Die Goldpreis-Rallye scheint kein Ende zu nehmen – und jetzt legen die Experten nach. JP Morgan erhöht seine langfristige Prognose für das Edelmetall um satte 15 Prozent auf 4.500 Dollar je Unze. Die Begründung? Eine fundamentale Verschiebung im globalen Währungssystem, gepaart mit geopolitischen Spannungen und einer Flucht aus dem Dollar. Während sich die Aufmerksamkeit auf die heutigen Nvidia-Zahlen richtet und die Märkte nervös auf die Ergebnisse des KI-Giganten warten, vollzieht sich im Hintergrund eine tektonische Verschiebung in der Finanzwelt.
Paradigmenwechsel bei Währungsreserven treibt Gold
Die New Yorker Investmentbank begründet ihre optimistische Einschätzung mit strukturellen Veränderungen im internationalen Finanzsystem. Zentral seien dabei verstärkte Goldkäufe durch Notenbanken, öffentliche Ankündigungen zum Abbau von US-Staatsanleihen sowie die Verlagerung von Währungsreserven weg vom Dollar hin zum chinesischen Renminbi. JP Morgan hat deshalb die Gewichtung für einen „Paradigmenwechsel bei Reservewährungen“ und eine „signifikante Diversifizierung durch Investoren“ in ihren Modellen deutlich erhöht.
Die Bank belässt ihre Jahresendeprognose für 2026 bei 6.300 Dollar – ein Niveau, das noch vor wenigen Jahren utopisch erschienen wäre. Doch der Goldpreis hat bereits in diesem Jahr um etwa 20 Prozent zugelegt und erreichte am Dienstag ein Drei-Wochen-Hoch von 5.248,89 Dollar je Unze. Das Allzeithoch vom 29. Januar bei 5.594,82 Dollar rückt damit wieder in Reichweite. Allein 2025 hatte das gelbe Metall um mehr als 64 Prozent zugelegt – eine Performance, die selbst Tech-Aktien blass aussehen lässt.
Breiter Analystenkonsens: Der Aufwärtstrend ist intakt
JP Morgan steht mit seiner bullishen Einschätzung nicht allein. Macquarie Group hat Anfang Februar ihre durchschnittliche Prognose für das erste Quartal 2026 auf 4.590 Dollar angehoben und erwartet für das Gesamtjahr einen Durchschnittspreis von 4.323 Dollar. Wells Fargo Investment Institute rechnet bis Jahresende mit 6.100 bis 6.300 Dollar, UBS setzt für März, Juni und September ein Ziel von 6.200 Dollar an.
Goldman Sachs prognostiziert 5.400 Dollar bis Dezember 2026, während Morgan Stanley im bullishen Szenario sogar 5.700 Dollar für die zweite Jahreshälfte für möglich hält. Selbst konservativere Stimmen wie HSBC erwarten zum Jahresende 4.450 Dollar. Der Konsens ist eindeutig: Gold bleibt der sichere Hafen in unsicheren Zeiten.
Geopolitik und Handelskriege als Katalysatoren
Die makroökonomischen Rahmenbedingungen spielen dem Edelmetall in die Karten. Nach einem Rücksetzer am Dienstag – Gewinnmitnahmen nach vier Gewinntagen in Folge – kletterte der Spotpreis am Mittwoch wieder um 0,9 Prozent auf 5.190,21 Dollar. Die Unsicherheit rund um die US-Handelspolitik wirkt als Brandbeschleuniger. Präsident Donald Trump hat temporäre globale Importzölle von 10 Prozent eingeführt, nachdem der Oberste Gerichtshof seine weitreichenden „reziproken“ Zölle gekippt hatte. Die Administration arbeitet bereits daran, den Satz formell auf 15 Prozent zu erhöhen.
Parallel dazu steigen die geopolitischen Spannungen. Die USA und Iran treffen sich am Donnerstag in Genf zur dritten Verhandlungsrunde über das Atomprogramm Teherans. Trump positionierte Streitkräfte im Nahen Osten und ließ in seiner State-of-the-Union-Rede am Dienstag durchblicken: „Meine Präferenz ist es, dieses Problem diplomatisch zu lösen. Aber eines ist sicher: Ich werde es dem weltweiten Terrorsponsor Nummer eins niemals erlauben, eine Atomwaffe zu besitzen.“ Solche Drohkulissen lassen Anleger reflexartig zu Gold greifen.
