Ein Plus von über 10 Prozent an einem einzigen Tag klingt nach Aufbruchstimmung. Bei ITM Power lohnt sich ein zweiter Blick.

Die Aktie des britischen Elektrolyseur-Herstellers kletterte heute auf 1,54 Euro — nach einem Monat, in dem sie fast 30 Prozent verloren hatte. Seit Jahresbeginn steht dennoch ein Gewinn von gut 111 Prozent zu Buche. Das klingt beeindruckend, bis man sieht, dass das 52-Wochen-Hoch bei 2,58 Euro liegt. Vom Maihoch ist der Kurs noch weit entfernt.

Diese Zahlen erzählen keine klare Geschichte. Sie erzählen eine zerrissene.

Das große Versprechen — und die harte Landung

Die Jahre 2021 bis 2024 waren für die Wasserstoffbranche eine Phase kollektiver Euphorie. Regierungen setzten aggressive Ausbauziele. Investoren strömten in den Sektor. ITM Power gehörte zu den Profiteuren dieser Stimmung.

2025 und 2026 haben das Bild gedreht. Mehr als 50 Wasserstoffprojekte wurden allein 2025 öffentlich abgesagt. Viele weitere verschwanden still von den Projektlisten — meistens, weil industrielle Abnehmer keine langfristigen Kaufverträge unterschreiben wollten. Ohne bankable Abnahmevereinbarungen keine Finanzierung. Ohne Finanzierung kein Bau.

Das ist das strukturelle Problem, das hinter der Volatilität von ITM Power steckt. Eine annualisierte 30-Tage-Volatilität von über 105 Prozent spricht eine deutliche Sprache: Der Markt weiß nicht, was er mit diesem Unternehmen anfangen soll.

Neue Partner, neue Märkte

ITM Power sitzt technologisch an der richtigen Stelle. Proton-Exchange-Membrane-Elektrolyseure — kurz PEM — gelten als Schlüsseltechnologie für die grüne Wasserstoffproduktion. Sie spalten Wasser per Ökostrom in Wasserstoff und Sauerstoff. Genau das braucht die Schwerindustrie, die Schifffahrt, der Fernverkehr — überall dort, wo direkte Elektrifizierung nicht funktioniert.

Das Unternehmen hat zuletzt zwei Kooperationen bekannt gegeben, die unterschiedliche Richtungen weisen. Mit Protium Green Solutions arbeitet ITM Power an industriellen Wasserstoffanlagen in Großbritannien. Das erste konkrete Projekt: der Cromarty Hydrogen Project in Schottland, mit 15 MW Elektrolyseurkapazität und staatlicher Förderung. Zielgruppe sind schwere Industriekunden.

Die zweite Partnerschaft überrascht mehr. Gemeinsam mit Rüstungskonzern Rheinmetall entwickelt ITM Power das Giga-PtX-Projekt — Wasserstoff für die Streitkräfte. Energiesicherheit als Verteidigungsthema. Das öffnet einen Markt, den kaum jemand auf dem Radar hatte. Das Potenzial: Tausende dezentraler Anlagen.

Kein Wunder, dass Anleger nervös reagieren — positiv wie negativ. Wenn ein Unternehmen gleichzeitig Industrieparks und Militärbasen beliefern könnte, ist die Bewertungsspanne enorm.

Profitabilität bleibt die offene Flanke

Was fehlt, ist der Beweis, dass das alles auch Geld einbringt. ITM Power schreibt noch rote Zahlen. Die Kooperationen sind vielversprechend, aber Kooperationen sind keine Umsätze. Das Cromarty-Projekt liefert erste konkrete Volumina — 15 MW ist kein Pilotprojekt mehr, aber auch noch kein Skalierungsbeweis.

Reicht die Rheinmetall-Partnerschaft aus, um den Weg zur Profitabilität zu verkürzen — oder bleibt das Giga-PtX-Projekt ein langfristiges Versprechen ohne kurzfristige Wirkung auf die Bilanz?

Die Antwort darauf wird sich nicht heute entscheiden. Der 50-Tage-Durchschnitt liegt bei 1,75 Euro — gut 12 Prozent über dem aktuellen Kurs. Der Markt hat also noch nicht entschieden, ob der heutige Rebound Substanz hat oder nur technische Gegenbewegung war.

Was ITM Power jetzt braucht, ist keine neue Partnerschaft. Es ist ein erster Beweis, dass die bestehenden Projekte tatsächlich zu Aufträgen werden — und dass die Branche ihre Absagenwelle hinter sich gelassen hat.