Ein Ausverkauf im gesamten Rüstungssektor hat Hensoldt am Montag erfasst. Zusammen mit Rheinmetall, RENK und TKMS gab die Aktie deutlich nach, nachdem Kritik der Bundeswehr an Projektverzögerungen und Qualitätsmängeln das Vertrauen in die Auftragsabwicklung der Branche erschüttert hatte.

Der Schlusskurs von 82,10 Euro am Dienstag liegt rund 30 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 117,70 Euro, das die Aktie im Oktober vergangenen Jahres erreicht hatte.

Bundeswehr-Kritik zieht die ganze Branche mit

Der Ausverkauf traf nicht nur Hensoldt. Rheinmetall verlor am Montag 3,79 Prozent auf 1.110,80 Euro – trotz eines Rekordquartals mit 69 Prozent Umsatzwachstum im zweiten Quartal und einem Auftragsbestand von 80,5 Milliarden Euro. RENK gab 1,17 Prozent nach, TKMS rund 1,9 Prozent.

Die Skepsis der Investoren speist sich offenbar weniger aus operativen Zahlen als aus grundsätzlichen Zweifeln, ob die Rüstungsindustrie ihre prall gefüllten Auftragsbücher auch termingerecht und in der geforderten Qualität abarbeiten kann.

Für Hensoldt kommt diese Belastung zu einem ungünstigen Zeitpunkt: Die Aktie setzte am Dienstag ihren negativen Trend fort und fiel weiter, nachdem sie in den vorangegangenen drei Monaten bereits an Boden verloren hatte.

Die grundsätzliche Geschäftsentwicklung des Sensorik- und Elektronikspezialisten gibt an sich wenig Anlass zur Sorge. Im ersten Quartal hatte Hensoldt einen Auftragseingang von 1.483 Millionen Euro gemeldet, mehr als doppelt so viel wie im Vorjahreszeitraum.

Der Auftragsbestand erreichte mit 9.801 Millionen Euro einen neuen Rekordwert, ein Plus von 41 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Book-to-Bill-Ratio von 3,0 signalisiert, dass deutlich mehr Aufträge eingehen als Umsatz realisiert wird – ein Zeichen für anhaltend hohe Nachfrage.

Auf der Hauptversammlung im Mai bestätigte das Management die Jahresziele für 2026: einen Umsatz von rund 2.750 Millionen Euro, eine bereinigte EBITDA-Marge von 18,5 bis 19,0 Prozent sowie eine Dividende von 0,55 Euro je Aktie für das Geschäftsjahr 2025.

Charttechnisch angeschlagen, fundamental intakt

Dass der breite Rüstungssektor trotz starker operativer Kennzahlen unter Druck steht, zeigt sich auch bei Hensoldt selbst: Bereits Ende Februar hatte das Unternehmen einen Rekordauftragseingang gemeldet, die Aktie fiel dennoch um 7 Prozent, weil die Jahresprognose Analysten nicht überzeugte. Ein ähnliches Muster – starke Fundamentaldaten, schwache Kursreaktion – wiederholt sich damit im aktuellen Ausverkauf.

Zusätzliche Unsicherheit lieferte im Juni der Stopp des Fregattenprogramms F126 durch Verteidigungsminister Pistorius, der die Aktie binnen drei Tagen mehr als 10 Prozent kostete und das Jahrestief bei 63,12 Euro markierte.

Von diesem Tief hat sich das Papier seither um rund 30 Prozent erholt, notiert aber weiterhin klar unter seinem Rekordhoch. Der Relative-Stärke-Index von 40 signalisiert dabei keine überverkaufte, aber angeschlagene Marktstimmung.

Im März hatte Hensoldt zudem die Übernahme des niederländischen Optronik-Spezialisten Nedinsco mit 140 Mitarbeitern angekündigt, der Abschluss war für Mitte 2026 geplant.

Die Integration eines weiteren Sensorik-Spezialisten passt zur Wachstumsstrategie des Unternehmens, dürfte kurzfristig aber kaum reichen, um die aktuelle Skepsis der Anleger gegenüber dem gesamten Sektor zu zerstreuen. Anleger richten den Blick nun darauf, ob die Bundeswehr ihre Kritik an der Auftragsabwicklung konkretisiert oder ob sich die Wogen wieder glätten.