Iran-Krieg erschüttert Weltmärkte

Der Iran-Krieg treibt Ölpreis und Inflation, Europa droht Stagflation, während die USA wirtschaftlich stabiler bleiben.

KI-generiertes Symbolbild
Symbolbild, KI-generiert
Kurz & knapp:
  • Brent-Öl über 105 US-Dollar
  • Europa droht stagflationärer Trend
  • US-Wirtschaft zeigt sich stabiler
  • Friedensverhandlungen weiterhin schwierig

Der Krieg im Iran ist längst kein regionales Ereignis mehr. Er hat die Weltwirtschaft in einen Zustand versetzt, der Ökonomen an die schlimmsten Phasen der Energie- und Inflationskrisen der vergangenen Jahrzehnte erinnert — mit dem Unterschied, dass diesmal mehrere Schocks gleichzeitig treffen.

Brent-Rohöl notiert bei gut 105 US-Dollar pro Barrel. Vor Kriegsbeginn Ende Februar waren es rund 70 Dollar. Die Meerenge von Hormuz, durch die etwa ein Fünftel des weltweiten Öls transportiert wird, ist für Tanker nahezu gesperrt. Und eine Einigung zwischen Washington und Teheran lässt auf sich warten.

Stagflation in Europa, Stärke in den USA

Die wirtschaftlichen Folgen treffen Europa und die USA sehr unterschiedlich. Goldman Sachs hat diese Woche aufgezeigt, wie stark die Schere auseinandergeht: Der zusammengesetzte Einkaufsmanagerindex für die USA ist seit Februar stabil geblieben, während vergleichbare Werte für das Vereinigte Königreich und die Eurozone um vier bis fünf Punkte gefallen sind.

Die Europäische Kommission hat ihre Prognose entsprechend angepasst. Das Wachstum der Eurozone soll 2026 auf 0,9 Prozent sinken — von 1,3 Prozent im Vorjahr. Die Inflation wird bei 3,0 Prozent erwartet, deutlich über dem Zwei-Prozent-Ziel der Europäischen Zentralbank. EU-Finanzminister sprachen auf einem Treffen in Nikosia offen von einem „stagflationären Trend“. Gleichzeitig warnen sie davor, die Staatsfinanzen durch zu breite Entlastungspakete zu überdehnen. Das aggregierte Eurozondefizit droht 2027 auf 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu steigen — über der EU-Grenze von 3,0 Prozent.

In den USA hingegen stützen fiskalische Impulse, lockerere Finanzbedingungen und gesunkener Zolldruck das Wachstum. Goldman Sachs verweist zudem auf Zinsdifferenzen, die sich zuletzt zugunsten des Dollars verschoben haben.

Großbritannien: Alte Wunden, neue Schmerzen

Besonders tief sitzt der Schmerz in Großbritannien. Premierminister Keir Starmer, der erst 2024 mit der größten Labour-Mehrheit seit 1997 ins Amt gewählt wurde, sieht seine Regierung bereits mit Umfragewerten von 17 Prozent abstürzen. Der Energiepreisschock trifft ein Land, das die Inflation aus der Zeit des Ukraine-Krieges — damals mehr als 11 Prozent — nie ganz verdaut hat.

Die realen verfügbaren Haushaltseinkommen liegen noch immer 0,4 Prozent unter dem Niveau von Ende 2019. Lebensmittelpreise sind seit Anfang 2022 um mehr als ein Drittel gestiegen. „Die Lebenshaltungskostenkrise ist noch sehr präsent im Bewusstsein der Menschen“, sagt Stephen Millard vom National Institute of Economic and Social Research. Die Zinsen der Bank of England liegen mehr als 1,5 Prozentpunkte über denen der EZB — was Hypothekenkosten zusätzlich belastet.

Starmers Regierung versucht gegenzusteuern: Geplante Erhöhungen der Kraftstoffsteuer wurden verschoben, Energieabgaben in den allgemeinen Haushalt verlagert, kostenloser Busverkehr für Schulkinder angekündigt. Ob das reicht, bezweifeln die meisten Ökonomen.

