Der Iran-Konflikt schreibt weiter Schlagzeilen – und zwar nicht nur auf dem Schlachtfeld. Mehr als drei Monate nach Ausbruch des US-israelischen Krieges zeigt der Strudel der Konsequenzen, wie vernetzt die globale Wirtschaft wirklich ist: steigende Energiepreise, strapaziierte Lieferketten und eine Geldpolitik, die unter Druck steht.
Straße von Hormus: Nadelöhr der Weltwirtschaft
Etwa ein Fünftel des weltweiten Öl- und Flüssiggas-Angebots fließt durch die Straße von Hormus. Seit der faktischen Schließung dieser Wasserstraße hat der Energiepreis die gesamte globale Lieferkette unter Strom gesetzt. Brent-Rohöl notierte zeitweise über 100 Dollar pro Barrel und liegt auch heute noch deutlich über dem Niveau vor Kriegsbeginn.
Iran kalkuliert dabei offenbar strategisch. Teheran strebt nach Informationen aus Verhandlungskreisen ein begrenztes Interimsabkommen mit Washington an – nicht um Kernpositionen aufzugeben, sondern um wirtschaftlichen Druck abzumildern und Zeit zu kaufen. Die Logik dahinter: Der Zugriff auf die Straße ist keine Verhandlungsmasse, sondern ein dauerhafter strategischer Aktivposten. „Mit dem Kriegsbeginn schenkte Trump Iran die Kontrolle über die Straße“, so ein mit den Verhandlungen vertrauter Insider.
Washington wiederum steht vor einem eigenen Dilemma. Präsident Trump ist innenpolitisch unter Druck, die Ölversorgung zu normalisieren und die Spritpreise zu senken – gleichzeitig muss er Hardliner in der eigenen Partei besänftigen, die jede Konzession gegenüber Teheran ablehnen.
US-Wirtschaft: Trotz Kriegskosten überraschend robust
Dass die US-Wirtschaft unter diesen Bedingungen noch weitgehend standhält, überrascht. Das verarbeitende Gewerbe wuchs im Mai so schnell wie zuletzt vor vier Jahren: Der Einkaufsmanagerindex des Institute for Supply Management (ISM) sprang auf 54,0 Punkte – nach 52,7 im April und damit deutlich über den Erwartungen von 53,3. Werte über 50 signalisieren Wachstum.
Ein wesentlicher Treiber: Unternehmen horten Vorräte. 42 Prozent der befragten Einkaufsmanager nannten den Iran-Krieg explizit als Einflussfaktor, 57 Prozent beklagten Preisvolatilität. Lieferzeiten blieben mit einem Index-Wert von 60,6 außergewöhnlich lang. Kurzum: Die Wirtschaft brummt, aber aus den falschen Gründen – Vorzieheffekte und Hamsterkäufe treiben die Zahlen.
Ähnliches Bild am Bau. US-Bauausgaben stiegen im April um 0,4 Prozent, mehr als die erwarteten 0,2 Prozent. Vor allem der Eigenheimbau legte mit plus 1,4 Prozent kräftig zu. Die Kehrseite: Der 30-jährige Hypothekenzins kletterte auf 6,53 Prozent – ein Neunmonatshoch – und belastet zunehmend die Nachfrage.
Inflation und Zinsen: Die nächste Baustelle
Die eigentliche Gefahr lauert in der Preisentwicklung. Die US-Inflation legte im April so stark zu wie seit drei Jahren nicht mehr. Die Preissteigerungen greifen längst über Energieprodukte hinaus. Angesichts dessen erwartet der Markt, dass die Federal Reserve ihren Leitzins im Korridor von 3,50 bis 3,75 Prozent bis weit ins nächste Jahr einfriert.
In Europa sieht sich die Europäische Zentralbank (EZB) in einer ähnlichen Zwickmühle. Eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte auf 2,25 Prozent am 11. Juni gilt als nahezu sicher – EZB-Präsidentin Christine Lagarde hatte entsprechende Signale bereits gesendet. Die entscheidendere Frage ist, was danach kommt.
UBS warnt, dass Märkte die weiteren Zinsschritte möglicherweise unterschätzen. Bankökonomen verweisen auf Berichte, wonach die EZB in diesem Jahr mindestens zwei weitere Anhebungen ins Auge fasst. UBS selbst geht von insgesamt zwei Zinsschritten aus, sieht aber Aufwärtsrisiken. Die Bank hat ihre EZB-Wachstumsprognose für 2026 auf 0,7 Prozent gesenkt und ihre Inflationserwartung auf 2,9 Prozent angehoben – vor allem wegen der hohen Energiepreise.
Schweiz und Kolumbien: Zwei Gegenentwürfe
Während der Nahe Osten die Schlagzeilen dominiert, liefern andere Ecken der Welt interessante Kontrapunkte. Die Schweizer Wirtschaft wuchs im ersten Quartal 2026 um solide 0,4 Prozent – Beschleunigung gegenüber den 0,2 Prozent Ende 2025. Ausschlaggebend war die Erholung im verarbeitenden Gewerbe, das um 1,5 Prozent zulegte. Rückenwind kam von gesenkten US-Zöllen: Schweizer Exporte werden seit Januar mit 10 statt zuvor 15 Prozent belastet. Maschinen, Metalle und Uhren überkompensierten dabei den Rückgang im Pharma- und Chemiesektor.
Noch dramatischer das Bild in Kolumbien, wo die Präsidentschaftswahl gestern eine überraschend klare Vorentscheidung brachte. Der Rechtsanwalt Abelardo De La Espriella kommt mit knapp 44 Prozent der Stimmen in die Stichwahl am 21. Juni, der linkspopulistische Senator Iván Cepeda mit rund 41 Prozent. Die Märkte reagierten prompt: Der kolumbianische Peso gewann 3,75 Prozent gegenüber dem US-Dollar, die Börse legte 6,3 Prozent zu.
De La Espriella, der mit hartem Durchgreifen gegen bewaffnete Gruppen und dem Bau von zehn Hochsicherheitsgefängnissen wirbt, gilt als Favorit – zumal der drittplatzierte Kandidat und Ex-Präsident Álvaro Uribe ihn bereits unterstützen. Für Investoren hängt viel davon ab: Ein Sieg des Rechtsanwalts würde Kolumbiens Ölpolitik neu ausrichten und die unter Präsident Petro umstrittene Blockade neuer Ölförderprojekte beenden.
Ausblick: Fragile Stabilität
Die Märkte haben sich an den Iran-Krieg gewöhnt – aber nicht angepasst. Energie bleibt teuer, Lieferketten bleiben angespannt, und die Geldpolitik diesseits und jenseits des Atlantiks navigiert durch unruhiges Fahrwasser. Ob das angestrebte Interimsabkommen zwischen Washington und Teheran tatsächlich zustande kommt und ob es ausreicht, die Straße von Hormus dauerhaft zu öffnen, wird die entscheidende Variable der kommenden Wochen sein.


