Die grüne Wasserstoff-Branche hat jahrelang von morgen geträumt, ohne dass dieses Morgen je ankam. Bei ITM Power ist der Übergang vom Laborprototyp zur industriellen Fertigung nun tatsächlich da. Der Markt quittiert das mit einer gehörigen Portion Nüchternheit.
Am Freitag schloss die Aktie bei 1,20 Euro, nach einem Rückgang von 19,67 Prozent in den vergangenen 30 Tagen. Das ist keine Randnotiz, sondern der Ausdruck einer Branchenweiten Neubewertung: Wie schnell lässt sich die grüne Wasserstoffwirtschaft wirklich hochskalieren?
Der britische Staat steigt ein
Die prägende Geschichte dieses Sommers ist ITM Powers Verhältnis zum britischen Staat. Aus einem Empfänger von Forschungsgeldern ist eine strategische Säule der britischen Energiesicherheit geworden. Das Department for Energy Security and Net Zero bewilligte 46,5 Millionen Pfund für die Elektrolyseur-Fertigungslinie „Chronos“ in Sheffield.
Hinzu kommt eine Kapitalbeteiligung von Great British Energy, die inzwischen einen zweistelligen Anteil an ITM Power hält. Diese Kombination aus Fördergeld und Staatsbeteiligung kommt einer teilweisen Verstaatlichung des industriellen Erfolgs nahe. Andere europäische Wasserstoffhersteller klagen derzeit über „erstickende“ Regulierung und gescheiterte Förderpolitik. ITM Power baut währenddessen.
Das Ziel: eine automatisierte Produktionskapazität von 1 Gigawatt für die nächste Stack-Generation. Sheffield soll damit zu einem globalen Hub für Wasserstofftechnologie werden – so wie die Stadt einst für Stahl stand.
Ausführung gegen Erwartung
Trotz des industriellen Fortschritts bleibt die Aktie ein Fall für schwache Nerven. Ende Mai erreichte ITM Power ein Zwölfmonatshoch von 2,58 Euro, getrieben von der Euphorie um die Staatsbeteiligung. Seither hat das Papier mehr als die Hälfte dieses Wertes wieder abgegeben.
Dieser Kater nach dem Höhenflug muss kein Zeichen fundamentalen Scheiterns sein. Er wirkt eher wie eine Korrektur überzogener Erwartungen. Der Kurs notiert derzeit klar über dem 200-Tage-Durchschnitt von 1,10 Euro – ein Hinweis darauf, dass der langfristige Aufwärtstrend trotz allem intakt bleibt. Seit Jahresbeginn steht immer noch ein Plus von 66 Prozent zu Buche.
Reicht diese charttechnische Stabilität aus, um das Vertrauen der Anleger zurückzugewinnen, wenn die Volatilität der Aktie weiterhin so extrem bleibt? Diese Frage lässt sich nicht allein mit Kurszahlen beantworten. Sie hängt davon ab, ob ITM Power in den kommenden Monaten liefert, was der Markt inzwischen einfordert: echte Fabrikproduktion statt Ankündigungen.
Aufträge jenseits der Staatshilfe
Bemerkenswert ist, dass ITM Power auch außerhalb staatlich geförderter Projekte Geschäfte gewinnt. Die Partnerschaft mit Protium für das 15-Megawatt-Projekt Cromarty in Schottland zeigt das. Genauso die Auswahl durch Stablegrid für eine gewaltige Kapazität von 710 Megawatt in Deutschland.
Das sind keine Absichtserklärungen mehr. Das sind Projekte mit festen Zeitplänen und reservierten Kapazitäten. ITM Power positioniert sich damit als bevorzugter Hardware-Lieferant einer Branche, die gerade von der Planungs- in die Bauphase wechselt.
Genau diese Bauphase ist tückisch. Eine Gigawatt-Fabrik hochzuziehen und tausende Hochdruck-Elektrolyseur-Stacks auszuliefern, verlangt eine operative Disziplin, die sich fundamental von den forschungslastigen Jahren zuvor unterscheidet. Die Frage für Investoren lautet längst nicht mehr, ob grüner Wasserstoff funktioniert. Sie lautet, ob ITM Power in der Lage ist, ihn in einem Umfang und zu Kosten zu produzieren, die eine Marktkapitalisierung von 810 Millionen Euro rechtfertigen.
Im August stehen die nächsten Unternehmenszahlen an. Der Markt wird dann genau hinschauen, ob die Chronos-Fertigungslinie tatsächlich von der Planungsphase in die Werkshalle übergeht – oder ob das Versprechen von Sheffield als Wasserstoff-Hub noch etwas warten muss.
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