit erwartetem Umsatzanstieg von 268 Prozent wird zeigen, ob der Markt bereit ist, diese Bewertung weiter zu tragen.
EZB-Sitzung und SpaceX-IPO — zwei Termine, die Liquidität bewegen
Am Donnerstag tagt die EZB. Candriam erwartet eine Zinserhöhung als Reaktion auf die energiepreisgetriebene Inflation. Für europäische Aktien wäre das ein zusätzlicher Belastungsfaktor in einer Woche, in der am Montag und Dienstag ohnehin die Daten des Statistischen Bundesamts zu Auftragseingängen, Außenhandel und Produktion im Verarbeitenden Gewerbe (April) anstehen, dazu am Dienstag der OECD-Wirtschaftsausblick.
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Parallel dürfte der SpaceX-IPO erhebliche Liquidität binden. Preisbildung am 11. Juni, Listing am 12. Juni an der Nasdaq unter dem Ticker SPCX. Die Zielbewertung liegt bei 1,75 Billionen Dollar bei 135 Dollar je Aktie, bis zu 30 Prozent der Anteile (rund 22,5 Milliarden Dollar) sind für Privatanleger reserviert. Die erwartete Aufnahme in den Nasdaq 100 nach 15 Handelstagen dürfte passiven Kaufdruck erzeugen, die Lock-up-Periode beträgt 180 Tage.
Die Bewertungsspanne ist enorm: Aswath Damodaran taxiert den fairen Wert auf 1,3 Billionen Dollar, Morningstar auf 780 Milliarden. Bei 2025er-Umsatz von 18,7 Milliarden Dollar und einem Verlust von 4,9 Milliarden liegt das Kurs-Umsatz-Verhältnis weit über dem Tech-Median. Stütze: Starlink mit 10,3 Millionen Abonnenten Ende März (Verdoppelung im Jahresvergleich), dazu der Anthropic-Mietvertrag über 1,25 Milliarden Dollar pro Monat bis Mai 2029 und Googles Zahlungen von 920 Millionen Dollar monatlich für Rechenleistung. Der Kontext allerdings ist fragil — Broadcom verlor am Donnerstag und Freitag 19 Prozent, der Nasdaq 100 verzeichnete am Freitag den schlechtesten Handelstag seit über einem Jahr.
Was in der kommenden Woche zählt
Überverkaufte Edelmetalle vor möglicher Gegenbewegung, abgestrafte deutsche Einzelwerte mit definierten Stopp-Niveaus, ein Ölmarkt mit asymmetrischem Risikoprofil, EZB-Sitzung und ein Mega-IPO, der Kapital absorbieren wird. Wer kurzfristig handelt, sollte Positionsgrößen reduzieren, Stopps eng setzen und auf Bestätigung warten. Wer strategisch denkt, findet in Wochen wie dieser Einstiegskurse, die in ruhigeren Phasen nicht zu haben sind.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Rest des Wochenendes.
Herzlichst, Ihr Andreas Sommer
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