Trumps Versprechen, Iran „in den nächsten zwei bis drei Wochen extrem hart“ zu treffen, hat die Hoffnung auf ein baldiges Kriegsende zerschlagen. Die Finanzmärkte reagierten prompt: Der Dollar schoss nach oben, Öl nähert sich der 110-Dollar-Marke, und Aktien weltweit standen unter Druck. Was zunächst wie ein kurzer Schock wirkte, entwickelt sich zunehmend zum Dauerzustand.
Sicherer Hafen Dollar – auf Kosten aller anderen
Der Dollar-Index kletterte am Donnerstag um rund 0,5 % auf knapp über 100 Punkte – und wischte damit die Verluste der vergangenen zwei Handelstage in einer einzigen Sitzung aus. Selbst andere klassische Fluchtwährungen wie der Schweizer Franken und der japanische Yen konnten nicht mithalten. Der Yen rutschte auf 159,64 je Dollar und nähert sich bedrohlich der Marke von 160 – jenem Niveau, bei dem Marktteilnehmer traditionell mit einer Intervention der japanischen Zentralbank rechnen.
Euro und Pfund gaben ebenfalls nach. „Wenn man glaubt, der Krieg endet bald, kauft man Risiko. Wenn nicht, verkauft man es“, brachte es Marc Chandler, Chefstratege bei Bannockburn Global Forex, auf den Punkt. Eine einfache Formel – aber sie erklärt gerade alles.
Brent-Rohöl stieg zeitweise auf über 108 Dollar je Barrel, ein Plus von mehr als 6 % an einem einzigen Tag. Nach einem historischen Anstieg von 60 % im März ist ein Ende der Preisspirale nicht in Sicht. Die Internationale Energieagentur schätzt, dass der Krieg bereits rund 12 Millionen Barrel täglich aus dem globalen Markt genommen hat – etwa 12 % des weltweiten Verbrauchs.
Europas Börsen zwischen Hoffnung und Angst
An den europäischen Aktienmärkten zeigte sich ein ähnliches Bild, wenngleich mit einem Lichtblick: Der STOXX 600 begrenzte seine Verluste auf 0,2 %, nachdem er zwischenzeitlich um 1,6 % gefallen war. Auslöser der Erholung war eine Meldung, wonach Iran gemeinsam mit Oman ein Protokoll zur Überwachung des Schiffsverkehrs in der Straße von Hormus ausarbeitet. Die Hoffnung auf eine Wiedereröffnung der strategisch wichtigen Meerenge reichte aus, um die schlimmsten Verluste abzufangen.
Doch die Erleichterung war begrenzt. Technologiewerte verloren 1 %, Bankentitel sogar 1,1 %. „Anfangs machte sich der Markt vor allem Sorgen um Inflation“, erklärte Marija Veitmane von State Street. „Jetzt beginnen wir, uns um das Wachstum zu sorgen – und das belastet die Bewertungen.“ Julius-Baer-Analysten sprachen von einer Lage, die sich „von einem scharfen Schock zu einer komplexeren Phase mit steigenden Eskalationsrisiken“ entwickelt.
Arbeitsmarkt unter Druck – Stagflation als neues Schreckgespenst
In den USA sank die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe in der Woche bis zum 28. März auf saisonbereinigt 202.000 – ein Rückgang von 9.000 und besser als von Ökonomen erwartet. Auf den ersten Blick ein gutes Zeichen. Doch der Teufel steckt im Detail.
Privater Stellenaufbau lag zuletzt bei durchschnittlich gerade einmal 18.000 Jobs pro Monat. Der für Freitag erwartete Arbeitsmarktbericht soll zwar einen Anstieg von 60.000 Stellen für März zeigen – nach einem Einbruch um 92.000 im Februar, teilweise bedingt durch Streiks und schlechtes Wetter. Aber Analysten warnen, dass selbst diese zaghafte Erholung von kurzer Dauer sein könnte. „Wir erwarten, dass der Krieg die ohnehin bescheidene Verbesserung auf dem Arbeitsmarkt weiter verzögert“, sagte Nancy Vanden Houten von Oxford Economics.
Das Wort, das niemand gerne ausspricht, macht die Runde: Stagflation. Steigende Energiepreise befeuern die Inflation, während Unsicherheit und schwächere Verbrauchernachfrage das Wachstum bremsen. Der US-Benzinpreis überstieg diese Woche erstmals seit mehr als drei Jahren die Marke von vier Dollar je Gallone.
Zentralbanken im Blindflug
Nirgendwo ist die Unsicherheit größer als bei den Notenbanken. Sollen sie die Zinsen erhöhen, um die anziehende Inflation zu bekämpfen? Oder Vorsicht walten lassen, um ein abkühlendes Wachstum nicht zusätzlich abzuwürgen? Die Antwort hängt davon ab, wie dauerhaft der Ölpreisschock die Inflationserwartungen verschiebt – und genau das lässt sich kaum messen.
„Ich versuche, mich in die Gedanken der Preissetzer hineinzuversetzen“, beschrieb Tom Barkin, Präsident der Richmond Fed, die Herausforderung. EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel wies darauf hin, dass Unternehmen nach der Pandemie ihre Preise deutlich häufiger anpassen als zuvor – was Inflationserwartungen fragiler macht. Die Märkte preisen aktuell zwei bis drei Zinserhöhungen der EZB sowie zwei Anhebungen der Bank of England bis Jahresende ein. Fed-Zinssenkungen hingegen sind vom Tisch.
In Japan skizziert ein ehemaliger Notenbanker ein besonders düsteres Szenario. Nobuyasu Atago warnt, die Bank of Japan könnte die eigentliche Gefahr übersehen: nicht die Inflation, sondern die drohenden Lieferengpässe bei Naphtha – einem Grundstoff der Petrochemie, der für die Produktion von Kunststoffen und synthetischen Fasern unerlässlich ist. „Japan könnte diesen Sommer Stagflation erleben – steigende Preise bei gleichzeitig einbrechender Wirtschaft“, so Atago.
Was bleibt offen
Die kommende Woche bringt neue Datenpunkte: die US-Inflationszahlen, das Fed-Lieblingsmaß für die Preisentwicklung sowie das OPEC+-Treffen am Sonntag. Doch so lange Trumps Aussagen über weitere Angriffe und Irans Drohungen mit „vernichtenderen Attacken“ den Ton angeben, dürften alle wirtschaftlichen Kennzahlen im Schatten einer einzigen Frage stehen: Wann endet dieser Krieg – und was bleibt von der globalen Konjunktur bis dahin übrig?


