Ein mögliches Friedensabkommen zwischen den USA und Iran, kombiniert mit unerwartet hawkischen Fed-Signalen, hat den Rohstoffmarkt in dieser Woche regelrecht auseinandergerissen. Gold sackte auf ein Halbjahrestief, Öl fiel auf den tiefsten Stand seit zwei Monaten — und ausgerechnet Kupfer stemmt sich mit einem satten Plus gegen den Abwärtssog. Fünf Rohstoffe, ein Makro-Cocktail, völlig unterschiedliche Reaktionen.

Gold: Krisenmetall ohne Krisenprämie

Gold hat in dieser Woche rund 2,6 % verloren und notiert bei 4.239,70 USD je Feinunze — fast 25 % unter dem 52-Wochen-Hoch vom Januar. Der RSI von 36 signalisiert überverkauftes Terrain.

Das paradoxe Bild dahinter: Der Iran-Konflikt im vierten Monat, Lebensmittelpreise auf Höchstständen, die US-Inflation im Mai so hoch wie seit drei Jahren nicht. Eigentlich klassisches Goldwetter. Früher im Krieg war Gold einer der heißesten Trades an der Wall Street. Genau diese Popularität wirkt nun gegen das Metall. Anleger nehmen Gewinne mit, JPMorgan spricht vom Ende des „Debasement-Trade“.

Die Nachfrageseite bleibt allerdings zweigeteilt. Die People’s Bank of China meldete ihren 19. aufeinanderfolgenden monatlichen Goldkauf — im Mai flossen 10 Tonnen in die Reserven, der stärkste Einzelmonatskauf seit Dezember 2024. Gleichzeitig halten die Abflüsse aus westlichen Gold-ETFs an. Zentralbanken kaufen, westliche Finanzinvestoren verkaufen.

JPMorgan hat die durchschnittliche Goldpreisprognose für 2026 auf 5.243 USD je Unze gesenkt, von zuvor 5.708 USD. Technisch sehen Analysten das Metall eingeklemmt zwischen dem 200-Tage-Durchschnitt bei rund 4.340 USD und dem 50-Tage-Durchschnitt bei etwa 4.600 USD. Sollte die Straße von Hormuz wieder öffnen und die Inflationserwartungen nachlassen, rücken Kursziele von 4.900 bis 5.100 USD in den Fokus.

Silber: Physische Knappheit als einziger Halt

Silber schloss die Woche bei 68,13 USD je Feinunze — nahezu unverändert auf Wochensicht, aber mit einem drastischen Monatsminus von knapp 24 %. Die annualisierte 30-Tage-Volatilität von fast 61 % unterstreicht: Silber bleibt ein Nervenbündel.

Beim Ausverkauf nach den starken US-Jobdaten Anfang Juni traf es Silber besonders hart. Ein Rückgang von über 7 % in einer einzigen Sitzung brachte das Metall auf den tiefsten Stand seit Ende März. Silbers bekannte Doppelnatur zeigt sich hier in Reinform — stärker als Gold bei Aufwärtsbewegungen, verletzlicher bei Korrekturen.

Der langfristige Preisanker liegt in der physischen Realität. Das Silver Institute erwartet für 2026 ein Angebotsdefizit von 46,3 Millionen Unzen — das sechste Defizitjahr in Folge. Solarzellen, Elektroautos und Medizintechnik treiben den industriellen Verbrauch in rasantem Tempo.

Kurzfristig richtet sich der Blick auf den 17. Juni. Die erste FOMC-Sitzung unter Fed-Chef Kevin Warsh wird die Forward Guidance beenden. Eine Leitzinsanhebung im Dezember gilt am Markt als vollständig eingepreist. Händler suchen nach Hinweisen, ob die Fed bei einer offenen Hormuz-Straße wieder Zinssenkungen einplant. LBMA-Analysten rechnen im Schnitt mit einem Jahresdurchschnittspreis von 79,57 USD — die Spanne der Prognosen reicht von 42 bis 165 USD. Selten war die Unsicherheit so greifbar.

Brent Crude: Diplomatie wiegt schwerer als Kriegsprämie

Brent fiel am Freitag um 2,70 % auf 86,79 USD je Barrel und markierte damit den tiefsten Stand seit fast zwei Monaten. Innerhalb eines Monats hat die Nordseesorte über 17 % verloren. Der Auslöser: US-Präsident Trump erklärte, ein Friedensabkommen mit Iran könnte noch am Wochenende erreicht werden.

Die diplomatischen Signale bleiben widersprüchlich. Iranische Medien veröffentlichten einen Entwurfsvorschlag mit Bedingungen wie US-Truppenabzügen und Wiederaufbaufinanzierung. Trump wies diesen als nicht vereinbart zurück. Pakistans Premier sprach von einem fertigen Text, Irans Außenminister nannte eine Einigung „näher denn je“.

Händler bleiben mit Recht skeptisch. Selbst ein Durchbruch würde nicht über Nacht zu normalisierten Ölflüssen führen:

  • Minenräumung in der Straße von Hormuz
  • Wiederinbetriebnahme stillgelegter Förderfelder
  • Reparatur beschädigter Energieanlagen

Die EIA geht in ihrem Basisszenario — Hormuz bleibt kurzfristig geschlossen — von einem durchschnittlichen Brent-Preis von 105 USD je Barrel im Juni und Juli aus. Die aktuelle Notierung liegt mehr als 18 USD darunter.

Rohöl WTI: Freier Fall unter 85 Dollar

WTI-Rohöl erlebte am Donnerstag einen Einbruch von über 4 % und fiel unter 84 USD je Barrel. Am Freitag setzte sich der Druck fort — Schlusskurs 84,25 USD, ein Wochenminus von fast 8 %. Auf Monatssicht beträgt der Verlust über 16 %.

Den unmittelbaren Auslöser lieferte ein Bericht, wonach die USA kurz vor einer Einigung mit Iran zur Beendigung des fast zehnwöchigen Krieges stehen. Beide Seiten würden demnach innerhalb von 48 Stunden auf ein einseitiges Memorandum of Understanding reagieren — ein Abkommen, das die Beschränkungen für die Straße von Hormuz aufheben würde. Ein bearisher EIA-Lagerbericht verstärkte die Verluste zusätzlich.

Technische Indikatoren und gleitende Durchschnitte zeigen für WTI aktuell ein starkes Verkaufssignal. Der RSI liegt bei 39, der Kurs notiert knapp 13 % unter dem 50-Tage-Durchschnitt. Trotz des jüngsten Einbruchs bleibt die Jahresperformance bemerkenswert: Seit Jahresbeginn steht ein Plus von fast 47 %. Der Iran-Konflikt hält den Ölpreis trotz aller Korrekturen auf historisch erhöhtem Niveau.

Kupfer: Industriemetall schwimmt gegen den Strom

Während Gold, Silber und Öl bluten, zeigt Kupfer beeindruckende Stärke. Der Preis kletterte in der abgelaufenen Woche um 2,67 % und notiert bei 6,44 USD pro Pfund — nur gut 4 % unter dem 52-Wochen-Hoch. Der RSI von 54 signalisiert neutrales Terrain mit Aufwärtspotenzial.

China liefert den entscheidenden Nachfrage-Impuls. Die chinesischen Exporte stiegen im Mai um 19,4 % auf den Rekordwert von 376,8 Milliarden USD — getrieben von starker Nachfrage nach KI-Technologie und Produkten aus erneuerbaren Energien. Kupfer-Futures stabilisierten sich nahe 6,3 USD pro Pfund, nachdem die soliden Handelsdaten die Nachfrageprognose untermauerten.

An der Wall Street herrscht seltene Einigkeit. Jefferies erwartet, dass die Kupferpreise länger höher bleiben als zuvor prognostiziert, und verweist auf ein durchschnittliches jährliches Angebotsdefizit von 491.000 Tonnen bis 2030. Goldman Sachs senkte seine globale Minenversorgungsprognose für 2026 um 350.000 Tonnen. Zwei Schlüsselminen — Grasberg in Indonesien und Kamoa-Kakula in der Demokratischen Republik Kongo — erreichen voraussichtlich erst 2028 wieder volle Kapazität.

JPMorgan-Analysten sehen den Kupfer-Aufwärtszyklus getrieben durch Stromnetzinvestitionen, KI-Rechenzentren und industrielle Elektrifizierung. Führende Metallanalysten konvergieren zunehmend auf die Einschätzung, dass ein nachhaltiger Durchbruch über 14.000 USD je Tonne an der LME möglich ist.

Ein Makro-Treiber, fünf unterschiedliche Antworten

Der Rohstoffmarkt reagiert derzeit auf zwei dominante Kräfte, die sich gegenseitig verstärken:

  • Iran-Friedenshoffnung: Drückt Energiepreise durch die Aussicht auf normalisierte Liefermengen. Entzieht Gold die geopolitische Risikoprämie.
  • Steigende Fed-Zinserwartungen: Die US-Beschäftigungsdaten mit 172.000 neuen Stellen — weit über der Konsensschätzung von 85.000 — trieben die Wahrscheinlichkeit einer Dezember-Zinserhöhung auf 63 %. Stärkt den Dollar, belastet Edelmetalle.
  • Strukturelle Knappheit: Kupfer und Silber profitieren langfristig von industriellem Nachfragewachstum und schrumpfendem Minenoutput — kurzfristig überlagert der Makro-Druck bei Silber, bei Kupfer nicht.

Kupfer profitiert von der anderen Seite derselben Medaille. Während Friedenshoffnung und straffere Geldpolitik Gold und Öl belasten, stützen Elektrifizierung und KI-Infrastruktur das Industriemetall unabhängig vom geopolitischen Ausgang.

Hormuz-Entscheidung als Weichenstellung für alle fünf Rohstoffe

Die kommenden Tage könnten wegweisend werden. Beide Seiten bewegen sich auf ein Abkommen zur Wiedereröffnung der Straße von Hormuz zu, möglicherweise noch vor dem G7-Gipfel. Irans Außenminister Abbas Araghchi nannte ein Memorandum of Understanding „so nah wie nie zuvor“.

Für Öl-Bullen gilt: Selbst ein Friedensdurchbruch bedeutet nicht sofort niedrigere Preise. Die operative Normalisierung braucht Monate. Für Gold könnte ein nachlassender Inflationsdruck paradoxerweise bullisch wirken — wenn die Fed-Zinserhöhungserwartungen zurückgehen und der Dollar schwächelt.

Silber wird am 17. Juni seinen nächsten Richtungsentscheid erleben, wenn die Fed unter neuem Vorsitz erstmals kommuniziert. Kupfer bleibt strukturell die stärkste Story im Rohstoffsektor — getragen von Elektrifizierung, schrumpfendem Minenoutput und einer Wall Street, die geschlossen auf steigende Preise setzt.