Iran-Deal: Wer wirklich profitiert

Das Abkommen zwischen USA und Iran könnte vor allem den Revolutionsgarden nützen, die tief in der Wirtschaft verwurzelt sind.

Iran-Deal: Wer wirklich profitiert
Kurz & knapp:
  • IRGC als Hauptprofiteur des Deals
  • 24 Milliarden Dollar blockierte Gelder
  • Westliche Firmen vor Dilemma
  • Diplomatie durch Gewalt belastet

Das Abkommen zwischen Washington und Teheran weckt Hoffnungen auf eine Entspannung im Nahen Osten. Doch hinter den Kulissen des Iran-Deals zeichnet sich ein unbequemes Paradox ab: Die Entfrostung eingefrorener Vermögenswerte und die Wiederaufnahme des Ölexports könnten ausgerechnet jener Kraft zugutekommen, die der Westen seit Jahren als Terrororganisation einstuft.

Ein Deal mit Nebenwirkungen

Die Vereinigten Staaten und Katar arbeiten an einem Plan, der Teheran Zugang zu sechs Milliarden Dollar eingefrorener Vermögen ermöglichen würde — bestimmt für humanitäre Käufe wie Lebensmittel und Medikamente. Diese Summe ist jedoch nur ein kleiner Vorgeschmack. Iran fordert die schnellstmögliche Freigabe von mindestens 24 Milliarden Dollar blockierter Gelder, von einem geschätzten Gesamtvolumen von rund 100 Milliarden Dollar weltweit.

Das eigentliche Gewicht des Abkommens liegt woanders. Ein umfassenderer Deal könnte alle Sanktionen aufheben und Iran Zugang zu einem 300-Milliarden-Dollar-Wiederaufbaufonds verschaffen. Wer aber steht bereit, um diese Früchte zu ernten?

Die Antwort ist unbequem: die Iranischen Revolutionsgarden (IRGC). Die Elitetruppe hat über Jahrzehnte ein weitverzweigtes Wirtschaftsimperium aufgebaut — von Öl und Schifffahrt über Telekommunikation und Bauwesen bis hin zu Logistik und Tourismus. Ihr Ingenieurarm Khatam al-Anbia kontrolliert Hunderte verbundener Unternehmen in Schlüsselsektoren der Infrastruktur und Energie. Vier hochrangige iranische Quellen beschreiben die IRGC als bestpositionierte Kraft, um vom Sanktionsabbau zu profitieren.

Das Dilemma westlicher Investoren

Das iranische Investitionsrecht verlangt von ausländischen Unternehmen eine Partnerschaft mit lokalen Akteuren. Angesichts der schieren Zahl IRGC-naher Unternehmen werden diese de facto zu Torwächtern der lukrativsten Märkte. Westliche Firmen könnten sich schnell in einer Situation wiederfinden, in der sie — ohne es direkt anzustreben — mit Einheiten der Revolutionsgarden zusammenarbeiten.

„Die IRGC zieht alle Fäden hinter dem Ölsektor, man kann die rechtlichen Konsequenzen des Geschäftemachens mit ihnen nicht ignorieren“, warnt Jeremy Paner, ehemaliger Sanktionsermittler des US-Finanzministeriums und heute Partner bei Hughes Hubbard & Reed. Selbst wenn der Interimsvertrag iranische Ölexporte grundsätzlich freigebe, bleibe rechtliches Risiko für US-Unternehmen durch die IRGC im Hintergrund — unter anderem durch den Justice Against Sponsors of Terrorism Act von 2016.

Fragile Diplomatie, offene Fronten

Der Weg zu einem umfassenden Abkommen bleibt steinig. Teheran erklärte zwar Bereitschaft zur weiteren Diplomatie, knüpfte diese aber an eine klare Bedingung: Washington müsse sicherstellen, dass Israel die Waffenstillstandsvereinbarungen einhält. Irans stellvertretender Außenminister Saeed Khatibzadeh betonte gegenüber Al Jazeera, man sei „bereit voranzugehen“ — sofern die USA Engagement zeigten und israelische Militäroperationen im Libanon stoppten.

