Iran-Krieg erschüttert Weltwirtschaft

Der US-geführte Krieg gegen Iran löst einen globalen Inflationsschock aus, schwächt die Industrieproduktion in Europa und Kanada und stellt Zentralbanken vor ein unlösbares Dilemma.

Iran-Krieg erschüttert Weltwirtschaft
Kurz & knapp:
  • Ölpreis steigt über 100 Dollar je Barrel
  • Industrieproduktion in Europa bricht ein
  • Kanada verliert fast 84.000 Arbeitsplätze
  • Fed erwartet keine baldigen Zinssenkungen

Der Ölpreis jenseits der 100-Dollar-Marke, schrumpfende Industrieproduktion in Europa, ein kollabierender Arbeitsmarkt in Kanada — der US-geführte Krieg gegen Iran wirft seinen Schatten auf die gesamte Weltwirtschaft. Was zunächst als regionaler Konflikt begann, entwickelt sich zu einem globalen Inflationsschock mit weitreichenden Folgen für Zentralbanken, Konsumenten und Anleger gleichermaßen.

Öl als Taktgeber der Märkte

Die Wall Street tanzte in dieser Woche nach der Pfeife des Rohölpreises. „Sag mir, was der Ölpreis heute macht, und ich sage dir, was die Aktien machen“, brachte es Peter Cardillo, Chefvolkswirt bei Spartan Capital Securities, auf den Punkt. Tatsächlich lieferten die großen US-Indizes ein volatiles Bild: Der S&P 500 verlor am Freitag 0,47 Prozent, der Nasdaq sogar 0,94 Prozent — beide auf Kurs für die dritte Verlustwoche in Folge.

Rohöl pendelte unterdessen knapp über der Marke von 100 Dollar je Barrel. Trumps Ankündigung, Iran „in der nächsten Woche sehr hart“ zu treffen, kombiniert mit Berichten über eine Ausweitung des Konflikts auf den Libanon, Kuwait, den Irak und die Vereinigten Arabischen Emirate, ließ Hoffnungen auf eine schnelle Deeskalation schwinden. Der entscheidende Faktor: Iran verschärfte seine Kontrolle über die Straße von Hormus — durch die rund ein Fünftel des weltweiten Öls transportiert wird. Die Internationale Energiebehörde sprach von der bisher größten Störung der globalen Rohölversorgung in der Geschichte.

Notfallmaßnahmen wie die Freigabe strategischer Ölreserven der IEA und eine US-Lizenz für Länder, russisches Öl zu kaufen, konnten den Preisanstieg nicht stoppen.

Ein Inflationsdilemma für die Fed

Die US-Wirtschaft befand sich bereits vor dem Krieg in einem angespannten Zustand. Das Bruttoinlandsprodukt wuchs im vierten Quartal nur mit einer annualisierten Rate von 0,7 Prozent — eine drastische Abwärtsrevision von der ursprünglich gemeldeten Rate von 1,4 Prozent. Der Einbruch ist teils auf den längsten Regierungsstillstand der US-Geschichte zurückzuführen, der die Staatsausgaben belastete.

Gleichzeitig bleibt die Inflation hartnäckig. Der von der Fed bevorzugte Preisindex für persönliche Konsumausgaben (PCE) stieg im Januar um 2,8 Prozent im Jahresvergleich, der Kernindex sogar um 3,1 Prozent — der stärkste Anstieg seit März 2024. Oxford Economics schätzt, dass der Iran-Krieg allein durch steigende Benzinpreise im März mindestens 0,3 Prozentpunkte zur Gesamtinflation beitragen wird. Die Tankstellenpreise sind seit Kriegsbeginn bereits um mehr als 21 Prozent auf 3,63 Dollar je Gallone gestiegen.

Die Zentralbank sitzt in der Falle: Schwächeres Wachstum würde normalerweise Zinssenkungen nahelegen, doch steigende Energiepreise könnten die Inflation weiter anheizen. Ökonomen erwarten, dass die Fed ihren Leitzins bei der Sitzung nächste Woche unverändert im Bereich von 3,50 bis 3,75 Prozent belässt. Die Finanzmärkte preisen inzwischen nur noch eine einzige Zinssenkung in diesem Jahr ein — frühestens im September. Vor Kriegsbeginn waren es noch zwei.

„Wir sehen nun einen steilen Anstieg der Inflation und eine schwächere Wirtschaftsaktivität im zweiten Quartal“, warnte Kathy Bostjancic, Chefvolkswirtin bei Nationwide.

Globale Schockwellen — von Europa bis Afrika

Der Schmerz ist nicht auf die USA beschränkt. Die Industrieproduktion der Eurozone schrumpfte im Januar bereits um 1,5 Prozent gegenüber dem Vormonat — weit schlimmer als die erwarteten plus 0,6 Prozent. Deutschland, Italien und Spanien verzeichneten allesamt Rückgänge. Besonders hart trifft es Deutschland, dessen Industrieausstoß inzwischen neun Prozent unter dem Niveau von 2021 liegt. Die Energiekrise kommt zur Unzeit: Die Ölpreise haben sich seit Jahresbeginn um rund zwei Drittel verteuert, die Erdgaspreise sind um etwa 80 Prozent gestiegen.