Wirtschaftliche Unsicherheit in Europa und Asien
Während Gold glänzt, verdüstern sich die Aussichten in wichtigen Wirtschaftsregionen. In Deutschland verschlechterte sich die Verbraucherstimmung im März unerwartet auf minus 24,7 Punkte, nachdem Analysten mit einer Verbesserung gerechnet hatten. Die Kaufbereitschaft sank deutlich von minus 4,0 auf minus 9,3 Punkte. „Geopolitische Spannungen, aber auch Herausforderungen in der Sozialpolitik dürften die Unsicherheit und damit auch die Sparbereitschaft hoch halten“, erklärte Rolf Buerkl vom Nürnberg Institut für Marktentscheidungen.
Auch Thailands Zentralbank reagierte auf die unsichere Lage: Sie senkte den Leitzins überraschend um 25 Basispunkte auf 1,0 Prozent – die sechste Zinssenkung seit Oktober 2024. Die Notenbank verwies auf Wachstum unterhalb des Potenzials, die Stärke des Baht sowie die Unsicherheit durch US-Zölle als Begründung. Solche geldpolitischen Lockerungen schwächen typischerweise Währungen und machen Gold als Wertaufbewahrungsmittel attraktiver.
Nvidia im Rampenlicht: KI-Boom oder Seifenblase?
Während Gold von Unsicherheit profitiert, steht die Tech-Welt heute Abend vor einem Lackmustest. Nvidia veröffentlicht nach US-Börsenschluss seine Quartalszahlen – ein Ereignis, das weit über den Chipkonzern hinaus Bedeutung hat. „Es sind nicht nur Nvidia-Investoren, die vor den Zahlen nervös sein werden; der gesamte globale Aktienmarkt dürfte angespannt sein, angesichts der Bedeutung des KI-Handels“, warnte Laurence Booth von CMC Markets.
Analysten erwarten einen Gewinnanstieg um 62 Prozent im Quartal bis Ende Januar und ein Umsatzplus von 68 Prozent. Die Prognose für das erste Quartal liegt bei einem Umsatzsprung von 64 Prozent auf 72 Milliarden Dollar. Nvidia hat die Erwartungen in 13 aufeinanderfolgenden Quartalen übertroffen – doch diesmal muss der Beat mindestens 2 Milliarden Dollar betragen, um die Märkte zu beeindrucken. Optionen implizieren eine Kursbewegung von plus/minus 4,8 Prozent, was bei einer Marktkapitalisierung von 4,7 Billionen Dollar einem Wertschwung von 226 Milliarden Dollar entspricht.
Die Sorgen um KI sind vielschichtig. Meta kündigte gerade einen 100-Milliarden-Dollar-Deal mit AMD an, bei dem der Instagram-Mutterkonzern 6 Gigawatt KI-Rechenleistung kauft und möglicherweise 10 Prozent an AMD erwirbt. Solche kreisförmigen Deals, bei denen Tech-Giganten massiv in KI-Infrastruktur investieren und sich gegenseitig finanzieren, wecken Skepsis: Wann zahlen sich diese Ausgaben aus? Und wer profitiert wirklich?
Politische Reibungen in Japan und den USA
In Japan mahnt der frühere Notenbankchef Haruhiko Kuroda weitere Zinserhöhungen und eine straffere Fiskalpolitik an. Die Wirtschaft sei bereits in „großartiger Verfassung“, sagte Kuroda in einem Interview. Er kritisierte Premierministerin Sanae Takaichis expansive Ausgabenpläne, die eine Aussetzung der Lebensmittel-Mehrwertsteuer um zwei Jahre vorsehen. „Geld auszugeben, um den Schlag steigender Lebenshaltungskosten abzufedern, wäre kontraproduktiv, da dies die Inflation anheizen würde“, warnte der Architekt der „Abenomics“.
In den USA hingegen kämpft Trump mit sinkenden Zustimmungswerten. In seiner State-of-the-Union-Rede am Dienstag beschwor er zwar das „goldene Zeitalter Amerikas“, doch Umfragen zeigen: Nur 36 Prozent der Amerikaner billigen sein wirtschaftliches Handeln. Die Demokraten, angeführt von Virginias Gouverneurin Abigail Spanberger, attackierten ihn scharf wegen hoher Preise und einer aggressiven Einwanderungspolitik, bei der sogar US-Bürger versehentlich festgenommen wurden. Die Midterm-Wahlen im November könnten zum Referendum über Trumps Wirtschaftspolitik werden – und damit für weitere Unsicherheit sorgen, die wiederum Gold in die Hände spielt.
Das Edelmetall profitiert von einem toxischen Mix aus Handelskriegen, geopolitischen Spannungen, schwächelnden Volkswirtschaften und einem schwindenden Vertrauen in den Dollar als alleinige Weltleitwährung. JP Morgans neue Prognose ist mehr als nur eine Zahl – sie ist ein Signal dafür, dass sich die Finanzwelt neu ordnet.


