Ein Gewinnwarnung-Beben bei IBM riss am Dienstag den gesamten Software-Sektor mit nach unten. Während der Tech-Riese mit einem Kursrutsch von historischem Ausmaß kämpft, verhandelt Oracle mit Ratingagenturen über seine Kreditwürdigkeit, Apple zieht gegen OpenAI vor Gericht— und SoftBank surft munter auf der KI-Welle weiter. Fünf Aktien, fünf völlig unterschiedliche Geschichten.

IBM: Softwareschwäche löst Kettenreaktion aus

IBM hat mit einer Gewinnwarnung einen Ausverkauf quer durch den Technologiesektor ausgelöst. Die Aktie brach heute um 22,91 Prozent ein und fiel von 254,70 Euro auf 196,34 Euro— ein Absturz, der auch andere Softwarewerte wie Microsoft, ServiceNow, Salesforce und Intuit mit nach unten zog.

Der Grund: Unternehmen verschieben ihre Ausgaben zunehmend weg von Software hin zu Rechenzentrums-Infrastruktur. CEO Arvind Krishna erklärte, Kunden hätten in den letzten Juni-Wochen ihre Quartalsbudgets verstärkt in Server, Speicher und Arbeitsspeicher gesteckt— aus Sorge vor Lieferengpässen und steigenden Preisen. IBM rechnet nun mit einem Quartalsumsatz von 17,2 Milliarden Dollar und einem bereinigten Gewinn je Aktie von 2,93 Dollar, deutlich unter den Analystenschätzungen von 3,01 Dollar.

Besonders schmerzhaft: Das Infrastrukturgeschäft schrumpfte um 7 Prozent, während die Softwaresparte immerhin um 5 Prozent zulegte. Krishna räumte ein, sein Unternehmen habe sich nicht schnell genug an die veränderten Marktbedingungen angepasst— zahlreiche Großaufträge seien deshalb nicht wie erwartet abgeschlossen worden.

Analyst Chris Beauchamp von IG Group bezeichnete den Tag als „hässlichen Moment“ für IBM und die gesamte Softwarebranche. Die entscheidende Frage sei, wie lange die Verschiebung hin zu Infrastruktur und Cybersicherheit anhält. Halte der Trend länger als ein paar Monate an, drohten neue grundsätzliche Zweifel an Softwarewerten. Mit einem RSI von 31,3 gilt die Aktie inzwischen als überverkauft.

Oracle: Ratingabstufung trifft auf Milliarden-Cashflow-Loch

Oracle testet gerade mehrjährige Tiefstände, während Anleger einen historischen Infrastruktur-Ausbau gegen ein sich verschlechterndes Kreditprofil abwägen. Die Aktie fiel heute um 2,62 Prozent auf 112,80 Euro und notiert damit nur knapp über ihrem 52-Wochen-Tief von 111,58 Euro.

S&P stufte die langfristige Emittentenbonität von Oracle auf ‚BBB-‚ herab— nur noch eine Stufe über „Ramschniveau“. Grund ist das strukturelle Risiko aus Oracles massivem Vorstoß in die KI-Infrastruktur. Im vergangenen Geschäftsjahr schossen die Investitionsausgaben um 162 Prozent auf 55,7 Milliarden Dollar nach oben— trotz eines operativen Cashflows von 32 Milliarden Dollar blieb unterm Strich ein negativer freier Cashflow von 23,7 Milliarden Dollar übrig.

Für das laufende Geschäftsjahr erwartet S&P Investitionen zwischen 90 und 95 Milliarden Dollar, bei einem Cashflow-Defizit von rund 42 Milliarden Dollar. Verschärfend kommt die Kundenkonzentration hinzu: OpenAI allein macht schätzungsweise die Hälfte von Oracles Auftragsbestand von etwa 638 Milliarden Dollar aus. Um die Finanzierungslücke zu schließen, setzt Oracle verstärkt auf Kapitalerhöhungen— nach einer Wandelvorzugsaktien-Emission über 5 Milliarden Dollar im Februar soll später in diesem Jahr eine weitere Kapitalerhöhung über 20 Milliarden Dollar folgen.

