Rund 70 Prozent der weltweiten Goldnachfrage kommt aus Asien — doch die Handelsinfrastruktur dafür liegt seit Jahrzehnten in London. Das soll sich ändern. Singapur und Hongkong bauen parallel ihre eigenen Gold-Clearing-Systeme auf und fordern Londons Dominanz erstmals ernsthaft heraus.

Singapur und Hongkong greifen an

Die Singapurer Börse SGX will bis Jahresende ein außerbörsliches Abwicklungssystem für physisches Gold einführen — unter dem Namen „Loco Singapore“. Als Clearing-Mitglieder sind DBS, Deutsche Bank, ICBC Standard Bank, JPMorgan, OCBC und UOB vorgesehen. Die vollständige Plattform soll bis Ende 2026 stehen.

Hinzu kommen zwei flankierende Maßnahmen: Ab Oktober bietet Singapurs Zentralbank ausländischen Notenbanken und Staatsfonds eigene Gold-Lagerdienstleistungen an. Außerdem entfällt eine Obergrenze für physische Edelmetalle in bestimmten steuerbegünstigten Fondsstrukturen.

Hongkong zieht parallel nach. Die Stadt peilt den Juli für den Start eines eigenen Gold-Clearing-Systems an und relauncht Gold-Futures. Das Rennen zwischen beiden Finanzzentren spiegelt eine breitere Verschiebung: China, Indien und Staaten des Nahen Ostens bauen ihre Goldreserven systematisch aus — als Teil einer De-Dollarisierungsstrategie. Die Nachfrage nach regionaler Infrastruktur folgt dieser Logik.

Zentralbanken kaufen — trotz Kurskorrektur

Der Antrieb dahinter ist strukturell. Im ersten Quartal 2026 kauften Zentralbanken laut World Gold Council netto 244 Tonnen Gold — das stärkste Quartalsergebnis seit mehr als einem Jahr. China hat seine Reserven dabei 18 Monate in Folge ausgebaut.

Seit 2022 akkumulierten mehrere Länder erhebliche Mengen: China über 350 Tonnen, Polen rund 320 Tonnen, die Türkei rund 220 Tonnen und Indien rund 130 Tonnen. Der Auslöser war die Entscheidung Washingtons, nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine die russischen Dollarreserven einzufrieren. Gold trägt kein staatliches Gegenparteirisiko — es lässt sich nicht sperren oder sanktionieren. Diese Erkenntnis hat das Kaufverhalten vieler Notenbanken dauerhaft verändert.

Allerdings reicht die Zentralbanknachfrage allein aktuell nicht aus, um den Gegenwind aus Dollarstärke und Zinserwartungen zu neutralisieren.

Charttechnik und schwache physische Nachfrage belasten

Der Goldpreis schloss am Freitag bei 4.172,90 US-Dollar — ein Minus von knapp 8 Prozent in den vergangenen 30 Tagen. Seit Jahresbeginn liegt Gold mit rund 4 Prozent im Minus und notiert etwa 26 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 5.626,80 Dollar. Der RSI liegt bei 35,4 und signalisiert damit überverkauftes Terrain, ohne bislang eine Gegenbewegung auszulösen.

Die 200-Tage-Linie hat Gold erstmals seit Oktober 2023 unterschritten. Nach diesem bestätigten Bruch rückt die 4.000-Dollar-Marke als nächste Unterstützung in den Blick.

Die physische Nachfrage in Asien schwächelt kurzfristig ebenfalls. In Indien blieb der Kauf trotz gefallener Preise gedämpft — Händler gewährten teils höhere Abschläge auf Inlandspreise. In China drehte der Markt zeitweise von einem Aufpreis in einen Abschlag gegenüber dem internationalen Spotpreis. Käufer in beiden Märkten warten auf klarere Trends, bevor sie einsteigen.

Makrodaten bestimmen die nächste Richtung

In der kommenden Woche stehen mehrere marktrelevante Veröffentlichungen an:

  • 23. Juni: Fertigungs- und Dienstleistungs-PMI für Juni
  • 25. Juni: Kern-PCE für Mai, US-BIP-Daten für Q1, wöchentliche Erstanträge auf Arbeitslosenunterstützung
  • 26. Juni: Inflationserwartungen der Universität Michigan für Juni

Der Goldpreis hängt damit stärker als zu Jahresbeginn wieder an der US-Geldpolitik. Fallen die PCE-Daten höher als erwartet aus, dürfte der Druck auf die 4.000-Dollar-Marke zunehmen. Zeigen die Daten hingegen nachlassende Inflation, könnte das dem Kurs kurzfristig Stabilität geben.