Infineon hat gestern gut sieben Prozent verloren. Wer jetzt nach einer neuen Hiobsbotschaft aus München sucht, wird enttäuscht – es gibt keine. Für mich ist genau das der entscheidende Punkt an diesem Ausverkauf.

Die eigentliche Ursache liegt bei den Anleihen, nicht bei den Chips

Der Kurssturz vom Dienstag traf nicht nur Infineon. STMicroelectronics knickte laut Berichten zeitweise um bis zu 14 Prozent ein, Aixtron verlor 8,77 Prozent, Süss Microtec über fünf Prozent, und selbst der Branchenprimus Nvidia gab in New York knapp 2,3 Prozent ab. Der gesamte EuroStoxx Tech-Sektor rutschte um 2,7 Prozent, der DAX fiel um 0,80 Prozent auf 26.128 Punkte. Wer hier einen Infineon-spezifischen Auslöser sucht, findet keinen.

Stattdessen zeigt der Blick auf den Anleihemarkt, was wirklich passiert ist: Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen kletterte auf 4,73 Prozent, den höchsten Stand seit über einem Jahr, dreißigjährige Titel erreichten mit 5,33 Prozent sogar ein Neunzehn-Jahres-Hoch.

Parallel zog der Ölpreis wegen des Iran-Konflikts über 90 Dollar je Barrel an. Diese Kombination aus steigenden Zinsen und teurer werdender Energie trifft besonders zyklische, kapitalintensive Werte – und dazu zählt Infineon nach wie vor, trotz aller KI-Fantasie.

Ein Blick auf die Zahlen relativiert die Panik

Ausgerechnet in dieser Woche hätte Infineon eigentlich mit robusten Geschäftszahlen punkten können: Umsatz von 3,812 Milliarden Euro im zweiten Geschäftsquartal, ein Segmentergebnis von 653 Millionen Euro und eine Prognose von rund 4,1 Milliarden Euro für das dritte Quartal. Das ist keine Gewinnwarnung, das ist ein solides operatives Bild. Dass die Aktie dennoch abverkauft wurde, spricht dafür, dass hier ein Makro-Thema über die Einzelwert-Story hinweggerollt ist.

Technisch betrachtet sieht das Bild allerdings angeschlagen aus. Mit einem RSI von 37,5 nähert sich Infineon der überverkauften Zone, und der Kurs notiert mittlerweile 18 Prozent unter dem 50-Tage-Durchschnitt von 70,07 Euro. Das deutet auf eine kurzfristig überhitzte Verkaufsdynamik hin, die sich nicht beliebig fortsetzen dürfte.

Gleichzeitig bleibt der Abstand zum 200-Tage-Durchschnitt mit plus elf Prozent positiv – der langfristige Trend ist also intakt, auch wenn er gerade hart getestet wird.

Warum ich den Ausverkauf für übertrieben halte

Seit Jahresanfang steht Infineon trotz des jüngsten Rutsches noch immer mit 53 Prozent im Plus, auf Zwölfmonatssicht sogar mit 56 Prozent. Das relativiert den Schmerz der letzten Handelstage erheblich.

Der Abstand zum 52-Wochen-Hoch von 89,67 Euro beträgt zwar happige 36 Prozent, doch zugleich liegt der Kurs immer noch 88 Prozent über dem Tief von 30,82 Euro im vergangenen September. Wer die Aktie länger hält, blickt also auf eine fundamental andere Ausgangslage als jemand, der erst in den letzten Wochen eingestiegen ist.

Die hohe annualisierte Volatilität von 67 Prozent zeigt, wie nervös der Markt derzeit mit Halbleiterwerten umgeht – jede Nachricht, ob Zinsentscheid oder Ölpreisbewegung, wird sofort in Kursbewegungen übersetzt.

Der Ökonom Ed Yardeni ordnete die Zinssituation zuletzt so ein, dass die US-Wirtschaft Sätze zwischen vier und fünf Prozent grundsätzlich verkraften könne – ein Muster, das er mit dem Sommer 2023 vergleicht. Träfe diese Einschätzung zu, wäre der aktuelle Renditeschub eher eine Episode als ein struktureller Bruch.

Unterm Strich sehe ich in dem Kursrutsch vor allem ein Makro-Phänomen, das über einen fundamental soliden Chiphersteller hinweggezogen ist. Die Geschäftszahlen stützen die Aktie, das technische Bild ist überverkauft, und der langfristige Trend bleibt oberhalb des 200-Tage-Durchschnitts.

Solange sich die Anleiherenditen nicht weiter unkontrolliert nach oben bewegen, dürfte sich der Druck auf Infineon in den kommenden Wochen eher abschwächen als verschärfen. Die entscheidende Frage bleibt aber, wie lange der Anleihemarkt seine Turbulenzen noch in die Aktienmärkte trägt.