Die Meinungen am Markt gehen weit auseinander. Bernstein-Analyst Mark Moerdler bestätigte seine Kaufempfehlung mit Kursziel 325 Dollar— das würde einem Kurspotenzial von 132 Prozent entsprechen. Sein Argument: Das Leasingmodell schütze Oracle vor einem Teil des Kapazitätsrisikos. Skeptiker halten dagegen, dass die Rechnung mit dem Auftragsbestand schlicht noch nicht aufgeht, solange derart hohe Cashflow-Defizite anfallen.

SAP: Regulatorische Entwarnung verpufft wirkungslos

SAP hat eine wichtige regulatorische Hürde genommen, ohne eine Strafe zahlen zu müssen— trotzdem bleibt der Kurs in der Nähe seines Jahrestiefs gefangen. Die EU-Kommission schloss das Verfahren AT.40823 formell ab, nachdem SAP verbindliche Zusagen gemacht hatte, die für ein Jahrzehnt unter Aufsicht eines unabhängigen Treuhänders gelten.

Kunden können künftig ihren Support-Anbieter pro System frei wählen, statt an einen einzigen Vertrag gebunden zu sein. Sie können ungenutzte Lizenzen kündigen, wenn die Mitarbeiterzahl innerhalb von zwei Jahren um mehr als 10 Prozent sinkt, und müssen bei einer späteren Rückkehr keine Wiedereintrittsgebühren zahlen.

Der Markt reagierte trotzdem verhalten. Die Aktie fiel heute um 5,83 Prozent auf 132,06 Euro und liegt damit nur knapp über dem 52-Wochen-Tief von 130,80 Euro. UBS senkte sein Kursziel deutlich von 205 auf 164 Euro— bei weiterhin bestehender Kaufempfehlung. Diese Kürzung um ein Fünftel signalisiert schwindendes Vertrauen in eine schnelle Erholung, auch wenn Nahost-Spannungen und die EU-Einigung mit einem Aktienrückkaufprogramm von 2,6 Milliarden Euro gegeneinander abgewogen wurden.

Andere Analysten bleiben deutlich zuversichtlicher: Berenberg sieht 215 Euro, Jefferies kürzlich auf 210 Euro reduziert, und Bernstein Research traut der Aktie sogar 276 Euro zu. Die für den 23. Juli angesetzten Quartalszahlen dürften zum nächsten entscheidenden Test werden— schafft SAP es, die monatelange Kursstarre zu durchbrechen?

SoftBank: Physische KI als nächste Milliardenwette

SoftBank baut sein Standbein in der Unternehmens-KI aus, während die Bilanz-Exposure gegenüber OpenAI weiter genau beobachtet wird. Die Aktie legte heute um 5,11 Prozent auf 35,00 Euro zu und hat allein in den vergangenen sieben Handelstagen 14,75 Prozent gewonnen.

SoftBank Corp und die KI-Firma Sierra vereinbarten eine Partnerschaft, um KI-Agenten-gestützten Kundensupport in Japan auszurollen. Die Zusammenarbeit baut auf einer bestehenden Beziehung auf— SoftBank nutzt Sierras Technologie bereits für seine Mobilfunkmarke LINEMO. Künftig soll der Einsatz auch auf die Marken SoftBank und Y!mobile sowie weitere Konzerndienste ausgeweitet werden.

Der Sierra-Deal fügt sich in eine deutlich größere Strategie ein. Konzernchef Masayoshi Son bezeichnet humanoide und industrielle Robotik mit „physischer KI als Kern“ als die nächste Billionen-Dollar-Chance. Getrieben von seiner KI-Infrastruktur und Plattform-Positionierung hat SoftBank inzwischen Toyota als wertvollstes Unternehmen Japans überholt. Die massiven Verpflichtungen gegenüber OpenAI bleiben dabei ein zweischneidiges Schwert— sie verschaffen Zugang zu den größten Gewinnern der KI-Welle, wecken bei Kreditanalysten aber gleichzeitig Sorgen über die Verschuldung.

Apple: Rechtsstreit mit OpenAI eskaliert

Apple hat seinen Konflikt mit OpenAI vor ein Bundesgericht in Nordkalifornien getragen. Der Vorwurf: Diebstahl von Geschäftsgeheimnissen. OpenAI habe geistiges Eigentum von Apple genutzt, um eigene Hardware zu entwickeln. Die Klageschrift wird deutlich: OpenAI stehle auf allen Ebenen— vom technischen Personal bis zum Chief Hardware Officer— in Abstimmung mit Geschäftspartnern Apples vertrauliche Informationen.

