Der Nahe Osten brennt — und die Finanzmärkte spüren es bis in jeden Winkel der Weltwirtschaft. Einen Monat nach Ausbruch des Iran-Konflikts hat sich das globale Marktbild fundamental gewandelt: Öl über 100 Dollar, Aktien unter Druck, Zentralbanken in der Zwickmühle. Was als regionaler Konflikt begann, ist längst eine globale Wirtschaftskrise.
Der Ölschock und seine Kettenreaktion
Brent-Rohöl kletterte am Montag auf über 108 Dollar je Barrel — ein Anstieg von rund 59 Prozent allein im März, der steilste monatliche Sprung seit dem Golfkrieg 1990. Der Grund: Die effektive Schließung der Straße von Hormus, durch die etwa ein Fünftel der weltweiten Öl- und Gasflüsse läuft. Hinzu kommen Berichte, wonach Houthi-Rebellen im Jemen erstmals die Bab-al-Mandab-Straße ins Visier nehmen könnten — ein weiterer kritischer Schifffahrtsengpass. Sollte auch dieser gesperrt werden, wäre die globale Schifffahrtskrise nach Einschätzung von Analysten des Researchhauses Vital Knowledge „dramatisch verschärft“.
Morgan Stanley hat daraus bereits Konsequenzen gezogen. Die US-Investmentbank stufte globale Aktien auf „Equal Weight“ herab und warnte: Sollte Öl dauerhaft bei 150 bis 180 Dollar je Barrel verharren, könnten die globalen Aktienbewertungen um knapp 25 Prozent einbrechen. Gleichzeitig erhöhte die Bank ihre Gewichtung von US-Staatsanleihen und Cash — klassische Flucht in sichere Häfen.
Präsident Donald Trump schickt derweil gemischte Signale. Einerseits ließ er verlauten, die Verhandlungen mit Teheran liefen „extrem gut“ und ein Deal sei möglich. Andererseits berichtete das Wall Street Journal von Plänen für eine US-Militäroperation zur Entfernung iranischen Urans, während Trump dem „Financial Times“ gegenüber andeutete, er erwäge die Einnahme der Ölexportinsel Charg. Märkte bleiben entsprechend nervös.
Währungen und Zentralbanken unter Druck
Der US-Dollar profitiert von seiner Rolle als sicherer Hafen. Der Dollar-Index notiert nahe eines Zehnmonatshochs und steuert auf den stärksten Monatszuwachs seit Juli 2025 zu. Barclays sieht die Stimmung gegenüber dem Dollar auf einem „maximal bullishen“ Niveau.
Für den japanischen Yen hingegen wird es eng. Die Währung fiel auf 160,47 Yen je Dollar — das schwächste Niveau seit Juli 2024, als Tokio zuletzt am Devisenmarkt intervenierte. Die Bank of Japan warnte in einem Papier vom Montag, dass ein schwacher Yen die Importkosten hochtreibt und die Kerninflation stärker befeuern könnte als in der Vergangenheit. Denn japanische Unternehmen sind heute deutlich proaktiver bei Preiserhöhungen als früher — ein Puffer, der früher Inflationsschocks dämpfte, wirkt kaum noch.
Der Euro hält sich besser als erwartet. Er notiert bei rund 1,15 Dollar, weil die Märkte nun aggressiv EZB-Zinserhöhungen einpreisen — ein Szenario, das vor dem Konflikt kaum denkbar erschien. Ökonomen der EZB selbst veröffentlichten derweil eine Analyse zu US-Zöllen: Ausländische Exporteure geben rund 95 Prozent der Zollkosten weiter, amerikanische Firmen und Verbraucher tragen den Löwenanteil der Last. Das verschärft den Inflationsdruck in den USA zusätzlich.
Globale Brandherde: Indien, Australien, die Eurozone
Die Auswirkungen des Energieschocks sind längst nicht auf westliche Finanzmärkte beschränkt. In Indien hat die Schließung der Straße von Hormus eine akute LPG-Krise ausgelöst. Nur eine Handvoll Flüssiggas-Tanker erreichte indische Häfen im März — genug für wenige Tage Nationalbedarf. In Neu-Delhi sind die Preise für eine Standardmahlzeit an Straßenständen binnen eines Monats um 25 Prozent gestiegen, Schwarzmarktpreise für Gasflaschen haben sich vervierfacht.
Australien reagiert mit Notfallmaßnahmen: Victoria bietet ab dem 31. März einen Monat kostenlosen öffentlichen Nahverkehr an, Tasmanien bis Juli. Hunderte Tankstellen melden Engpässe. Die Reserve Bank of Australia, die ihren Leitzins zuletzt auf 4,1 Prozent anhob, sieht sich nun mit einem synchronisierten Schock aus steigenden Energiekosten und vorbestehender Inflation konfrontiert. Märkte preisen bereits zwei weitere Zinserhöhungen bis Jahresende ein.
In der Eurozone verlangsamte sich das Wachstum im privaten Sektor im März deutlich, die Einkaufspreise stiegen so stark wie seit mehr als drei Jahren nicht. Die Blitzdaten zur Eurozone-Inflation für März, die am Dienstag veröffentlicht werden, dürften den Druck auf die EZB weiter erhöhen.
Der Blick auf Q2: Jobmarkt und geopolitische Weichenstellungen
Das erste Quartal 2026 endet mit einem historischen Paukenschlag: rund sieben Billionen Dollar Börsenverluste weltweit, Öl- und Gaspreise um 70 bzw. 85 Prozent gestiegen, Goldpreis nach einem Absturz von 20 Prozent auf der Suche nach einem neuen Gleichgewicht. Und das zweite Quartal beginnt sofort mit einem Schlüsseldatum: dem US-Arbeitsmarktbericht am 4. April.
Ökonomen erwarten einen Stellenzuwachs von rund 50.000 bis 56.000 — nach dem Einbruch von 92.000 Jobs im Februar. Die Zahlen werden zeigen, wie stark der Energieschock bereits die Realwirtschaft trifft. Für die US-Notenbank Fed sind sie richtungsweisend: Einerseits drückt der Ölpreisanstieg auf die Inflation und legt Zinserhöhungen nahe, andererseits schwächt er die Konjunktur. Dieses Dilemma dürfte die Märkte noch lange beschäftigen.
Ob Trump und Teheran tatsächlich zu einem Deal finden, bleibt die alles entscheidende Frage. Solange die Straße von Hormus gesperrt bleibt, ist das globale Wirtschaftssystem einer Dauerbelastung ausgesetzt, für die es kaum Präzedenzfälle gibt.


