Ein Ölpreissprung über 100 Dollar, eine überraschend restriktive EZB und ein US-Präsident, der per Scheck Wählerstimmen kaufen will: Die Gemengelage an den Finanzmärkten könnte kaum explosiver sein. Am Donnerstag rutschten Aktien in den USA und Europa ab, während Anleiherenditen weltweit auf Mehrjahreshochs kletterten. Im Zentrum der Nervosität steht eine einzige Frage: Wie stark wird die Inflation zurückkehren – und was tun die Notenbanken dagegen?
Öl treibt die Zinssorgen an
Auslöser der jüngsten Eskalation war der Ölmarkt. Nach der heftigsten Angriffswelle auf Schiffsrouten seit Beginn des Iran-Kriegs schoss der Preis um rund sechs Prozent nach oben. US-Rohöl gesellte sich zu Brent über der Marke von 100 Dollar je Barrel, europäisches Erdgas erreichte den höchsten Stand seit 2022. Diesel in den USA kostet inzwischen ein Rekordhoch von 5,98 Dollar pro Gallone.
Die Folgen zeigen sich unmittelbar in den Inflationserwartungen. Einjährige US-Inflationsswaps kletterten auf fast 2,70 Prozent – ein Anstieg von fast 100 Basispunkten seit Anfang August. Auch die Verbraucher spüren den Druck: Die Umfragen der University of Michigan und der New York Fed weisen weiterhin Ein-Jahres-Erwartungen von 3,6 bis 4 Prozent aus, deutlich über dem Zielwert der Notenbanken.
Ein überraschend warmer US-Erzeugerpreisindex verschärfte die Lage zusätzlich. Die Jahresrate kletterte im August auf 5,4 Prozent, leicht über den Erwartungen von 5,3 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit einer Fed-Zinserhöhung in der kommenden Woche sprang laut CME FedWatch Tool von 64 auf knapp 70 Prozent. „Wir hatten auf schwächere Daten gehofft. Das war nicht schwach genug“, brachte es Jim Lebenthal von Cerity Partners auf den Punkt. Der Dow Jones verlor rund 0,6 Prozent, der Nasdaq büßte etwa ein Prozent ein – Anleger warten nun gebannt auf die US-Verbraucherpreise, die am Freitag veröffentlicht werden.
EZB zieht die Zügel an
Während die Fed noch abwägt, hat die Europäische Zentralbank bereits gehandelt. Sie erhöhte am Donnerstag zum zweiten Mal in diesem Jahr ihren Leitzins auf 2,5 Prozent. EZB-Präsidentin Christine Lagarde nannte den Schritt einen „No-Brainer“ und warnte, die Inflation werde „länger anhalten“ als bislang angenommen. Die neuen Prognosen sehen die Teuerung 2027 bei 2,5 Prozent statt der im Juni erwarteten 2,3 Prozent.
Die Märkte reagierten prompt: Die Wetten auf weitere Zinsschritte bis Ende 2027 stiegen von knapp 70 auf rund 85 Basispunkte, eine Anhebung im Dezember gilt bereits als ausgemachte Sache. Manche Beobachter erwarten sogar schon im Oktober den nächsten Schritt. Die Rendite zehnjähriger deutscher Bundesanleihen kletterte auf den höchsten Stand seit 2011, die dreißigjährige französische Rendite erreichte ein Niveau, das zuletzt 2003 zu beobachten war. Der Risikoaufschlag französischer Anleihen gegenüber deutschen Papieren weitete sich auf über 90 Basispunkte aus – so viel wie seit 2012 nicht mehr.
Nicht alle Ökonomen sehen den Beginn eines langen Zyklus. Schroders-Chefvolkswirt David Rees hält den Schritt eher für „die letzte Anhebung als den Start eines längeren Zinserhöhungszyklus“, solange sich Wachstum und Inflation nicht deutlich beschleunigen. Andere, wie S&P-Chefvolkswirtin Sylvain Broyer, warnen dagegen, die EZB müsse sich möglicherweise auf restriktives Terrain zubewegen, weil nicht nur Angebotsschocks, sondern zunehmend auch die Nachfrage die Preise treibe.
Trumps Scheck-Idee sorgt für Zündstoff
Just in dieser aufgeheizten Gemengelage sorgte US-Präsident Donald Trump für zusätzlichen Sprengstoff. Beim ersten republikanischen Midterm-Parteitag in Dallas kündigte er an, jedem erwachsenen US-Bürger einen „Trump-Dividende“ genannten Scheck über 5.000 Dollar auszuzahlen – vorausgesetzt, seine Partei behält im November die Kontrolle über den Kongress. Die Maßnahme würde den Staat schätzungsweise 1,2 Billionen Dollar kosten, zuzüglich hunderter Milliarden an Zinskosten.
Selbst in den eigenen Reihen stößt der Vorschlag auf Widerstand. Der republikanische Abgeordnete David Schweikert warnte, die Maßnahme würde „mehr Schaden anrichten als helfen“ und die Zinsen weiter nach oben treiben – finanziert „auf eigene Kreditkarte“. Andere, wie Senator Bernie Moreno, arbeiten bereits an einer Gesetzesvorlage, um die Zahlung nach der Wahl umzusetzen. Demokraten reagierten spöttisch: Der kalifornische Abgeordnete Ted Lieu konterte, bei einem demokratischen Wahlsieg gebe es „10.000 Dollar, ein Pony und lebenslang Gratis-Eis“.
Ob der Plan jemals Realität wird, bleibt fraglich. Trump hatte bereits mehrfach Dividenden aus Zolleinnahmen oder Effizienzprogrammen versprochen, ohne dass daraus etwas wurde. Beobachter wie der konservative Ökonom Stephen Moore räumen ein, man wisse „nie, ob das rhetorisch gemeint war oder ernst“.
Druckenmiller widerspricht der Fed
Für zusätzliche Debatten sorgte Star-Investor Stanley Druckenmiller, der bei einer Piper-Sandler-Konferenz in New York die US-Notenbank scharf kritisierte. Fed-Mitglieder, die die aktuelle Geldpolitik als restriktiv bezeichnen, seien „lächerlich“, so Druckenmiller. Ein Blick auf die Vermögenspreise weltweit genüge, um das Gegenteil zu erkennen. Seine Nähe zu Fed-Chef Kevin Warsh, den er einen „großartigen Fed-Vorsitzenden“ nennt, verleiht seinen Worten zusätzliches Gewicht – auch wenn er betont, derzeit nicht mit ihm zu sprechen.
Gleichzeitig geriet auch das jüngst gestartete Rückkaufprogramm des US-Finanzministeriums unter Beschuss. Trotz eines ersten Volumens von 6 Milliarden Dollar zur Stabilisierung langfristiger Renditen zeigte der Markt bislang kaum Wirkung – die zehnjährige Rendite kletterte dennoch auf den höchsten Stand seit 2023.
Ausblick: Alles hängt am Freitag
Die kommenden Stunden dürften richtungsweisend sein. Die US-Verbraucherpreise am Freitag gelten als der Datenpunkt, der bestimmt, ob die Fed nächste Woche tatsächlich die Zinsen anhebt. Fällt der Bericht „heiß“ aus, dürfte sich der Renditeanstieg fortsetzen und die Aktienmärkte weiter unter Druck setzen. Bleibt er moderat, könnte etwas Beruhigung einkehren – die geopolitische Lage im Nahen Osten und die politische Börse in Washington sorgen aber ohnehin dafür, dass die Nervosität an den Märkten vorerst bestehen bleibt.
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