Der Iran-Krieg hat die Finanzmärkte in einen Ausnahmezustand versetzt. Brent-Rohöl, vor Ausbruch des Konflikts noch bei rund 70 Dollar pro Barrel, kletterte zwischenzeitlich auf fast 119 Dollar — ein Preisschock, der Zentralbanken weltweit zum Umdenken zwingt, Nahrungsmittelversorgung bedroht und eine neue Ära geldpolitischer Straffung einläuten könnte.
Energiemärkte unter extremem Druck
Die Straße von Hormus ist der Schlüssel zu allem. Der enge Seeweg südlich des Iran, durch den rund ein Fünftel des weltweiten Ölhandels fließt, ist durch iranische Drohungen und militärische Aktionen faktisch blockiert. Reedereien finden kaum noch Versicherungen für Fahrten durch die Meerenge, Produktionsrückstände steigen — und die Rohstoffpreise klettern weiter.
Zwar handelten US-amerikanische und israelische Vertreter in den vergangenen Tagen Signale aus, dass keine weiteren Angriffe auf das South-Pars-Gasfeld geplant seien, was die Kurse zwischenzeitlich etwas beruhigte. Brent notiert derzeit bei rund 109 Dollar. Doch Analysten sind sich einig: Solange die Straße von Hormus nicht vollständig wieder passierbar ist, bleibt der Markt in Alarmbereitschaft. Selbst eine Öffnung des Fahrwassers löst das Problem nicht vollständig — die Schäden an der Energieinfrastruktur in der gesamten Region könnten die globale Wirtschaft noch auf Jahre belasten.
Besonders schwer wiegt der Angriff auf die Flüssiggas-Exportanlage in Katar, dem weltgrößten LNG-Exporteur. Schäden, die Experten zufolge Jahre dauern könnten, um sie zu beheben.
Zentralbanken zwischen Inflation und Rezessionsangst
Angesichts dieser Energiepreisexplosion sehen sich Zentralbanken weltweit mit einem klassischen Dilemma konfrontiert: steigende Inflation auf der einen, wachsende Konjunkturrisiken auf der anderen Seite.
Fast alle großen Notenbanken ließen in dieser Woche die Zinsen unverändert — Federal Reserve, Europäische Zentralbank, Bank of England, Schweizerische Nationalbank und Bank of Japan entschieden sich zum Abwarten. Die Botschaft dahinter war jedoch alles andere als Gelassenheit. Fed-Chef Jerome Powell machte deutlich, dass er den Energiepreisschock möglicherweise nicht länger als vorübergehend abtun kann. Zinssenkungen, vor dem Krieg für 2026 eingeplant, sind damit faktisch vom Tisch — Händler preisen erste Schritte frühestens für 2027 ein.
Besonders angespannt ist die Lage in Europa. EZB-Ratsmitglied Joachim Nagel, Chef der Deutschen Bundesbank, schloss eine Zinserhöhung bereits zum 30. April offen nicht aus. „Es ist vorstellbar, dass sich der mittelfristige Inflationsausblick verschlechtert“, sagte er — und zog dabei explizit Parallelen zur Inflationswelle nach dem Ukraine-Krieg 2022. Im Extremszenario, in dem Öl- und Gaslieferungen bis Ende 2026 gestört bleiben, erwartet die EZB einen Inflationspeak von 6,3 Prozent im ersten Quartal 2027. Banken wie JP Morgan, Morgan Stanley und Barclays haben ihre Prognosen bereits angepasst und rechnen nun mit Zinserhöhungen der EZB noch in diesem Jahr.
Die Reserve Bank of Australia hat bereits reagiert: Sie erhöhte ihren Leitzins zum zweiten Mal in Folge auf 4,1 Prozent.
Wer trägt die größte Last?
Die Verwundbarkeit der einzelnen Volkswirtschaften variiert stark. Japan etwa bezieht rund 95 Prozent seines Rohöls aus dem Nahen Osten, von dem fast 90 Prozent durch die Straße von Hormus transportiert werden — ein enormes strukturelles Risiko, das durch den ohnehin schwachen Yen noch verstärkt wird. Die Bank of Japan behält ihren Leitzins auf einem 30-Jahres-Hoch von 0,75 Prozent, signalisiert aber wachsende Wachsamkeit gegenüber Inflationsrisiken.
Deutschland und Italien, mit ihren energieintensiven Industriesektoren, stehen ebenfalls unter Druck. Großbritannien leidet besonders unter dem gasabhängigen Strommarkt — Gaspreise steigen dort schneller als Ölpreise. Der türkische Lira befindet sich erneut auf Talfahrt, die Zentralbank musste Devisenreserven in Höhe von 23 Milliarden Dollar mobilisieren.
Am härtesten trifft es die ohnehin fragilen Volkswirtschaften. Sri Lanka hat den Mittwoch für Staatsbedienstete zum arbeitsfreien Tag erklärt, um Energiekosten zu senken. Pakistan hat Schulen geschlossen und Treibstoffzulagen für Regierungsbehörden halbiert. Ägypten kämpft neben explodierenden Kraftstoffkosten mit einem Einbruch bei Suezkanal- und Tourismuseinnahmen sowie einem Währungsverlust von fast neun Prozent seit Kriegsbeginn.
Nahrungsmittelkrise als zweite Welle
Was viele Marktbeobachter noch mehr besorgt als der unmittelbare Energiepreisschock: die drohende Nahrungsmittelkrise. Die Straße von Hormus ist nicht nur ein Energiekorridor — durch sie fließen auch rund 30 Prozent des weltweit gehandelten Düngemittels. Die Bank of America warnt, dass der Konflikt 65 bis 70 Prozent der globalen Harnstoffversorgung bedroht. Die Preise sind bereits um 30 bis 40 Prozent gestiegen.
„Das wird die Anbausaison treffen“, sagt Maximo Torero, Chefökonom der UN-Welternährungsorganisation FAO. Stickstoffintensive Kulturen wie Mais und Weizen sind zuerst betroffen — mit Folgewirkungen auf Brot, Geflügel und Milchprodukte. In Indien, das rund 90 Prozent seines Rohöls importiert, verschwinden bereits in Restaurants Gerichte wie Samosas und Dosa von den Karten, weil Gaskosten explodieren.
Anders als bei Öl gibt es für Düngemittel keine strategischen Reserven. Länder wie Somalia, Bangladesch, Kenia und Pakistan sind besonders exponiert. „Sehr wenige Länder sind dagegen resilient“, mahnte Torero.
Ausblick: Zwischen Diplomatie und Stagflation
Die kommende Woche wird erste belastbare Daten liefern: Flash-PMI-Zahlen für März zeigen, wie tief der Konflikt bereits in die Unternehmenserwartungen eingedrungen ist. Energiekonzernchefs treffen sich beim CERAWeek in Houston — darunter die Spitzen von Saudi Aramco, Shell und Chevron. G7-Außenminister beraten in Paris.
Das Gespenst der Stagflation — gleichzeitig schwaches Wachstum und hohe Inflation — kehrt an die Märkte zurück. Ob diplomatische Bemühungen den Druck rechtzeitig mildern können oder die Welt in eine schwere wirtschaftliche Erschütterung gleitet, bleibt die entscheidende offene Frage dieser Wochen.


