Der Nahe Osten hält die Weltwirtschaft in Atem. Neue US-Luftangriffe auf Iran haben am Mittwoch Öl verteuert, asiatische Aktien belastet und eine Kettenreaktion ausgelöst, die von Tokio bis Wellington Zentralbanken unter Druck setzt. Im Zentrum steht eine unbequeme Frage: Wie aggressiv müssen die Notenbanken die Inflation bekämpfen, wenn gleichzeitig die Konjunktur wackelt?

Öl als Taktgeber der globalen Inflation

Brent-Rohöl kletterte am Mittwoch auf rund 92 Dollar je Barrel – ein deutliches Signal, dass die Märkte eine Eskalation einpreisen. Der unmittelbare Auslöser: Washington meldete, Iran habe einen US-Apache-Hubschrauber in der Straße von Hormus abgeschossen, woraufhin das US-Militär neue Angriffe startete. Präsident Trump spielte den Vorfall gegenüber dem Wall Street Journal zwar herunter – „kein großes Ding“, der Pilot sei wohlauf –, doch die Märkte reagierten nervös.

Kein Wunder. Die Straße von Hormus ist eine der wichtigsten Energieadern der Welt, und Iran liefert erhebliche Mengen Rohöl nach China. Seit dem US-israelischen Angriff auf Iran Ende Februar sind die Benzinpreise in den USA zeitweise um mehr als 50 Prozent gestiegen. Im Mai kostete eine Gallone im nationalen Durchschnitt 4,60 Dollar – 8,8 Prozent mehr als im Vormonat.

Die Folgen zeigen sich inzwischen in den Inflationsdaten rund um den Globus. In China schoss der Erzeugerpreisindex im Mai auf 3,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr – der höchste Wert seit August 2022 –, während die Verbraucherpreise mit plus 1,2 Prozent stagnieren. Das Muster ist symptomatisch: Die Energiekosten treffen die Lieferketten zuerst, bevor sie beim Endverbraucher ankommen. In Japan stiegen die Großhandelspreise im Mai sogar um 6,3 Prozent – stärker als erwartet.

Die Fed vor einem heiklen Datenpunkt

Alle Augen richten sich an diesem Mittwoch auf die US-Verbraucherpreisdaten für Mai. Ökonomen erwarten laut Reuters-Umfrage einen Anstieg von 4,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr – die stärkste jährliche Teuerungsrate seit April 2023. Im April hatte der CPI noch bei 3,8 Prozent gelegen.

Besonders brisant: Die Lohninflation dürfte erneut hinter dem Preisanstieg zurückbleiben. „Amerikaner sehen, wie ihr Gehalt in realer Kaufkraft schrumpft“, sagt Joseph Brusuelas von RSM. Sollte sich dieser Trend festigen, könnte die private Konsumnachfrage in der zweiten Jahreshälfte spürbar nachgeben.

Hinzu kommt der überraschend robuste Arbeitsmarkt: Im Mai verzeichneten die USA den dritten starken Stellenaufbau in Folge, die Arbeitslosenquote blieb bei 4,3 Prozent. Das hat die Märkte dazu gebracht, eine Fed-Zinserhöhung bis Dezember vollständig einzupreisen – wo noch vor wenigen Wochen zwei Zinssenkungen erwartet wurden. Saxo-Strategin Charu Chanana bringt das Dilemma auf den Punkt: „Wenn der CPI heute heiß läuft, wird es für die Fed sehr schwer, nächste Woche entspannt zu klingen.“

Einige Ökonomen sehen dennoch Licht am Ende des Tunnels. Ein Waffenstillstand hat die Ölpreise zuletzt etwas entspannt, und außerhalb der Luftfahrtbranche zeigt der Energieschock bisher kaum Spuren im Dienstleistungssektor. „Es ist gut möglich, dass der Mai den Höhepunkt der Jahresinflation markiert“, sagt Stephen Stanley von Santander US Capital Markets – mit dem Vorbehalt, dass ein erneuter Ölpreisschub alles wieder kippen könnte.

BOJ und die Yen-Falle

Während die Fed abwartet, bereitet sich die Bank of Japan auf einen klaren Kurswechsel vor. 94 Prozent der in einer Reuters-Umfrage befragten Ökonomen erwarten, dass die BOJ ihren Leitzins beim Treffen am 16. Juni auf 1,0 Prozent anhebt. Drei Viertel rechnen mit einem weiteren Schritt auf 1,25 Prozent im vierten Quartal.

Der Druck kommt von mehreren Seiten gleichzeitig. Der Yen dümpelt bei rund 160 je Dollar – eine Marke, die Tokio bislang als Interventionsschwelle behandelt hat. Japan hat allein im vergangenen Monat umgerechnet rund 73 Milliarden Dollar eingesetzt, um die Währung zu stützen – ein Rekord. Gleichzeitig zeigt die heimische Inflation Zähne: Die Kerninflation nähert sich dem 2-Prozent-Ziel der BOJ, während der Produktionslückenindikator auf Angebotsengpässe hindeutet.

„Die Risiken einer verzögerten Zinserhöhung nehmen zu“, urteilt Sosuke Nakamura von Citigroup. Der eigentliche Knackpunkt liegt indes nicht im Juni-Schritt selbst – dieser ist fast vollständig eingepreist –, sondern darin, wie aggressiv Notenbankchef Kazuo Ueda das Signal für weitere Erhöhungen setzt. „Es braucht hawkishe Kommentare, die signalisieren, dass der nächste Schritt von Dezember auf September vorgezogen werden könnte“, sagt IG-Analyst Tony Sycamore. Sonst bleibe der Yen anfällig.

Parallel dazu haben Japans drei größte Banken – MUFG, SMFG und Mizuho – angekündigt, bis März 2027 gemeinsam Stablecoins auf Yen-Basis ausgeben zu wollen. Ein kleines, aber symbolisches Zeichen, dass Japan seinen Finanzplatz modernisiert – auch wenn Bargeld und Kreditkarten im Alltag noch dominieren.

Neuseelands Stagflationsrisiko

Ein besonders schwieriges Balanceakt zeigt sich in Neuseeland. Die Reserve Bank of New Zealand (RBNZ) rechnet damit, dass die Inflation durch den Energieschock auf 4,3 Prozent steigen wird – weit oberhalb des Zielbands von 1 bis 3 Prozent. Gleichzeitig verharrt die Arbeitslosenquote auf einem Zehnjahreshoch von 5,4 Prozent.

Die RBNZ hat ihr Mandat seit 2023 auf Preisstabilität verengt – auf Betreiben der nationalen Regierung. Das macht den Kurs formal klar, politisch aber brisant. Die oppositionelle Labour-Partei erwägt, die doppelte Zielstellung – Inflation und Beschäftigung – im Falle eines Wahlsiegs am 7. November wieder einzuführen. Die Wahl gilt derzeit als zu knapp zum Vorhersagen. „Arbeitslosigkeit wird ein entscheidendes Wahlkampfthema“, sagt Politikkommentator Gareth Hughes. „Die Menschen wissen vielleicht nicht, was das BIP ist – aber sie wissen, ob ihre Kinder einen Job haben.“

Rohstoffe und Schwellenländer unter Druck

Der Kupferpreis gab am Mittwoch leicht nach und fiel auf rund 13.567 Dollar je Tonne an der Londoner Metallbörse. Steigende Zinsen drücken typischerweise auf die Nachfrageerwartungen für Industriemetalle – ein Zusammenhang, der die Rohstoffmärkte derzeit belastet. Preisunterstützung liefert hingegen die Erwartung möglicher US-Zölle auf Kupferimporte ab 2027.

Besonders exponiert sind Schwellenländer. Die indonesische Zentralbank erhöhte ihren Leitzins in einer außerplanmäßigen Sitzung, um die unter Druck geratene Rupiah zu stützen – ein Schritt, der zeigt, wie weit der Flächenbrand der globalen Inflations- und Zinssorgen reicht.

Der MSCI Asia-Pacific-Index ohne Japan fiel am Mittwoch um 0,6 Prozent, Tokios Nikkei verlor 0,9 Prozent, der südkoreanische Kospi sogar 2 Prozent. Die Märkte suchen noch einen Boden – und der dürfte erst gefunden sein, wenn sowohl die US-Inflationsdaten als auch das Signal der Fed nächste Woche etwas Klarheit bringen.