Anleihen unter Druck, Kupfer unter Strom

An den Finanzmärkten schlagen die Spannungen voll durch. Die Renditen 30-jähriger US-Staatsanleihen haben diese Woche den höchsten Stand seit 2007 erreicht. Anleiheinvestoren gehen davon aus, dass Notenbanken angesichts des Inflationsschocks kaum Spielraum für Zinssenkungen haben. Sollten Regierungen zusätzlich die Ausgaben erhöhen, um Verbraucher abzufedern, würde das die Schuldenlast weiter treiben — ein Risiko, das Japan bereits laut angesprochen hat.

Gleichzeitig positionieren sich Rohstoffhändler für alle Eventualitäten. Der Handelsgigant Trafigura plant nach Informationen aus Branchenkreisen, große Mengen Kupfer aus den Lagerhäusern der London Metal Exchange im US-amerikanischen New Orleans abzuziehen. Hintergrund ist eine für Ende Juni erwartete US-Entscheidung über mögliche Importzölle auf Kupfer. Die Bestände an Comex-genehmigten Lagerhäusern haben sich seit der Ankündigung der US-Sicherheitsprüfung im Februar 2025 um mehr als 550 Prozent erhöht — ein Zeichen, wie drastisch Händler auf regulatorische Unsicherheit reagieren.

Diplomatie auf der Kippe

Das Zentrum des Geschehens bleibt die Frage, wann und ob der Krieg endet. Pakistan versucht als Vermittler, eine Brücke zwischen Washington und Teheran zu bauen. US-Außenminister Marco Rubio sieht „positive Signale“, mahnt aber zur Vorsicht. Ein hochrangiger iranischer Funktionär sagte, die Differenzen hätten sich verringert.

Doch ein zentrales Hindernis bleibt: Irans Oberster Führer Mojtaba Chamenei hat laut Medienberichten angeordnet, dass kein angereichertes Uran das Land verlassen darf — direkt gegen eine Kernforderung Trumps. Zusätzlich streiten sich beide Seiten über ein geplantes Mautsystem für die Straße von Hormuz. Das Weiße Haus dementierte Berichte über eine verschärfte iranische Haltung, doch die Ölpreise stiegen am Freitag erneut.

Analysten der BMO Capital Markets fassten die Stimmung präzise zusammen: Frühe Hoffnungen auf ein Friedensabkommen hätten sich zuletzt wieder eingetrübt.

Was kommt als Nächstes?

In der kommenden Woche stehen richtungsweisende Datenpunkte an. Der PCE-Preisindex für April — das bevorzugte Inflationsmaß der US-Notenbank — dürfte zeigen, wie stark der Energiepreisschock die Verbraucherpreise treibt. In Japan könnte der Tokioter Kerninflationsindex die Bank of Japan in ihrer Absicht bestärken, die Zinsen im Juni erstmals seit Dezember zu erhöhen.

Die Finanzmärkte warten auf Antworten, die die Diplomatie bislang schuldig bleibt. Solange die Straße von Hormuz weitgehend gesperrt ist und Öl bei über 100 Dollar notiert, bleibt der Inflationsdruck das bestimmende Thema — für Notenbanken, Regierungen und Verbraucher gleichermaßen.

Über Felix Baarz 8256 Artikel
Felix Baarz arbeitet seit 2016 als Wirtschaftsjournalist und gehört zur Redaktion der YES Investmedia GmbH.Unter seinem Namen erscheinen auf Trading-Treff seit März 2025 Beiträge zu Aktien, Trading und Indizes sowie zu wirtschaftlichen Rahmenthemen. Schwerpunkte sind Rohstoffwerte sowie KI- und Technologiewerte.Quellen dieses Ressorts: Unternehmensmitteilungen und Pflichtveröffentlichungen, Geschäftsberichte und Quartalszahlen, Kurs- und Handelsdaten der Börsenplätze sowie Meldungen der Nachrichtenagenturen. Bei Index- und Trading-Themen zusätzlich die Zusammensetzung und Anpassungen der Indexanbieter sowie Terminmarktdaten; bei Technologie- und KI-Werten Produktankündigungen und Geschäftszahlen der Unternehmen.Einordnung: Analystenurteile und Kursziele erscheinen als Aussage der jeweiligen Häuser, nicht als Bewertung der Redaktion. Kurs- und Unternehmensangaben geben den Stand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder.