Notenbanken rund um den Globus haben im zweiten Quartal so viel Gold gekauft wie nie zuvor in einem Vergleichszeitraum. Gleichzeitig sorgt die Zuspitzung der Lage im Nahen Osten für neue Nervosität an den Märkten. Der Goldpreis selbst tut sich damit an diesem Wochenende schwer: Am Freitag schloss die Feinunze bei 4.098,60 US-Dollar, ein Rückgang von 1,54 Prozent binnen Tagesfrist. Damit notiert Gold weiterhin rund 27 Prozent unter dem im Januar markierten Rekordhoch.

Zentralbanken kaufen wie nie zuvor

Der World Gold Council beziffert die Nettokäufe der Zentralbanken im zweiten Quartal auf 289 Tonnen. Das entspricht einem Plus von 62 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Polen war mit 51 Tonnen der größte Käufer, gefolgt von China mit 33 Tonnen – die höchste chinesische Monatszukaufsrate seit Ende 2023. Für das erste Halbjahr summiert sich die weltweite Goldnachfrage laut World Gold Council auf 2.522 Tonnen, ein Wertzuwachs von zwei Prozent gegenüber dem Vorjahr und in Dollar gerechnet ein Rekord von 380 Milliarden.

Auffällig ist der Kontrast zwischen institutioneller und privater Nachfrage. Während Zentralbanken zukaufen, flossen aus börsengehandelten Goldfonds im zweiten Quartal netto 45 Tonnen ab. Die Schmucknachfrage brach im gleichen Zeitraum um 17 Prozent ein, blieb aber wertmäßig stabil, weil Käufer trotz höherer Preise ausgaben – ein Zeichen dafür, dass hohe Notierungen die Nachfrage nach physischem Schmuck bremsen, ohne das Anlageinteresse an Gold grundsätzlich zu schmälern.

Nahost-Spannungen treiben die Risikowahrnehmung

Zur Nervosität am Goldmarkt trägt die Eskalation zwischen den USA und dem Iran bei. Das US-Außenministerium warnte gestern Bürger in zehn Ländern der Region, darunter Israel, Irak, Jordanien, Kuwait und Saudi-Arabien, vor möglichen Flugausfällen und Luftraumsperrungen. US-Präsident Trump kündigte an, im Zweifel „sehr hart“ vorzugehen. Auch ein Drohnenangriff auf Gasschiffe im ägyptischen Damietta hat die Sorge um die Sicherheit des Suezkanals verstärkt. Solche geopolitischen Risiken gelten klassisch als Treiber für die Nachfrage nach dem als sicherer Hafen geltenden Edelmetall, auch wenn sich das im aktuellen Kursbild bislang nicht niedergeschlagen hat.

Zusätzlich belastet ein zwischenzeitlich wieder erstarkter US-Dollar den Goldpreis. Die US-Notenbank beließ ihren Leitzins zuletzt bei 3,50 bis 3,75 Prozent, doch Fed-Chef Kevin Warsh bekräftigte seine Entschlossenheit im Kampf gegen die Inflation. Am Markt wird die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Zinserhöhung im September inzwischen auf 67 Prozent taxiert, nach zuvor 80 Prozent – ein Umfeld, das kurzfristig eher gegen als für steigende Goldpreise spricht.

Analysten uneins über die nächsten Monate

Trotz der jüngsten Schwäche bleiben viele Beobachter mittelfristig zuversichtlich. Raiffeisen-Anlagechef Matthias Geissbühler sieht bei 4.000 Dollar eine Bodenbildung und rechnet bis zum Jahresende mit einem Anstieg auf 4.500 Dollar – ein Plus von rund zehn Prozent gegenüber dem aktuellen Niveau wäre dafür nötig. Der World Gold Council hält Notierungen über 4.500 Dollar allerdings nur für wahrscheinlich, falls sich die globale Konjunktur spürbar abkühlt.

Deutlich optimistischer äußerte sich JPMorgan-Chef Jamie Dimon laut einem Bericht von Yahoo Finance: Er halte einen Anstieg des Goldpreises auf 10.000 Dollar je Feinunze für „leicht“ möglich. Investor Ray Dalio wiederum warnte in demselben Bericht vor Bargeld als Anlageform angesichts anhaltender Geldentwertung und empfahl Gold als Absicherung – das Edelmetall habe über die vergangenen fünf Jahre um 126 Prozent zugelegt.

Für Anleger bleibt die Gemengelage widersprüchlich: Rekordkäufe der Notenbanken und geopolitische Risiken sprechen für strukturelle Unterstützung, ein starker Dollar und Zinserwartungen bremsen kurzfristig. Die nächste richtungsweisende Fed-Sitzung im September dürfte zeigen, welche Kraft sich durchsetzt.