Der Goldpreis hat am Freitag mit 4.661,60 US-Dollar je Feinunze ein Dreimonatshoch markiert, ein Plus von 1,9 Prozent zum Vortag. Auslöser ist keine neue Zinsentscheidung, sondern eine tiefere Verunsicherung über die amerikanische Fiskalpolitik.

US-Finanzminister Scott Bessent hat seine Anleiherückkäufe verdoppelt, um die Rendite am langen Ende zu drücken – mit begrenztem Erfolg. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen lag zuletzt bei 4,70 Prozent, die dreißigjährige bei 5,25 Prozent. Die US-Staatsverschuldung hat die Marke von 40 Billionen Dollar überschritten.

Dollar verliert an Vertrauen

Commerzbank-Analyst Carsten Fritsch bringt die Stimmung auf den Punkt: Das Vertrauen in den US-Dollar erodiere. Diese Einschätzung deckt sich mit der Beobachtung von Goldman Sachs, die von einem „definitiven Stagflationsgeruch“ sprechen – eine Gemengelage aus schwachem Wachstum und hartnäckiger Inflation, die klassischerweise Gold begünstigt.

Parallel zum Goldpreis legte zuletzt auch der Ölpreis zu, während der Dollar gegenüber Euro und Australischem Dollar nachgab. Auf Zwölfmonatssicht steht beim Gold ein Plus von 40 Prozent zu Buche, allerdings notiert der Preis noch 17 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch vom 29. Januar.

Auch die chinesische Notenbank stützt den Trend struktureller Nachfrage: Sie hat ihre Goldreserven bereits den 19. Monat in Folge aufgestockt und kam Ende Mai auf gut 2.331 Tonnen, ein Zuwachs von rund zehn Tonnen gegenüber dem Vormonat. Solche Käufe wirken unabhängig von kurzfristigen Kursschwankungen und liefern eine Basis für die längerfristige Preisentwicklung.

Analysten sehen weiteres Potenzial – trotz Warnsignalen

Wells Fargo Investment Institute rechnet bis Jahresende mit einem Goldpreis zwischen 4.900 und 5.100 Dollar je Unze, was einem Potenzial von rund 11 Prozent gegenüber dem aktuellen Niveau entspräche. Für 2027 nennt das Haus sogar eine Spanne von 5.400 bis 5.600 Dollar.

Bendura Bank rechnet zum Jahresende hingegen konservativer mit rund 4.600 Dollar. Das kommende Jackson-Hole-Symposium Ende August gilt vielen Marktteilnehmern als Weichenstellung für die weitere Geldpolitik und damit auch für die Goldpreisrichtung.

Nicht alle Stimmen sind einhellig optimistisch. Die kanadische Bank of Montreal hat ihre Prognose für den Halbjahresdurchschnitt auf 4.625 Dollar gesenkt, ein Abschlag von 5 Prozent gegenüber der bisherigen Schätzung. Als Hauptrisiko gilt eine mögliche Zinserhöhung der US-Notenbank, sollte sich der Inflationsdruck durch steigende Ölpreise verschärfen – befeuert auch durch die angespannte Lage im Nahen Osten und Sorgen um die Straße von Hormus.

Was das für Anleger bedeutet

Für Investoren ergibt sich ein zweigeteiltes Bild: Kurzfristig treibt die Kombination aus Dollar-Skepsis, Anleihe-Interventionen und geopolitischer Unsicherheit den sicheren Hafen Gold an. Mittelfristig bleibt die Fed-Politik der entscheidende Unsicherheitsfaktor.

Die Spanne der Prognosen – von vorsichtigen 4.600 Dollar bis zu optimistischen 5.600 Dollar für 2027 – spiegelt genau diese Unsicherheit wider. Wer auf Gold setzt, wettet damit im Kern auf anhaltende Zweifel an der Stabilität der amerikanischen Fiskal- und Geldpolitik.