Der Iran-Krieg hat die Finanzmärkte in den vergangenen Wochen auf eine Achterbahn geschickt – doch an diesem Donnerstag dreht sich das Blatt. Hoffnungen auf ein baldiges Kriegsende treiben Aktien auf Rekordstände, während Öl deutlich nachgibt. Die Frage ist nur: Wie belastbar ist dieser Optimismus?
Frieden in Sicht? Märkte reagieren euphorisch
Washington und Teheran nähern sich offenbar einem begrenzten Waffenstillstandsabkommen. Beide Seiten arbeiten mit Vermittlern an einem 14-Punkte-Rahmenwerk, das zunächst auf einer einzigen Seite festgehalten werden soll. Gespräche sollen kommendes Wochenende in Pakistan beginnen. Strittige Fragen wie Irans Nuklearprogramm würden dabei vorerst ausgeklammert.
Die Märkte haben die Meldung sofort verarbeitet. Der S&P 500 stieg auf 7.370 Punkte, der Nasdaq Composite kletterte auf 25.919 Punkte – beide nahe historischer Hochs. Gleichzeitig fiel der Ölpreis um rund vier Prozent und entfernte sich damit weiter von der Marke von 100 US-Dollar pro Barrel.
„Ich wäre überrascht, wenn dieser Konflikt anhält. Ich denke, Trump will ihn gelöst sehen“, sagte Robert Pavlik, Portfoliomanager bei Dakota Wealth. Trump selbst schrieb in sozialen Medien, die Straße von Hormus werde bei einem Friedensschluss „für alle OFFEN“ sein – jene Meerenge, durch die rund ein Fünftel des weltweiten Öls fließt.
Die Euphorie hat jedoch Grenzen. Die gemischten Signale aus Teheran mahnen zur Vorsicht: Während der iranische Außenminister Gesprächsbereitschaft signalisiert, bezeichnete ein anderer iranischer Funktionär den US-Vorschlag als bloße Wunschliste. Auch die militärischen Aktivitäten laufen weiter – US-Streitkräfte stoppten am Mittwoch einen iranischen Öltanker, der versuchte, die amerikanische Seeblockade zu durchbrechen.
Ölpreis und Inflation: Das Dilemma der Zentralbanken
Genau hier liegt das eigentliche Spannungsfeld für die Geldpolitik. Der Rückgang des Ölpreises ist eine Erleichterung – doch er kommt von einem sehr hohen Niveau. Und die EZB-Ratsmitgliederin Isabel Schnabel machte am Donnerstag in London deutlich, dass die Risiken noch lange nicht gebannt sind.
„Wenn der Energiepreisschock sich ausweitet, muss die Geldpolitik straffen, um das Risiko von Zweitrundeneffekten zu begrenzen“, sagte Schnabel. Sie wies darauf hin, dass ein wachsender Anteil europäischer Unternehmen trotz gedämpfter Nachfrage Preiserhöhungen plane – und dass Haushalte ihre Inflationserwartungen bereits nach oben korrigiert hätten. Märkte preisen inzwischen drei bis vier EZB-Zinserhöhungen innerhalb der nächsten zwölf Monate ein, was den Einlagenzins von derzeit zwei auf bis zu drei Prozent treiben könnte.
Noch deutlicher wird die Lage in den Erdgasmärkten. Die US-Energiebehörde EIA meldete diese Woche einen Anstieg der Erdgasvorräte um lediglich 63 Milliarden Kubikfuß – deutlich weniger als die erwarteten 72 Milliarden Kubikfuß. Der vorherige Wochenwert lag bei 79 Milliarden Kubikfuß. Das signalisiert entweder gestiegene Nachfrage oder eingeschränktes Angebot – beides dürfte den Gaspreis weiter unter Druck setzen.
Für die US-Notenbank Fed ergibt sich ein ähnliches Bild. Trotz eines robusten Arbeitsmarkts – die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe stiegen weniger als erwartet – wetten Händler weiterhin darauf, dass die Fed die Zinsen bis Jahresende unverändert lässt. Der Grund: Die Kombination aus anhaltend hohen Energiepreisen und einer widerstandsfähigen Konjunktur lässt wenig Spielraum für Zinssenkungen. Morgen stehen die offiziellen Arbeitsmarktdaten an – erwartet werden 62.000 neue Stellen im April.
Kanadischer Dollar zwischen Öl und Unsicherheit
Einen besonders direkten Draht zum Ölmarkt hat der kanadische Dollar. Da Öl zu Kanadas wichtigsten Exportgütern zählt, profitierte der Loonie vom Preisanstieg nach der Schließung der Straße von Hormus erheblich. Nun, da sich ein mögliches Kriegsende abzeichnet und die Ölpreise sinken, stellt sich die Frage, wie stark dieser Rückenwind noch anhält.
Laut einer Reuters-Umfrage unter 27 Devisenstrategen wird der kanadische Dollar kurzfristig leicht nachgeben – auf 1,3667 gegenüber dem US-Dollar in drei Monaten. Langfristig, in zwölf Monaten, sehen die Analysten ihn bei 1,3433 – stärker als derzeit. „Wir haben bereits eine erhebliche Neubewertung von Risiken gesehen, aber die anhaltende Unsicherheit rund um den US-Iran-Konflikt deutet darauf hin, dass das Währungspaar kurzfristig in einer Spanne verharren könnte“, erklärte Sarah Ying von der CIBC Capital Markets.
Ein weiterer Faktor: Die Überprüfung des Freihandelsabkommens CUSMA zwischen den USA, Kanada und Mexiko steht bis zum 1. Juli an. Überraschungen dort könnten den Aufwärtstrend des Loonie empfindlich stören.
Digitaler Handel und Südafrikas Schulden: Randnotizen mit Signalwirkung
Abseits der Iran-Schlagzeilen liefen zwei weitere bemerkenswerte Entwicklungen. Beim Treffen der Welthandelsorganisation (WTO) in Genf scheiterte eine globale Einigung zur Verlängerung des Moratoriums auf Zölle im elektronischen Handel – hauptsächlich wegen Brasiliens Widerstand. Daraufhin schlossen 19 Länder, darunter die USA, Japan, Südkorea und Australien, ihr eigenes Abkommen, das ab dem 8. Mai gilt. ICC-Generalsekretär John Denton nannte es ein nützliches Pflaster – betonte aber, es sei kein Ersatz für eine echte WTO-weite Lösung.
In Afrika gab Moody’s eine bemerkenswert konstruktive Einschätzung zu Südafrika ab. Die Ratingagentur erwartet, dass der Schuldenstand des Landes – nach einem Höchststand von 86,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts 2025 – bis 2028 auf 84,9 Prozent sinken wird. Bessere Steuereinnahmen, Ausgabendisziplin und eine neue Inflationssteuerung bei drei Prozent werden als tragende Säulen dieser Stabilisierung gesehen. Das Wirtschaftswachstum soll bis 2028 auf rund zwei Prozent steigen – von gerade einmal 0,5 Prozent im Jahr 2024.
Ausblick: Vorsichtiger Optimismus
Das übergeordnete Bild ist klar: Die Märkte wetten auf eine Deeskalation im Nahen Osten. Ob diese Wette aufgeht, wird sich schon in den nächsten Tagen zeigen – sobald Teheran seine Antwort auf den US-Friedensplan offiziell übermittelt. Bis dahin bleibt die Unsicherheit hoch genug, um Zentralbanken in Lauerstellung zu halten und Anleger nervös zu machen.


