Hormuz-Krise erschüttert Weltmärkte

Der Konflikt im Persischen Golf löst weitreichende wirtschaftliche Schockwellen aus, die über den Ölpreis hinaus Industrien, Währungen und Versorgungssicherheit gefährden.

Hormuz-Krise erschüttert Weltmärkte
Kurz & knapp:
  • Lieferketten für Rohstoffe und Dünger massiv gefährdet
  • Kostenexplosion trifft Luftfahrt und Schifffahrt hart
  • Geopolitische Unsicherheit belastet Petrodollar-System
  • Australische Minen und Pharma profitierten von Verschiebungen

Der Konflikt im Persischen Golf hat längst aufgehört, ein regionales Problem zu sein. Was als militärische Auseinandersetzung begann, entfaltet sich zu einem wirtschaftlichen Schock mit globaler Reichweite — und die eigentlich gefährlichen Wellen kommen erst noch.

US-Präsident Donald Trump signalisierte zwar, die Operation „Epic Fury“ gegen den Iran nähre sich ihrem Ende. Doch selbst wenn die Waffen schweigen, bleiben die Narben in den globalen Lieferketten. Morgan Stanley warnt eindringlich vor sogenannten Zweitrundeneffekten der Hormuz-Krise — Folgewirkungen, die weit über den Ölpreis hinausgehen.

Mehr als nur ein Ölpreisproblem

Die Straße von Hormuz ist kein gewöhnlicher Schifffahrtsweg. Rund 20 Prozent des weltweit gehandelten Öls passieren diesen engen Korridor zwischen dem Iran und Oman. Aber die Region ist auch Hauptlieferant für Petrochemikalien, Düngemittel und Metalle wie Aluminium — allesamt unverzichtbare Vorleistungsgüter für die globale Industrie.

Morgan Stanley schätzt, dass Milliarden von Dollar an Handelsströmen allein im Aluminium- und Kunststoffbereich gefährdet sind. Besonders kritisch: Stickstoffbasierte Düngemittel, deren Produktion stark von Erdgas abhängt. Fallen diese Lieferungen aus, trifft das nicht nur Chemiefirmen — sondern am Ende auch die Lebensmittelproduktion weltweit.

Schwellenländer wie Indien, Brasilien und die Türkei sind besonders exponiert, da sie in hohem Maße auf Industrierohstoffe aus dem Nahen Osten angewiesen sind. Aber auch Japan und Teile Europas stehen vor erheblichen Versorgungsrisiken.

Eisenerz, Airlines, Dollar: Die Kette der Kollateralschäden

Die steigenden Energiekosten fressen sich durch nahezu jede Branche. Am Eisenerzmarkt beispielsweise schlägt laut UBS jede Ölpreiserhöhung um zehn Dollar pro Barrel mit rund 0,40 bis 0,80 Dollar pro Tonne auf die Produktionskosten durch — über höhere Bunkerölkosten für Schiffe und gestiegene Kraftstoffkosten an den Minenstandorten. Die Kostenstruktur der Branche verändert sich dadurch grundlegend: Ein größerer Teil der Produktion wird bei niedrigeren Preisen unwirtschaftlich, was den Eisenerzpreis faktisch nach unten abfedert, selbst wenn die Nachfrage aus China schwächelt.

Die Luftfahrtbranche trifft es noch unmittelbarer. UBS erwartet, dass mehrere große US-Fluggesellschaften ihre Jahresprognosen für 2026 in den nächsten Wochen aussetzen werden. United Airlines sieht dabei noch vergleichsweise gut aus, während American Airlines aufgrund höherer Kraftstoffkostenempfindlichkeit unter Druck gerät. Das Grundproblem: Können die Fluggesellschaften die gestiegenen Kosten über Ticketpreise weitergeben? In einem zunehmend preissensiblen Reisemarkt ist das keine triviale Frage.

Und selbst der US-Dollar als globale Leitwährung steht unter Beobachtung. UBS-Chefvolkswirt Paul Donovan analysiert, wie die Petrodollar-Logik unter dem Druck der aktuellen Krise erodiert. Historisch kauften Golfstaaten mit ihren Öleinnahmen amerikanische Rüstungsgüter und US-Staatsanleihen — ein Kreislauf, der den Dollar stützte. Doch Saudi-Arabiens Importanteil aus den USA ist auf rund acht Prozent geschrumpft. Sollten die Golfstaaten nun verstärkt Militärgüter anderswo beschaffen, könnte die Bereitschaft schwinden, Öleinnahmen in Dollar zu halten.

Russlands leises Spiel und Irans Raketen

Inmitten dieser wirtschaftlichen Verwerfungen spielen sich geopolitische Machtspiele ab, die die Unsicherheit weiter nähren. Kremlchef Wladimir Putin bezeichnete Russland in einem Glückwunschschreiben zum persischen Neujahr als „loyalen Freund und verlässlichen Partner“ des Iran. Doch hinter dieser diplomatischen Geste klaffen laut iranischen Insidern erhebliche Lücken: Russland habe bislang „wenig echte Hilfe“ geleistet.

Für die Märkte ist das eine kritische Variable. Bleibt Moskau passiv, fehlt dem Iran ein strategischer Rückhalt im Norden — was die Verwundbarkeit der Region für Handelsunterbrechungen erhöht und Seeversicherungsprämien im gesamten Nahen Osten weiter in die Höhe treibt.

Gleichzeitig demonstrierte Teheran militärische Stärke: Der Iran feuerte zwei Mittelstreckenraketen auf den gemeinsamen US-britischen Stützpunkt auf Diego Garcia ab. Die Raketen verfehlten ihr Ziel, die Botschaft aber nicht: Irans Reichweite übertrifft westliche Geheimdienstschätzungen. Das trübt die Aussichten für Handelsrouten im Indischen Ozean zusätzlich.

Trumps Exitplan und die offene Flanke

Trumps Ankündigung eines Fünf-Punkte-Plans für einen militärischen Rückzug ließ den S&P-500-ETF im Nachhandel um 0,9 Prozent steigen — Anleger preisen eine mögliche Deeskalation ein. Der Plan sieht unter anderem die vollständige Ausschaltung von Irans Marine und Luftwaffe vor sowie eine dauerhafte Überwachung nuklearer Aktivitäten.

Bemerkenswert ist dabei Trumps neue Doktrin für die Straße von Hormuz: Da die USA dank ihrer Schieferölproduktion kaum noch auf die Durchfahrtsroute angewiesen sind, sollen künftig die abhängigen Nationen selbst für die Sicherheit aufkommen. Eine multinationale Koalition soll den Korridor bewachen.

Das klingt pragmatisch. Doch für die Volkswirtschaften, die tatsächlich auf Hormuz-Öl angewiesen sind — von Japan bis Europa — bedeutet es eine strukturelle Neubewertung von Versorgungssicherheit und Risikoprämien. Morgan Stanley betont: Selbst wenn sich die Lage militärisch beruhigt, brauchen Lieferketten und Industriekapazitäten deutlich länger zur Erholung als Ölflüsse. Die wirtschaftlichen Nachwehen der Hormuz-Krise dürften den Konflikt selbst weit überdauern.

Wer profitiert, wer verliert

Während die meisten Sektoren unter dem Energieschock leiden, gibt es auch Gewinner der neuen Ordnung. Australische Eisenerzproduzenten etwa profitieren laut UBS von kürzeren Transportwegen nach China und sind damit weniger anfällig für Bunkerölkosten als Konkurrenten aus entfernteren Regionen.

Und Eli Lilly nutzt die diplomatische Annäherung zwischen Washington und Peking für einen milliardenschweren Einstieg in den chinesischen Markt: drei Milliarden Dollar über zehn Jahre, unter anderem für die lokale Produktion von Orforglipron, einem experimentellen Abnehmmittel. Chinas Handelsminister Wang Wentao empfing Lilly-Chef David Ricks in Peking und signalisierte Wohlwollen — ein Hinweis, dass Peking gezielt strategische Investitionen schützt, auch in angespannten Zeiten.

Die globale Wirtschaft navigiert derzeit durch mehrere Krisen gleichzeitig. Das Hormuz-Szenario ist dabei das Epizentrum — aber die Ausläufer reichen von Weizenfeldern in Brasilien über Flughafen-Gates in Dallas bis hin zu Schwellenländeranleihen in Istanbul.

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Mit über fünfzehn Jahren Erfahrung als Wirtschaftsjournalist hat sich Felix Baarz als Experte für internationale Finanzmärkte etabliert. Seine Leidenschaft gilt den Mechanismen globaler Finanzmärkte und komplexen wirtschaftspolitischen Zusammenhängen, die er für seine Leserschaft verständlich aufbereitet.In Köln geboren und aufgewachsen, entdeckte er früh sein Interesse für Wirtschaftsthemen und internationale Entwicklungen. Nach seinem Studium startete er als Wirtschaftsredakteur bei einer renommierten deutschen Fachpublikation, bevor ihn sein Weg ins Ausland führte.Ein prägendes Kapitel seiner Karriere waren die sechs Jahre in New York, wo er direkten Einblick in die globale Finanzwelt erhielt. Die Berichterstattung von der Wall Street und über weltweite wirtschaftspolitische Entscheidungen schärfte seinen Blick für globale Zusammenhänge.Heute ist Felix Baarz als freier Journalist für führende Wirtschafts- und Finanzmedien im deutschsprachigen Raum tätig. Seine Arbeit zeichnet sich durch fundierte Recherchen und präzise Analysen aus. Er möchte nicht nur Fakten präsentieren, sondern auch deren Bedeutung erklären und seinen Lesern Orientierung bieten – sei es zu wirtschaftlichen Trends, politischen Entscheidungen oder langfristigen Veränderungen in der Finanzwelt.Zusätzlich moderiert er Diskussionen und nimmt an Expertenrunden teil, um sein Wissen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Dabei liegt sein Fokus darauf, komplexe Themen informativ und inspirierend zu vermitteln. Felix Baarz versteht seine journalistische Aufgabe darin, in einer sich schnell wandelnden Welt einen klaren Blick auf wirtschaftliche Zusammenhänge zu ermöglichen und seine Leser bei fundierten Entscheidungen zu unterstützen – beruflich wie privat.