Der Nahe Osten brennt – und die Schockwellen reichen bis in amerikanische Supermärkte, Fabrikhallen und Notenbanksitzungen. Seit dem Ausbruch des US-israelischen Krieges gegen Iran Ende Februar sind die globalen Ölpreise um mehr als 50 Prozent gestiegen. Brent-Rohöl kletterte zwischenzeitlich auf über 119 Dollar pro Barrel. Der Iran-Krieg ist zum bestimmenden Faktor für die Weltwirtschaft geworden.
Wenn Benzinpreise den Konsum auffressen
Der amerikanische Verbraucher zeigt sich vorerst noch widerstandsfähig. Die US-Einzelhandelsumsätze stiegen im Februar um 0,6 Prozent – das stärkste Plus seit sieben Monaten. Autoverkäufe legten um 1,2 Prozent zu, Bekleidungsgeschäfte verbuchten ein Plus von 2,0 Prozent. Steuererstattungen haben dabei geholfen: Der durchschnittliche Rückerstattungsbetrag lag bis Mitte März rund 350 Dollar höher als im Vorjahreszeitraum. „Steuererstattungen retten buchstäblich die Wirtschaft im ersten Quartal“, sagte Christopher Rupkey, Chefvolkswirt bei FWDBONDS.
Doch diese Verschnaufpause dürfte nicht lange anhalten. Der nationale Benzin-Durchschnittspreis überstieg diese Woche erstmals seit mehr als drei Jahren die Marke von vier Dollar pro Gallone – und stieg am Mittwoch weiter auf 4,06 Dollar. Die höheren Energiekosten fressen sich schrittweise in die Haushaltskassen. Hinzu kommen steigende Lebensmittelpreise infolge von Trumps Importzöllen.
Richmond-Fed-Präsident Tom Barkin beobachtet das Konsumverhalten genau. „Die Benzinausgaben sind deutlich gestiegen, aber der Rest der Konsumausgaben sieht noch recht gesund aus“, sagte er. Solange Verbraucher den Ölpreisschock als kurzfristiges Phänomen betrachteten, hielten sie ihre Ausgaben aufrecht. Ändert sich diese Wahrnehmung, könnte der Rückzug schnell einsetzen.
Lieferketten unter Druck
Im verarbeitenden Gewerbe heizt der Konflikt die Kosten weiter an. Der ISM-Einkaufsmanagerindex für das produzierende Gewerbe stieg im März auf 52,7 Punkte – den höchsten Stand seit August 2022. Auf den ersten Blick ein positives Signal. Tatsächlich aber spiegelt ein Teil des Anstiegs längere Lieferzeiten wider, die normalerweise auf eine starke Nachfrage hindeuten. In diesem Fall jedoch zeigen sie gestörte Lieferketten: Die Sperrung der Straße von Hormus hat Schifffahrtsrouten blockiert und trifft neben Energielieferungen auch Düngemittel- und Aluminiumexporte.
Der Preisindex, den Hersteller für Vorprodukte zahlen, schoss auf 78,3 Punkte – den höchsten Wert seit Juni 2022. Diese Fabrikpreise werden sich in den kommenden Monaten auf die Verbraucherpreise übertragen. Die Cleveland Fed prognostiziert, dass die Jahresinflationsrate im April auf 3,71 Prozent steigen könnte, nach 3,25 Prozent im März. Gleichzeitig sank der Auftragseingangsindex von 55,8 auf 53,5 Punkte – ein Hinweis, dass die Nachfrage bereits zu bröckeln beginnt. 64 Prozent der Unternehmenskommentare im ISM-Survey fielen negativ aus, rund 40 Prozent verwiesen auf den Krieg im Nahen Osten als Belastungsfaktor.
Die Fed zwischen Inflation und Wachstum
Die US-Notenbank befindet sich in einer klassischen Zwickmühle. St.-Louis-Fed-Präsident Alberto Musalem brachte es auf den Punkt: Sowohl die Risiken für den Arbeitsmarkt als auch für die Inflation „neigen sich in ungünstige Richtungen“. Der Leitzins bleibt vorerst in der Spanne von 3,50 bis 3,75 Prozent.
Musalem warnte, dass selbst eine schnelle Kriegsbeendigung nicht ausreiche, um die wirtschaftlichen Schäden sofort zu beheben. „Auch wenn der Krieg enden sollte, wird es Zeit brauchen, beschädigte Kapazitäten wieder hochzufahren.“ Barkin seinerseits sieht keinen unmittelbaren Anlass für Zinserhöhungen, solange die Inflationserwartungen der Bevölkerung stabil bleiben. „Der Fall für eine Erhöhung würde sich um steigende Inflationserwartungen drehen. Ich habe nicht das Gefühl, dass sie bisher ausgebrochen sind.“
Das Bild, das sich ergibt, ist ein verlängerter Stillstand: Zinserhöhungen gelten als unwahrscheinlich, aber auch Zinssenkungen rücken in weite Ferne. Marktteilnehmer preisen Zinssenkungen erst weit in 2027 ein.
Hoffnung auf Deeskalation – und ihre Grenzen
Am Mittwoch sorgten Signale aus Washington für Erleichterung. Präsident Trump und Außenminister Marco Rubio deuteten an, der Krieg könnte sich dem Ende nähern. Die Reaktion an den Märkten war prompt: Europas STOXX 600 legte 2,2 Prozent zu, Japans Nikkei stieg um rund 5 Prozent, Südkoreas Kospi schoss um bis zu 9 Prozent nach oben. Ölpreise gaben rund 3 Prozent nach.
Dennoch mahnen Analysten zur Vorsicht. „Ein plötzliches Kriegsende, das den Status der Straße von Hormus ungeklärt lässt, könnte die Energiepreise dennoch längere Zeit erhöht halten“, warnte UBS Global Wealth Management. Großbritannien will diese Woche eine Geberkonferenz mit 35 Ländern abhalten, um diplomatische Wege zur Wiedereröffnung der Meerenge zu erkunden – Außenministerin Yvette Cooper wird die Gespräche leiten. Premierminister Keir Starmer räumte jedoch ein, dass eine schnelle Lösung nicht zu erwarten sei.
Anpassung als Überlebensstrategie
Während Notenbanker und Politiker die großen Stellschrauben drehen, passen sich Unternehmen im Kleinen an. Bain-Capital-Managing-Partner David Gross warnt, dass viele Firmen dabei einen grundlegenden Fehler machen: Sie beginnen mit der Technologie statt mit dem Geschäftsziel. Künstliche Intelligenz biete enormes Produktivitätspotenzial – aber nur, wenn sie strategisch eingesetzt werde.
Auf ganz anderem Wege zeigt ein New Yorker Weinhändler, wie Kreativität Zölle überlistet: Chris Leon durchsucht amerikanische Privatkeller nach europäischen Weinen, die bereits im Land lagern, und verkauft sie über Online-Auktionen weiter. 90 Prozent seines Umsatzes stammen aus Importweinen, die seit Trumps Zolloffensive teurer geworden sind.
Das Bild, das sich zum 1. April 2026 ergibt, ist komplex: Die unmittelbaren Schocks des Iran-Kriegs treffen auf eine Wirtschaft, die sich noch widerstandsfähiger zeigt als befürchtet – aber deren Puffer schnell schwinden. Ob Trumps angekündigte Rede am Mittwochabend tatsächlich eine Wende einleitet, bleibt die entscheidende Frage der kommenden Tage.


