Gold hat Anleger bei Aktienverlusten in diesem Jahr nicht zuverlässig geschützt. HSBC Asset Management führt das in einer heute veröffentlichten Einschätzung auch auf Verkäufe gehebelter Investoren zurück: Sie mussten Gold veräußern, um zusätzliche Sicherheiten bereitzustellen. Für Anleger bedeutet das: Gerade wenn an anderen Märkten Geld benötigt wird, kann auch die vermeintliche Absicherung unter Verkaufsdruck geraten.

Liquiditätsbedarf verdrängt die Absicherung

Reuters berichtet ebenfalls von Gold- und Silberverkäufen infolge von Aktienverlusten und Nachschussforderungen. Bloomberg zufolge traf der Verkaufsdruck bei Technologie- und KI-Aktien auch liquide Anlagen wie Edelmetalle. Anleger verwendeten die Erlöse, um Sicherheitenanforderungen zu erfüllen und Verluste in anderen Portfoliobereichen abzudecken.

Damit erklärt sich ein Teil der Schwäche nicht allein aus veränderten Einschätzungen zum Edelmetall. Wer kurzfristig Liquidität beschaffen muss, verkauft auch Positionen, die eigentlich Risiken im Depot abfedern sollten. Die jüngsten Verkäufe stellen deshalb vor allem die kurzfristige Schutzwirkung von Gold infrage.

Der Schlusskurs vom Freitag lag bei 3.997,48 USD je Feinunze; der Siebentagesverlust von -4,1% unterstreicht den Druck auf diese Absicherungsfunktion.

HSBC Asset Management nennt zugleich hohe Anleiherenditen und einen starken Dollar als Belastungen. Die Schwäche beruht damit auf mehreren Faktoren: Zum Liquiditätsbedarf kommt ein Zinsumfeld, das Gold nach Einschätzung des Hauses belastet. Eine Beruhigung der Aktienmärkte allein würde diese zusätzlichen Gegenkräfte nicht beseitigen.

Die Fed setzt den nächsten Prüfstein

Bei der Fed-Sitzung am 27.–28.10. richtet sich der Blick deshalb nicht nur auf die unmittelbare Zinsentscheidung. Wichtig wird auch, welche Signale die Notenbank für ihren weiteren Kurs sendet. Laut Reuters zeigte CME FedWatch eine Wahrscheinlichkeit von 92% für unveränderte Leitzinsen.

Eine Zinspause wäre demnach keine große Überraschung. Für Gold dürfte stärker ins Gewicht fallen, ob die Fed die Erwartungen weiterer Straffungen bestätigt oder abschwächt. Von PTI zitierte Analysten sehen bei einem restriktiveren Ton zusätzlichen Druck; weniger strenge Signale könnten dagegen eine Erholung ermöglichen.

Für Dezember bezifferte Reuters die eingepreiste Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung auf 78%. Einen weiteren Terminanker liefert der PCE-Inflationsbericht am 29.10.

Steigende Ölpreise haben die Inflationssorgen verstärkt. Solange diese Sorgen die Zinserwartungen prägen, bleibt eine wesentliche Belastung für Gold bestehen. Die kommenden Notenbanksignale und Inflationsdaten sind daher auch ein Test dafür, ob sich der Verkaufsdruck über den reinen Liquiditätsbedarf hinaus fortsetzt.

Langfristige Argumente bleiben bestehen

HSBC Asset Management trennt die jüngste Schwäche von den längerfristigen Argumenten für Gold. Das Haus nennt Schulden- und Inflationssorgen, geopolitische Fragmentierung sowie die Diversifizierung der Zentralbankreserven als Stützen.

Aus dieser Einschätzung folgt allerdings kein verlässlicher Schutz bei jedem Aktienrückgang. HSBC empfiehlt vielmehr, Sicherheitsanlagen über Anleihen, Gold, Hedgefonds, Infrastruktur und nicht börsennotierte Anlagen zu verteilen.

Für Anleger liegt die entscheidende Unterscheidung damit zwischen langfristiger Diversifizierung und kurzfristiger Krisenabsicherung. Die jüngsten Verkäufe zeigen die Grenzen der zweiten Funktion. Eine tragfähige Stabilisierung müsste nicht nur mit nachlassenden Nachschussforderungen einhergehen, sondern auch dem Gegenwind aus Dollar, Renditen und Zinserwartungen standhalten.