Liebe Leserinnen und Leser,

während Brent-Rohöl binnen Stunden um über 6 Prozent sprang und der Nikkei auf den niedrigsten Stand seit dem 12. Juni fiel, kletterte Neurocrine Biosciences auf ein Allzeithoch. Das ist keine Randnotiz, sondern der eigentliche Datenpunkt des Tages: Ein ganzer Sektor bewegt sich gerade unabhängig von der Geopolitik, die sonst alles überlagert. Wer verstehen will, wo in diesem Markt noch eigenständige Kurstreiber existieren, kommt an Biotech nicht vorbei.

Ionis, Neurocrine, Alnylam: Zulassungsdaten statt Nahost-Nervosität

Ionis Pharmaceuticals (NASDAQ: IONS) markierte am 8. Juli mit 86,74 Dollar ein neues 52-Wochen-Hoch, schloss den Tag dann aber bei 85,44 Dollar – ein Rückgang von 1,6 Prozent, nachdem zuvor bereits Insider Gewinne mitgenommen hatten. Kurzfristige Gewinnmitnahme also, kein Vertrauensverlust: RBC, Barclays, Needham und Oppenheimer haben ihre Kursziele zuletzt angehoben, das Konsensziel liegt inzwischen bei 102,90 Dollar („Moderate Buy“). Der Grund für die Zuversicht ist konkret, nicht diffus. Die FDA hat Tryngolza zugelassen, H.C. Wainwright zog Ende Juni das Kursziel auf 130 Dollar nach (von 125, Rating „Buy“). Und Ionis hat mit Recordati einen globalen Lizenzvertrag für zilganersen bei der Alexander-Krankheit außerhalb der USA geschlossen: 30 Millionen Dollar Vorauszahlung, Meilensteinzahlungen plus gestaffelte Lizenzgebühren von bis zu 25 Prozent. Das Mittel hat in Phase 3 seinen primären Endpunkt erreicht, die FDA-Entscheidung wird bis zum 22. September erwartet. Für Anleger heißt das: Hier steht nicht nur Kurs-Momentum, sondern ein Zulassungstermin mit festem Datum im Kalender.

Neurocrine Biosciences (NBIX) schloss am 7. Juli bei 177,49 Dollar – ein Allzeithoch nach einem Jahresplus von rund 35 Prozent. Alnylam Pharmaceuticals (ALNY) dagegen notiert mit 319,20 Dollar rund 36 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von 495,55 Dollar. HC Wainwright bekräftigte Ende Juni zwar das „Buy“-Rating, senkte das Kursziel aber von 510 auf 470 Dollar. Bei einem KGV von 80 ist bereits viel Wachstum eingepreist – ein Warnsignal für alle, die auf eine baldige Bewertungskorrektur setzen. Die stock3-Analyse zur Sektorrotation bestätigt das Muster: Healthcare, Pharma und Biotech zeigen relative Stärke, während Software und Cybersecurity seitwärts laufen und Halbleiter weiter nach einem Boden suchen. Wer eine Position sucht, die nicht an Nahost-Schlagzeilen hängt, findet hier einen der wenigen Sektoren mit eigenständigen Katalysatoren.

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Während Healthcare und Biotech gerade relative Stärke zeigen, geraten die einstigen Zugpferde Software, Cybersecurity und Halbleiter ins Stocken – ein Muster, das nach einem genaueren Blick auf die Sektor-Rotation am US-Markt verlangt. Ein kostenloser Sonderreport von Börsenexperte Henrik Voigt zeigt, warum die Konzentration auf wenige Tech-Giganten riskant wird und welche drei US-Aktien aus Bereichen abseits von Big Tech jetzt Nachholpotenzial haben. Kostenlosen Sonderreport zur US-Sektorrotation sichern

