Iran-Sanktionen treffen Wirtschaft ins Mark

Irans Außenhandel schrumpfte um fast 35 Prozent, während Washington in Venezuela Zugriff auf mehr als 65 Milliarden Barrel Öl anstrebt.

KI-generiertes Symbolbild
Symbolbild, KI-generiert
Kurz & knapp:
  • Irans Außenhandel sank um fast 35 Prozent
  • Inflation erreichte 66 Prozent
  • Banque Misr geriet ins Visier Washingtons
  • Venezuela-Deal umfasst mehr als 65 Milliarden Barrel

Sechs Monate Krieg, ein Land am wirtschaftlichen Abgrund: Irans Führung räumt inzwischen offen ein, was lange kaschiert wurde. Der Außenhandel ist um fast 35 Prozent eingebrochen, die Inflation liegt bei 66 Prozent. Während Teheran mit militärischer Vergeltung droht und die Kontrolle über die Straße von Hormus reklamiert, dreht Washington gleichzeitig an einem ganz anderen Hebel der Energiegeopolitik – einem gigantischen Öldeal mit Venezuela.

Teherans Wirtschaft ächzt unter dem Druck

Die Zahlen, die Präsident Masoud Pezeshkian den Staatsmedien präsentierte, sprechen eine deutliche Sprache. Irans Importe und Exporte sind wegen amerikanischer Sanktionen und einer Seeblockade der iranischen Häfen um fast 35 Prozent geschrumpft. Immerhin: Während eines kurzen Zeitfensters im Juni, als Washington und Teheran ein befristetes Memorandum unterzeichneten, gelang es Iran, rund 90 Millionen Barrel Öl zu verkaufen.

Selbst der oberste Führer, Ayatollah Mojtaba Khamenei, kommt an der Realität nicht mehr vorbei. In einer schriftlichen Erklärung – er selbst ist seit dem Angriff vom 28. Februar, bei dem sein Vater Ali Khamenei getötet wurde, nicht mehr öffentlich aufgetreten – forderte er die Regierung auf, sich „ernsthaft“ mit Inflation, Arbeitslosigkeit sowie Preis- und Marktproblemen auseinanderzusetzen. Ein bemerkenswertes Eingeständnis aus dem Zentrum der Macht, das sonst eher auf Widerstandsrhetorik setzt.

Die Trump-Administration nennt ihre Strategie unverblümt „ökonomisches D-Day“ und hat die Daumenschrauben in den vergangenen Wochen spürbar angezogen. Länder wurden gewarnt, ihre Geschäftsbeziehungen zu Iran zu kappen, sonst drohten Sekundärsanktionen. Bei den wirklich großen Handelspartnern wie China und Indien hielt sich das US-Finanzministerium bislang zurück – ein Hinweis darauf, wie heikel die Balance zwischen maximalem Druck und globalen wirtschaftlichen Kollateralschäden bleibt.

Ägyptische Bank gerät zwischen die Fronten

Konkret traf es zuletzt die ägyptische Banque Misr. Washington verhängte Sanktionen gegen das Institut wegen seiner Geschäfte mit Teheran und schlug eine Regel vor, die den Dollar-Zahlungsverkehr der Bank über ihre Filialen in den Vereinigten Arabischen Emiraten kappen würde. Ägyptens Zentralbank erklärte, man stehe mit US-Behörden in Kontakt – die Maßnahme betreffe ausschließlich Dollar-Transaktionen der VAE-Filiale mit Korrespondenzbanken. Zusätzlich nahm das Finanzministerium eine in Hongkong ansässige Firma sowie eine Einzelperson mit Verbindungen zur iranischen Bank Melli ins Visier.

Auch diplomatisch bleibt die Lage in Bewegung, wenn auch zäh. Katars Premierminister Sheikh Mohammed bin Abdulrahman Al Thani reiste nach Teheran und drängte auf eine Rückkehr zum offenen Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus. Irans Außenminister Abbas Araqchi bezeichnete die Gespräche als „kreativ“ – ein diplomatisch vages Wort, das eher Zeitgewinn als Durchbruch signalisiert. Katar und Pakistan hatten bereits im Juni jene Waffenruhe vermittelt, die kurz darauf am Streit über die Meerenge zerbrach.

