Der neue Fed-Chef Kevin Warsh leitet heute sein erstes FOMC-Treffen. Für den Goldmarkt ist es eine Sitzung mit ungewöhnlich hoher Unsicherheit — nicht wegen der Zinsentscheidung, sondern wegen dem Mann, der sie erklärt.

Zinspause gilt als sicher — Warschs Ton nicht

Nahezu 97 Prozent der Händler im CME-FedWatch-Markt erwarten unveränderte Zinsen bei 3,50 bis 3,75 Prozent. Eine Reuters-Umfrage unter 102 Ökonomen bestätigt das: 72 von ihnen rechnen mit keiner Zinsänderung bis Ende 2026.

Spannender ist die Frage nach der Haltung. J.P. Morgan Wealth Management Stratege Phil Camporeale erwartet eine explizite Abkehr von einer Lockerungsneigung hin zu einer neutralen Haltung. „Die Kevin-Warsh-Ära hat begonnen“, sagte er — und meint damit vor allem den Kommunikationsstil.

Warsh hat die Fed-Kommunikation in der Vergangenheit scharf kritisiert. Er sieht sie als Ursache für Politikfehler. Sein angekündigter „Regimewechsel“ schließt ein Umdenken beim Prognosestil und bei der Kommunikationsfrequenz ein. Wie genau, weiß niemand.

Inflation gibt wenig Spielraum

Die US-Inflation stieg im Mai auf 4,2 Prozent — der höchste Stand seit April 2023. Treiber war ein Energiepreisanstieg von 23,5 Prozent infolge des Iran-Konflikts. Die Kerninflation verharrte bei 2,9 Prozent, leicht unter den Schätzungen.

Das Bild ist eindeutig: Inflation oberhalb des Zielniveaus, erhöhte Energiepreise, kaum Spielraum für Zinssenkungen. Allerdings haben die USA und der Iran inzwischen ein Friedensabkommen erzielt. Die Straße von Hormus soll wieder öffnen. Ölpreise fielen daraufhin auf ein Zweimonatstief — ein Teil des Inflationsdrucks löst sich damit auf.

Gold erholt sich, bleibt aber unter Druck

Gold notierte zuletzt bei 4.355 USD je Feinunze — rund 1,7 Prozent höher als vor einer Woche. Über 30 Tage steht dennoch ein Minus von knapp fünf Prozent. Das Metall liegt damit mehr als fünf Prozent unter seinem 50-Tage-Durchschnitt und hat zuletzt erstmals seit Oktober 2023 unterhalb des 200-Tage-Durchschnitts geschlossen.

Ein struktureller Stützpfeiler bleibt intakt: die Zentralbanknachfrage. Im ersten Quartal 2026 kauften Notenbanken netto 244 Tonnen Gold — das stärkste Quartalsergebnis seit mehr als einem Jahr. Die chinesische Zentralbank kaufte im Mai erneut und dehnte ihre Kaufserie auf 19 aufeinanderfolgende Monate aus. So lang war sie seit mindestens 2015 nicht mehr.

Dot Plot als eigentlicher Kurstreiber

Das Juni-Treffen ist eine Projektionssitzung: Es gibt einen aktualisierten Dot Plot, neue Wirtschaftsprojektionen und eine Pressekonferenz am heutigen Abend.

Die Märkte preisen eine 70-prozentige Wahrscheinlichkeit für mindestens eine Zinserhöhung bis Dezember ein. Dieser Widerspruch zur fast sicheren Zinspause heute macht Warschs ersten Auftritt als Fed-Chef zum Schlüsselmoment. Verschiebt der Dot Plot die Erwartungen nach oben, dürfte Gold weiter unter Druck geraten. Bleibt Warsch vage, könnte die Unsicherheit selbst als Stütze wirken.