DAX unter 25.000: Der 14. Juli wird zur Nagelprobe

Der DAX rutschte am Mittwoch unter die 25.000-Punkte-Marke und notierte je nach Handelsplatz zwischen 24.870 und 25.030 Zählern – ein Tagesverlust von 1,7 bis 2,4 Prozent. Interessanter als der Tagesausschlag ist die technische Lage: Der Index liegt laut FinanzenNet-Analyse 3,3 Prozent unter der Widerstandszone bei 25.800 Punkten, eine Stabilisierung wird um den 50er-EMA bei 24.800 Punkten erwartet. Zwei Termine dürften die nächsten Wochen prägen: der 14. Juli mit den US-Inflationsdaten und das Ende Juli, wenn die saisonal bullische Phase klassischerweise ausläuft. Bemerkenswert ist zudem, dass größere Marktteilnehmer aktuell Put-Positionen aufbauen – ein Indiz, dass institutionelle Anleger zumindest kurzfristig mit weiterer Schwäche rechnen.

Für Trader kursiert ein Call-Optionsschein mit einer Renditechance von 79,68 Prozent bei einem DAX-Stand von 26.000 Punkten, während ein Stopp-Loss bei 24.500 Punkten einen Verlust von 33,18 Prozent bedeuten würde – ein Chance-Risiko-Verhältnis von 2,40. Zur Einordnung: Turbo-Zertifikate sind hochriskante Instrumente, und selbst der Autor der zugrundeliegenden Analyse ist nach eigener Aussage nicht investiert. Wer hier mitspielt, sollte das als Trading-Idee behandeln, nicht als Kernposition.

Krypto: Layer-2-Infrastruktur wächst, während die Kurse in Angst verharren

Bitcoin, Ethereum und XRP stehen weiter unter dem Druck der Nahost-Eskalation, der Krypto-Angst-Index notiert je nach Anbieter zwischen 13 und 20 Punkten – tief im Bereich „Extreme Angst“. Doch parallel dazu läuft der Infrastruktur-Ausbau der Layer-2-Netzwerke unbeeindruckt weiter. Polygon meldete am 8. Juli mit 7,5 Millionen Transaktionen in einer Woche die höchste je registrierte Netzwerkaktivität, wie Mitgründer Sandeep Nailwal mitteilte. BNB Chain veröffentlichte zugleich ihre technische Roadmap für die zweite Jahreshälfte: Ziel ist eine Verzehnfachung der Mainnet-Geschwindigkeit auf 10.000 Transaktionen pro Sekunde bei unter 500 Millisekunden Finalität, nachdem bereits im ersten Halbjahr die Blockintervalle von 750 auf 450 Millisekunden gesenkt wurden.

Das BSC-Handelsvolumen fiel zwar binnen Wochenfrist um 9,18 Prozent auf 4,35 Milliarden Dollar, doch der Total Value Locked liegt stabil bei 4,98 Milliarden Dollar, das Stablecoin-Angebot auf der Chain bei 13,7 Milliarden Dollar. Die fundamentale Entwicklung entkoppelt sich zunehmend von der Kurspanik – ein Muster, das sich mit dem Biotech-Bild dieser Ausgabe deckt: Substanz läuft weiter, während die Schlagzeilen woanders toben. JPMorgan-Analysten rechnen entsprechend mit nachlassenden Liquidationen im Juli und einer Erholung ab August, haben ihre Zufluss-Schätzung für den Kryptomarkt in diesem Jahr aber von 12 auf 8 Milliarden Dollar gesenkt – vorsichtiger Optimismus, kein Alarm.

Der Ölschock trifft die Fed an der empfindlichsten Stelle

Was den ganzen Marktmix heute prägt, ist die Eskalation zwischen den USA und dem Iran. US-Präsident Trump erklärte beim NATO-Gipfel in Ankara im Gespräch mit Generalsekretär Rutte den Waffenstillstand für beendet, nachdem der Iran US-Militäreinrichtungen in Bahrain und Kuwait angegriffen und die USA mit über 80 Zielen zurückgeschlagen hatten. Brent-Rohöl sprang daraufhin um 5 bis über 6 Prozent auf bis zu 78 bis 79 Dollar je Barrel. Das trifft die Fed-Rhetorik an einer heiklen Stelle: Die FOMC-Protokolle der Juni-Sitzung – die erste unter dem neuen Fed-Chef Kevin Warsh – werden am Mittwochabend veröffentlicht und dürften nun im Licht der neuen Ölpreis- und Inflationsdynamik gelesen werden. Verschärfend kommt eine Studie der New York Fed hinzu, wonach fast die Hälfte der befragten Unternehmen im Bezirk trotz bereits gezahlter Zölle weitere Preiserhöhungen plant, teils erst in sechs Monaten oder später – der tarifgetriebene Inflationsdruck ist also noch nicht ausgestanden. Die 10-jährige US-Staatsanleihe kletterte auf bis zu 4,57 Prozent Rendite, der Bund auf 3,056 Prozent.