Die Fronten dort bleiben verhärtet. US-Militärs erklären, amerikanische Streitkräfte hätten von Irans Revolutionsgarden verlegte Seeminen aus der Straße geräumt, und Trump behauptet wiederholt, die Route sei offen. Die Revolutionsgarden weisen das als „offensichtliche Lüge“ zurück und bestehen darauf, dass Schiffe ohne iranische Erlaubnis nicht passieren dürften. Vorläufige Schifffahrtsdaten stützen eher die iranische Version: Nur sieben Frachtschiffe durchquerten die Straße am Donnerstag, nach 17 am Vortag und deutlich unter dem Zehn-Tage-Schnitt von 15.

Venezuela als zweite Front der US-Energiepolitik

Während Iran wirtschaftlich ausgehungert werden soll, verfolgt Washington beim öl- und gasreichen Venezuela einen völlig anderen Ansatz. Trump verkündete am Freitag eine Vereinbarung, die den USA die Mehrheitskontrolle über mehr als 65 Milliarden Barrel venezolanischer Ölreserven sichern soll – nach eigenen Worten „der größte Öldeal der Geschichte“. Außenminister Marco Rubio und Kriegsminister Pete Hegseth hätten gemeinsam mit der venezolanischen Übergangspräsidentin Delcy Rodriguez und privaten Unternehmen verhandelt.

Details zur Struktur des Deals blieb Trump schuldig. Bloomberg hatte zuvor über Gespräche berichtet, die eine Beteiligung des US-Verteidigungsministeriums gemeinsam mit dem Energieinvestor Alejandro Betancourt vorsahen – bis zu 17 Ölfelder in Venezuelas wichtigsten Förderregionen sollen im Raum gestanden haben. Trump verspricht sich davon eine Verdopplung der amerikanischen Ölreserven und sinkende Spritpreise, rechtzeitig vor den Zwischenwahlen im November.

Beide Episoden zeigen dieselbe Handschrift: Öl und Energie als geopolitisches Druckmittel, ob durch Entzug im Fall Irans oder durch Zugriff im Fall Venezuelas. Der zeitliche Zusammenfall ist kein Zufall. Lieferausfälle durch den Iran-Krieg verschärfen den globalen Wettbewerb um alternative Ölquellen, und genau in diese Lücke stößt der Deal mit Caracas.

Ausblick: Zwei Wetten auf den Ölmarkt

Für Iran bedeutet die Kombination aus Sanktionsdruck, Seeblockade und militärischer Pattsituation, dass eine schnelle wirtschaftliche Erholung unwahrscheinlich bleibt, solange keine tragfähige diplomatische Lösung für die Straße von Hormus gefunden wird. Die „kreativen“ Gespräche mit Katar liefern dafür bislang keinen Durchbruch.

Für Washington wiederum ist der Venezuela-Deal eine Wette darauf, dass sich geopolitischer Zugriff auf Ölreserven in niedrigere Preise an der Zapfsäule übersetzen lässt – ein Versprechen, das sich erst noch bewähren muss. Beide Fronten laufen auf dieselbe Frage hinaus: Wie weit lässt sich globale Energiepolitik als Instrument der Machtprojektion nutzen, ohne dass die Rechnung am Ende bei den eigenen Bürgern landet?

Über Felix Baarz 8131 Artikel
Felix Baarz arbeitet seit 2016 als Wirtschaftsjournalist und gehört zur Redaktion der YES Investmedia GmbH.Unter seinem Namen erscheinen auf Trading-Treff seit März 2025 Beiträge zu Aktien, Trading und Indizes sowie zu wirtschaftlichen Rahmenthemen. Schwerpunkte sind Rohstoffwerte sowie KI- und Technologiewerte.Quellen dieses Ressorts: Unternehmensmitteilungen und Pflichtveröffentlichungen, Geschäftsberichte und Quartalszahlen, Kurs- und Handelsdaten der Börsenplätze sowie Meldungen der Nachrichtenagenturen. Bei Index- und Trading-Themen zusätzlich die Zusammensetzung und Anpassungen der Indexanbieter sowie Terminmarktdaten; bei Technologie- und KI-Werten Produktankündigungen und Geschäftszahlen der Unternehmen.Einordnung: Analystenurteile und Kursziele erscheinen als Aussage der jeweiligen Häuser, nicht als Bewertung der Redaktion. Kurs- und Unternehmensangaben geben den Stand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder.