Kevin Warshs erste Rede als Fed-Vorsitzender beim Jackson-Hole-Symposium am Freitag hat die Halbleiterbranche kalt erwischt. Der neue Notenbankchef bezeichnete Inflation als „vorrangigen Fokus“ und deutete eine mögliche Zinserhöhung im September an.

Die Reaktion an den Märkten fiel deutlich aus: Der PHLX Semiconductor Index brach um 2,7 Prozent ein, der iShares MSCI Global Semiconductors UCITS ETF verlor am Freitag 2,5 Prozent und schloss bei 16,51 Euro.

Besonders hart traf es Wachstumswerte mit hohen Bewertungen. Marvell Technology stürzte trotz eines Gewinns über den Erwartungen im zweiten Quartal um mehr als 9 Prozent ab, weil Anleger nach der geldpolitischen Ansage aus genau solchen Titeln umschichteten. Das zeigt: Selbst solide Unternehmenszahlen schützen derzeit nicht vor der Zinssorge, die über dem gesamten Sektor liegt.

Nachfrage nach Chips bleibt ungebrochen

Der fundamentale Rückenwind für Halbleiterhersteller ist davon unberührt. Die Analysehäuser von Omdia hoben ihre Wachstumsprognose für den globalen Halbleiterumsatz 2026 auf 94,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr an und rechnen mit einem Marktvolumen von nahezu 1,6 Billionen Dollar, getrieben von der „unermüdlichen“ KI-Nachfrage nach DRAM und NAND. Gartner sieht den Speicherbereich allein bei 837,3 Milliarden Dollar Umsatz – mehr als die Hälfte des gesamten Marktes.

Nvidia hatte bereits am Mittwoch mit Zahlen für das zweite Quartal untermauert, wie stark die KI-Nachfrage tatsächlich ist: 96,2 Milliarden Dollar Umsatz, ein Plus von 106 Prozent gegenüber dem Vorjahr, dazu eine Prognose für das dritte Quartal von 108 Milliarden Dollar – deutlich über dem Analystenkonsens von 105 Milliarden Dollar.

Auch TSMC unterstreicht die technologische Dynamik der Branche: Der Auftragsfertiger hat die Entwicklung seines 1,6-Nanometer-Verfahrens A16 abgeschlossen, die Massenproduktion soll im vierten Quartal 2026 starten.

Parallel zahlte TSMC im zweiten Quartal umgerechnet rund 1,14 Milliarden US-Dollar an Mitarbeiterboni aus, ein Plus von 50,6 Prozent – ein Zeichen für den harten Wettbewerb um Fachkräfte im KI-Boom.

Geopolitik als weiteres Risiko

Zu den geldpolitischen Sorgen gesellt sich politischer Druck aus den USA. Berichten zufolge drängt die US-Regierung die Niederlande, unter dem geplanten „Multilateral Alignment of Technology Controls on Hardware“-Abkommen ein nahezu vollständiges Verbot für Verkauf und Wartung von ASMLs DUV-Lithografiesystemen in China durchzusetzen.

Das Unternehmen selbst zeigte sich zuletzt jedoch von seiner robusten Seite: Zwischen dem 17. und 21. August kaufte ASML täglich eigene Aktien im Volumen von rund 390 Millionen Euro zurück, im Rahmen des laufenden 12-Milliarden-Euro-Rückkaufprogramms.

Charttechnik spiegelt die Nervosität

Die Kursbewegung der vergangenen Tage zeigt die Zerrissenheit zwischen fundamentaler Stärke und geldpolitischer Unsicherheit deutlich. Der ETF notiert zwar auf Wochensicht mit 1,7 Prozent im Minus, hat sich aber über 30 Tage um 9,8 Prozent verteuert und liegt seit Jahresbeginn weiterhin 73 Prozent im Plus.

Zum 52-Wochen-Hoch von 21,52 Euro, erreicht im Juni, fehlen dem Fonds derzeit 23 Prozent. Ein automatisierter Screener-Dienst stufte den ETF nach der Freitagssitzung technisch von „Hold“ auf „Sell Candidate“ herab – ein Hinweis auf die kurzfristig angespannte Stimmung, mehr aber auch nicht angesichts der weiterhin starken langfristigen Nachfragedaten aus der Branche.