Auch Asien spürt den Schock deutlich: Der Nikkei 225 schloss am 8. Juli bei 66.819 Punkten, ein Rückgang von rund 1.438 Punkten gegenüber dem Vortag – der dritte Verlusttag in Folge und der niedrigste Stand seit dem 12. Juni, ausgelöst auch durch die Aufhebung der US-Sanktionserleichterungen für iranisches Rohöl. In Indien fiel der Sensex zu Handelsbeginn um rund 535 Punkte, der Nifty um rund 158 Punkte, während die Volatilität (India VIX) um etwa 7 Prozent anzog. Reliance Industries und Asian Paints gehörten zu den größten Verlierern – während sich Pharma- und IT-Werte wie Sun Pharma robuster hielten. Dasselbe Muster wie bei Ionis und Neurocrine: Kapital sucht Substanzwerte mit eigenständigen Katalysatoren, auch innerhalb der Schwellenmärkte.

SpaceX: Vom 3-Billionen-Höhenflug zurück unter den IPO-Preis

Wie schnell Euphorie kippen kann, zeigt SpaceX. Die Aktie ist binnen weniger Handelstage um kumuliert 27 Prozent gefallen und notiert mit rund 149 bis 155 Dollar mittlerweile unter dem IPO-Preis von 160,95 Dollar. Nach dem Börsengang am 12. Juni war der Kurs zunächst um 19 Prozent auf eine Marktkapitalisierung von fast 3 Billionen Dollar gestiegen, aktuell sind es noch rund 2,4 Billionen Dollar. Dabei hatten Analysten schon früh Zweifel an der ursprünglichen Bewertung von 1,75 bis 1,77 Billionen Dollar angemeldet – für 2025 wird ein Verlust von 4,9 Milliarden Dollar bei 18,7 Milliarden Dollar Umsatz erwartet. Bemerkenswert: SpaceX plant nun eine Anleiheemission zur Finanzierung der Alpha-Mars-Mission und zur Rückzahlung von Brückenkrediten – trotz Barreserven von 100,8 Milliarden Dollar. Der Fall zeigt, wie schnell ein gefeierter Börsenneuling in den Sog der aktuellen Risikoaversion geraten kann, wenn die Bewertung der Realität vorauseilt.

Quintessenz

Der gemeinsame Nenner dieser Ausgabe: Zwei parallele Realitäten. Auf der einen Seite Öl, Anleihen und Aktienindizes, die im Takt der Nahost-Eskalation schwanken – Brent plus 6 Prozent, der DAX unter 25.000, der Nikkei auf Zwei-Wochen-Tief. Auf der anderen Seite Sektoren mit eigenen, datierten Katalysatoren: Ionis mit einer FDA-Entscheidung am 22. September, Neurocrine auf Allzeithoch, Layer-2-Netzwerke mit Rekord-Transaktionsvolumen trotz eines Krypto-Angst-Index tief im „Extreme Angst“-Bereich. Für Anleger heißt das nicht, die Geopolitik zu ignorieren – die FOMC-Protokolle am Mittwochabend und die US-Inflationsdaten am 14. Juli bleiben Pflichttermine. Aber es heißt, dass es sich lohnt, jenseits der Ölpreis-Charts nach Werten zu suchen, deren Kurstreiber im eigenen Zulassungs- oder Entwicklungskalender stehen statt in Ankara oder Teheran.

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Herzlichst,
Ihr Andreas Sommer