Der Nahe Osten brennt – und die Schockwellen reichen bis in die Rentenpläne amerikanischer Lehrer, die Notenbanksäle von Washington bis Singapur und die Handelsrouten der Weltwirtschaft. Der US-Iran-Krieg ist längst kein regionales Ereignis mehr. Er ist zum dominierenden Faktor an den globalen Finanzmärkten geworden.
Inflation zieht an – und die Fed schaut zu
Die neuesten PCE-Daten liefern ein klares Bild: Der persönliche Konsumausgaben-Preisindex stieg im Februar um 0,4 Prozent, die Kernrate – ohne Energie und Lebensmittel – ebenfalls um 0,4 Prozent, bereits den dritten Monat in Folge. Im Jahresvergleich liegt die Kerninflation bei 3,0 Prozent, deutlich über dem Fed-Ziel von 2,0 Prozent. Und das war noch vor dem Preisschock durch den Krieg.
Benzin kostet inzwischen im nationalen Schnitt mehr als vier Dollar pro Gallone – erstmals seit über drei Jahren. Ökonomen erwarten, dass die Inflationsdaten für März noch deutlich schärfer ausfallen werden. Der CPI könnte auf Monatsbasis um bis zu 1,0 Prozent steigen, was einem Jahreswert von rund 3,3 Prozent entspräche.
Die Fed reagiert mit Stillhalten. Der Leitzins verharrt in der Spanne von 3,50 bis 3,75 Prozent. Die Protokolle der März-Sitzung zeigen, dass eine wachsende Gruppe von Notenbankern sogar über Zinserhöhungen nachdenkt. Die Chancen auf eine baldige Zinssenkung? Nahezu geschwunden.
Die Straße von Hormus – ein globales Nadelöhr
Der entscheidende Engpass liegt 10.000 Kilometer von Washington entfernt: die Straße von Hormus. Täglich passierten früher rund 138 Schiffe das enge Nadelöhr zwischen dem Persischen Golf und dem Arabischen Meer. Heute sind es laut Schiffsverfolgungsdaten weniger als zehn – und selbst die werden durch einen iranischen „Tollpunkt“ geschleust. Teheran verlangt einen Dollar pro Barrel oder zwei Millionen Dollar für einen Supertanker, zahlbar in Yuan oder Krypto.
Für Reedereien ist das eine kaum lösbare Situation: Wer zahlt, riskiert Sanktionsverstöße. Wer nicht zahlt, kommt nicht durch.
Trumps angekündigter zweiwöchiger Waffenstillstand hat zwar kurzfristig für Erleichterung an den Märkten gesorgt. Doch die Realität holt die Hoffnungen schnell ein. Iran zweifelt am Sinn der geplanten Gespräche, solange Israel weiter im Libanon angreift. Die zehn Punkte der iranischen Friedensinitiative und die amerikanischen Forderungen haben laut Beobachtern „so gut wie keinen gemeinsamen Nenner“. Selbst die englische Übersetzung des iranischen Plans soll nicht mit der Farsi-Version übereinstimmen.
Trump betonte unterdessen via Social Media, dass US-Militär, Flugzeuge und Kriegsschiffe so lange in der Region bleiben, bis ein „echtes Abkommen“ erzielt sei. Die US-Energy Information Administration warnt zudem: Selbst nach Kriegsende könnten Monate vergehen, bis der Ölfluss durch die Meerenge vollständig wiederhergestellt ist.
Arbeitsmarkt stabil – aber auf wackeligen Beinen
Ein Lichtblick kommt vom US-Arbeitsmarkt. Die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe stiegen in der Woche zum 4. April zwar um 16.000 auf saisonbereinigt 219.000 – lagen damit aber über den Erwartungen der Ökonomen. Entlassungswellen als direkte Reaktion auf den Ölpreisschock sind bislang ausgeblieben.
Das täuscht nicht über eine strukturelle Schwäche hinweg. Der Arbeitsmarkt steckt in einem Zustand, den Volkswirte als „Low-Hire, Low-Fire“ beschreiben: kaum Neueinstellungen, kaum Entlassungen. Die mediane Dauer der Arbeitslosigkeit erreichte im März 11,4 Wochen – der höchste Wert seit viereinhalb Jahren. Handelsunsicherheit durch Trumps Zölle und Massenabschiebungen lähmen die Einstellungsbereitschaft.
Singapur und der Domino-Effekt
Weit weg von Wall Street, aber mit wachem Blick auf die Lage: Singapur steht laut Ökonomen kurz vor einer geldpolitischen Straffung. Bei seiner Überprüfung am 14. April wird der Monetary Authority of Singapore (MAS) voraussichtlich den Wechselkurspfad des Singapur-Dollar steiler gestalten – elf von dreizehn befragten Analysten erwarten diesen Schritt.
Die Begründung klingt vertraut: steigende Energiepreise, drohende Lieferkettenstörungen, aufflackernde Inflation. Singapore managt seine Geldpolitik über den Wechselkurs statt über Zinssätze – ein Sonderweg, der aber demselben Druck ausgesetzt ist wie die klassischen Zentralbanken. Australiens Notenbank hat bereits zweimal in Folge die Zinsen erhöht. Die Bank of England und die Fed haben zuletzt zumindest hawkishe Töne angeschlagen.
Pensionsfonds halten Kurs
Inmitten dieser Turbulenzen zeigen nordamerikanische Pensionsfonds eine bemerkenswerte Standhaftigkeit. Das California State Teachers‘ Retirement System (CalSTRS) mit 402 Milliarden Dollar verwaltetem Vermögen hält an seinen Positionen im privaten Kreditmarkt fest – obwohl Anbieter wie Blue Owl Capital zuletzt Rücknahmen aus ihren nicht börsennotierten Kreditfonds begrenzen mussten, nachdem Investoren Rekordsummen abzogen.
„Wir bleiben unserer langfristigen Investitionsstrategie verpflichtet, einschließlich Investitionen in private Kreditmärkte“, betonte CalSTRS-Sprecherin Melissa Jones-Ferguson.
Das Arizona Public Safety Personnel Retirement System hält rund 17 Prozent seines Vermögens in privaten Kreditfonds und will auf 20 Prozent aufstocken. Doch CIO Mark Steed warnt zugleich: Die schiere Masse an Pensionsgeldern, die in den Sektor geflossen sei, habe den Wettbewerb erhöht und die Kreditstandards gesenkt. „Es wird eine Marktbereinigung geben.“
Diese Spannung – strukturelle Überzeugung auf der einen, taktische Vorsicht auf der anderen Seite – spiegelt den Zustand der Finanzmärkte insgesamt wider. Der Krieg im Nahen Osten hat nicht nur Öl teurer gemacht. Er hat die Risikoabwägungen von Notenbankern, Pensionsverwaltern und Anlegern rund um den Globus neu sortiert. Wie lange der Waffenstillstand hält, ob Hormuz sich wirklich öffnet und wann die Inflation wieder fällt – das sind die Fragen, auf die derzeit niemand eine verlässliche Antwort hat.