„Europas Industriesektor ist stark auf importiertes Gas und Öl angewiesen und durch Lieferkettenunterbrechungen infolge des Konflikts exponiert“, erklärte Diego Iscaro von S&P Global Market Intelligence.

Noch dramatischer ist die Lage für Afrika. Zentralbanken von Accra bis Luanda hatten zuletzt ihre Leitzinsen gesenkt, um die wirtschaftliche Erholung zu stützen. Diese Lockerungszyklen dürften nun vorerst pausieren. Angola hielt seinen Leitzins bereits unverändert. JPMorgan kürzte seine Prognosen für Zinssenkungen in Nigeria, Kenia, Ghana und Sambia. Falls Öl für ein Jahr bei 100 Dollar verharrt, warnte Charlie Robertson von FIM Partners, werden die Devisenreserven auf dem gesamten Kontinent schrumpfen und viele Währungen um fünf Prozent abwerten.

Sambia steht vor einem besonders konkreten Problem: Steigende Treibstoffpreise bedrohen die Produktivität im Bergbausektor — einer der wenigen stabilen Quellen für Devisen.

Kanada zwischen Zöllen und Jobkrise

Auch Kanada kämpft mit einem eigenen Schock. Im Februar verlor die kanadische Wirtschaft netto 83.900 Stellen — ein Einbruch, der so zuletzt vor fast 17 Jahren zu beobachten war. Die Arbeitslosenquote stieg auf 6,7 Prozent. Verantwortlich sind vor allem die US-Zölle auf Stahl, Autos, Holz und Kupfer, die Investitionen ausbremsen und Entlassungen antreiben. Die Vollzeitstellen brachen um 108.400 ein, der Privatsektor verlor 72.600 Jobs.

Der kanadische Dollar gab daraufhin nach. Gleichzeitig stiegen die Stundenlöhne um 4,2 Prozent — der höchste Wert seit Oktober 2024 — was die Bank of Canada in ein ähnliches Dilemma wie die Fed treibt: Konjunkturschwäche trifft auf hartnäckigen Lohndruck.

Kreditqualität und Einzelwerte im Fokus

An der Wall Street kommen zu den makroökonomischen Sorgen noch wachsende Bedenken über die Kreditqualität hinzu. Morgan Stanley stoppte Rückzahlungen aus einem seiner privaten Kreditfonds, nachdem BlackRock und Blue Owl bereits ähnliche Schritte unternommen hatten. JPMorgan Chase schränkte die Kreditvergabe an Akteure im privaten Kreditmarkt ein, Blackstone meldete einen Anstieg bei Rückgabeforderungen. Der S&P-500-Finanzsektor verlor auf Wochensicht 3,3 Prozent.

Auf Einzeltitelebene sorgte Adobe für Aufsehen: CEO Shantanu Narayen verlässt das Unternehmen, sobald ein Nachfolger gefunden ist. Die Aktie fiel um mehr als fünf Prozent — Anleger fragen sich, wie der Softwarekonzern die KI-Disruption ohne seinen langjährigen Kapitän navigieren will. Meta rutschte ebenfalls ab, nachdem bekannt wurde, dass das KI-Modell „Avocado“ auf mindestens Mai verschoben wurde.

Die eigentliche Frage bleibt: Wie lange hält der Ölpreisschock an? Davon hängt ab, ob die globale Konjunktur in eine Stagflation abgleitet — oder ob sich die Situation schneller entspannt als erwartet.

Über Felix Baarz 2192 Artikel
Mit über fünfzehn Jahren Erfahrung als Wirtschaftsjournalist hat sich Felix Baarz als Experte für internationale Finanzmärkte etabliert. Seine Leidenschaft gilt den Mechanismen globaler Finanzmärkte und komplexen wirtschaftspolitischen Zusammenhängen, die er für seine Leserschaft verständlich aufbereitet.In Köln geboren und aufgewachsen, entdeckte er früh sein Interesse für Wirtschaftsthemen und internationale Entwicklungen. Nach seinem Studium startete er als Wirtschaftsredakteur bei einer renommierten deutschen Fachpublikation, bevor ihn sein Weg ins Ausland führte.Ein prägendes Kapitel seiner Karriere waren die sechs Jahre in New York, wo er direkten Einblick in die globale Finanzwelt erhielt. Die Berichterstattung von der Wall Street und über weltweite wirtschaftspolitische Entscheidungen schärfte seinen Blick für globale Zusammenhänge.Heute ist Felix Baarz als freier Journalist für führende Wirtschafts- und Finanzmedien im deutschsprachigen Raum tätig. Seine Arbeit zeichnet sich durch fundierte Recherchen und präzise Analysen aus. Er möchte nicht nur Fakten präsentieren, sondern auch deren Bedeutung erklären und seinen Lesern Orientierung bieten – sei es zu wirtschaftlichen Trends, politischen Entscheidungen oder langfristigen Veränderungen in der Finanzwelt.Zusätzlich moderiert er Diskussionen und nimmt an Expertenrunden teil, um sein Wissen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Dabei liegt sein Fokus darauf, komplexe Themen informativ und inspirierend zu vermitteln. Felix Baarz versteht seine journalistische Aufgabe darin, in einer sich schnell wandelnden Welt einen klaren Blick auf wirtschaftliche Zusammenhänge zu ermöglichen und seine Leser bei fundierten Entscheidungen zu unterstützen – beruflich wie privat.