Die Lage am Boden trübt die Diplomatie zusätzlich. Trotz eines gemeldeten Waffenstillstands zwischen Israel und Hisbollah im Libanon setzte Israel seine Militäroperationen fort — mit mindestens 47 Todesopfern allein am Freitag. Ein geplantes Treffen in Genf unter Beteiligung von US-Vizepräsident JD Vance wurde bereits verschoben, nachdem iranische Vertreter die Reise angesichts der andauernden Kampfhandlungen ablehnten.

Trump drängt weiterhin auf eine Einigung und setzt die Parteien unter Druck: „Wir müssen einen Deal machen.“ Der US-Präsident räumte beiden Seiten 60 Tage für eine abschließende Vereinbarung ein. Als nächster Schritt gelten Gespräche in Ägypten am 21. Juni, bei denen Vermittler wie Pakistan, Saudi-Arabien und die Türkei den Waffenstillstandsrahmen festigen sollen.

Der Preis der Sanktionsjahre

Ironischerweise hat der jahrzehntelange Sanktionsdruck, der Iran wirtschaftlich schwächen sollte, die IRGC erst so mächtig gemacht. Die Revolutionsgarden bauten in dieser Zeit Netzwerke auf, um Ölexporte, Schifffahrt und Handel über Mittelsmänner und Tarnfirmen abzuwickeln. Sie wurden zu Spezialisten für Sanktionsumgehung — ein Knowhow, das ihnen nun einen strukturellen Vorteil verschafft.

Trumps „maximaler Druck“ seit 2018 hat diese Netzwerke zwar verteuert und eingeengt, aber nicht zerstört. Auch ohne vollständige Sanktionserleichterungen werden die Revolutionsgarden von den vorübergehenden Ölexportwaivers des Interimsdeals profitieren.

Kein einfacher Ausweg

Für Washington steckt in diesem Deal ein grundlegendes Dilemma: Ein wirtschaftlicher Anreiz, der Iran zur Kooperation bewegen soll, stärkt gleichzeitig eine Kraft, deren Terrorismusdesignation selbst weitreichende Sanktionserleichterungen rechtlich kompliziert. Die IRGC ist so tief in der iranischen Wirtschaft verwurzelt, dass eine Trennung beider Sphären kaum möglich erscheint.

Ob die laufenden Verhandlungen dieses Grundproblem lösen können, bleibt offen. Die nächsten 60 Tage werden zeigen, wie viel Pragmatismus Washington bereit ist aufzubringen — und welchen Preis die Welt dafür zahlen wird.

Über Felix Baarz 5508 Artikel
Mit über fünfzehn Jahren Erfahrung als Wirtschaftsjournalist hat sich Felix Baarz als Experte für internationale Finanzmärkte etabliert. Seine Leidenschaft gilt den Mechanismen globaler Finanzmärkte und komplexen wirtschaftspolitischen Zusammenhängen, die er für seine Leserschaft verständlich aufbereitet.In Köln geboren und aufgewachsen, entdeckte er früh sein Interesse für Wirtschaftsthemen und internationale Entwicklungen. Nach seinem Studium startete er als Wirtschaftsredakteur bei einer renommierten deutschen Fachpublikation, bevor ihn sein Weg ins Ausland führte.Ein prägendes Kapitel seiner Karriere waren die sechs Jahre in New York, wo er direkten Einblick in die globale Finanzwelt erhielt. Die Berichterstattung von der Wall Street und über weltweite wirtschaftspolitische Entscheidungen schärfte seinen Blick für globale Zusammenhänge.Heute ist Felix Baarz als freier Journalist für führende Wirtschafts- und Finanzmedien im deutschsprachigen Raum tätig. Seine Arbeit zeichnet sich durch fundierte Recherchen und präzise Analysen aus. Er möchte nicht nur Fakten präsentieren, sondern auch deren Bedeutung erklären und seinen Lesern Orientierung bieten – sei es zu wirtschaftlichen Trends, politischen Entscheidungen oder langfristigen Veränderungen in der Finanzwelt.Zusätzlich moderiert er Diskussionen und nimmt an Expertenrunden teil, um sein Wissen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Dabei liegt sein Fokus darauf, komplexe Themen informativ und inspirierend zu vermitteln. Felix Baarz versteht seine journalistische Aufgabe darin, in einer sich schnell wandelnden Welt einen klaren Blick auf wirtschaftliche Zusammenhänge zu ermöglichen und seine Leser bei fundierten Entscheidungen zu unterstützen – beruflich wie privat.