Europas Gasversorgung steuert auf harte Monate zu. Die Internationale Energieagentur rechnet damit, dass die angespannte Marktlage bis weit in das Jahr 2027 anhalten wird. Historisch niedrige Speicherstände und anhaltende Lieferausfälle aus dem Nahen Osten treffen im anbrechenden Winter aufeinander.
Die Märkte reagieren prompt. Am Dienstag kletterte der richtungweisende Terminkontrakt TTF in Amsterdam um mehr als drei Prozent auf 98,26 Euro je Megawattstunde. Meldungen über erneute US-Militärangriffe auf Ziele im Iran trieben den Preis für europäisches Erdgas am Vormittag an.
Der Preisanstieg der vergangenen Monate setzt sich damit fort. Seit Jahresbeginn hat sich der Brennstoff mehr als verdreifacht, angetrieben von den geopolitischen Spannungen rund um die Förderregionen.
Lieferstopp in der Straße von Hormus
Der Hauptgrund für den anhaltenden Preisdruck liegt am Persischen Golf. Die faktische Blockade der Straße von Hormus infolge des Iran-Kriegs hat den weltweiten Markt spürbar verengt. Allein zwischen März und Oktober brachen die Lieferungen aus Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten um mehr als 60 Milliarden Kubikmeter ein.
Damit fehlen dem Markt erhebliche Mengen an verflüssigtem Erdgas. Zwar geht auch die weltweite Nachfrage zurück, weil die europäische Industrie weniger verbraucht und asiatische Kraftwerke vermehrt auf Kohle ausweichen. Diese Einsparungen genügen jedoch nicht, um den Ausfall der wichtigen Tankerrouten vollständig auszugleichen.
Die Internationale Energieagentur rechnet für das Gesamtjahr 2026 mit einem weltweiten Rückgang des Flüssiggas-Angebots um drei Prozent. Das entspricht fast 20 Milliarden Kubikmetern. Europa muss sich auf einen verschärften Wettbewerb mit Importeuren aus Asien und Südamerika einstellen.
Speicher auf dem tiefsten Stand seit 2013
Erschwert wird die Situation durch geringe Puffer vor der eigenen Haustür. Die Gasspeicher in der Europäischen Union starten mit den niedrigsten Reserven seit 2013 in die Heizsaison.
Bei einem ungewöhnlich harten Winter droht sich das Problem zuzuspitzen. In Modellrechnungen könnten die europäischen Füllstände bis Ende März auf unter zehn Prozent absacken. Ein solches Rekordtief würde den Markt gegen Ende der Kälteperiode extrem anfällig für kurzfristige Preissprünge machen.
Entspannung ist auch nach dem Winter nicht in Sicht. Um die geleerten Kavernen bis zum Sommer 2027 für die nächste Saison aufzufüllen, müssen die Staaten der Europäischen Union hohe Gasmengen am Weltmarkt aufkaufen. Diese starke Nachfrage nach Einspeisungen dürfte die Preise über das gesamte kommende Jahr stützen.