Die Klage nennt konkrete Namen. OpenAIs Hardware-Chef Tang Tan, früher Vizepräsident bei Apple, soll Bewerber, die noch bei Apple angestellt sind, dazu aufgefordert haben, „tatsächliche Bauteile“ zu Vorstellungsgesprächen mitzubringen. Nach Apples Darstellung wurden rund 400 Apple-Mitarbeiter von OpenAI abgeworben und aktiv dazu gedrängt, Geschäftsgeheimnisse preiszugeben. Apple fordert Schadenersatz, einstweilige Verfügungen und ein gerichtliches Verbot der weiteren Nutzung seiner Geheimnisse.

Besonders bemerkenswert ist der Bruch angesichts der bisherigen Geschäftsbeziehung— erst 2024 hatten beide Unternehmen eine prominente Partnerschaft geschlossen, als ChatGPT ins iPhone-Betriebssystem integriert wurde. OpenAI wies die Vorwürfe zurück und erklärte, kein Interesse an fremden Geschäftsgeheimnissen zu haben.

Trotz des Rechtsstreits hält sich die Aktie vergleichsweise stabil. Sie notiert bei 276,20 Euro, nur 2,47 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch, und hat seit Jahresbeginn 19,52 Prozent zugelegt. Parallel sichert sich Apple die eigene Lieferkette für das KI-Zeitalter— mit einer Zusage von 1,5 Milliarden Dollar an Broadcoms Werk in Fort Collins für Funk- und Drahtloskomponenten bis 2031.

Sektordynamik: Drei Geschichten, ein Trade

Die fünf Werte zeichnen aktuell drei völlig unterschiedliche Erzählungen innerhalb der KI-Aktien nach:

  • IBM und Oracle kämpfen mit den finanziellen Folgen des kapitalintensiven Wettlaufs— aus entgegengesetzten Richtungen. IBM verliert Softwarekunden an die Infrastrukturseite, während Oracle als Infrastruktur-Profiteur seine eigenen Ausgaben zur Kreditbelastung werden lässt.
  • SAP bewegt sich in einer Zwischenzone— juristisch nach der EU-Einigung entlastet, aber weiterhin von Skepsis über Margen und KI-bedingte Kostenbelastung vor den Zahlen am 23. Juli geplagt.
  • Apple und SoftBank stehen für die Plattform- und Kapitalallokationsseite der KI-Story: Apple verteidigt seine Hardware-Patente gegen einen einstigen Partner, SoftBank drängt gleichzeitig in Unternehmens-KI-Agenten und physische KI-Infrastruktur vor, während seine OpenAI-Exposure Kreditanalysten wachsam hält.

Die Ironie liegt auf der Hand: Unternehmensbudgets, die IBMs Softwaregeschäft den Rücken kehren, fließen tendenziell genau in jene Hardware- und Cloud-Kapazitäten, für deren Aufbau Oracle und vergleichbare Anbieter gerade massiv Kapital verbrennen.

Was Anleger in den kommenden Wochen im Blick behalten sollten

Gleich mehrere konkrete Termine dürften in den nächsten zwei Wochen Klarheit bringen. SAP legt am 23. Juli Quartalszahlen vor— der erste echte Test, ob Cloud-Auftragsbestand und Margen die anhaltende Kursflaute ausgleichen können. IBMs offizielle Geschäftszahlen werden zeigen, ob die Verschiebung von Software zu Infrastruktur nur eine Quartalsanomalie war oder ein dauerhafter Trend für die gesamte Softwarebranche.

Oracles weiterer Weg hängt davon ab, ob auch Moody’s dem Ratingschritt von S&P folgt und wie der Markt auf die geplanten Kapital- und Anleiheemissionen reagiert. SoftBanks Vorstöße in physische KI und die Sierra-Partnerschaft werden an seiner OpenAI-Verschuldung gemessen werden. Apples Rechtsstreit mit OpenAI wiederum fügt einer einst prägenden KI-Partnerschaft eine völlig neue Unsicherheit hinzu.