Millionen an Fördergeldern fließen, die Auftragsbücher füllen sich – und trotzdem rutscht der Kurs weiter ab. Bei ITM Power klafft eine auffällige Lücke zwischen operativen Erfolgen und der Bewertung an der Börse. Die Aktie des britischen Elektrolyseur-Herstellers notiert bei 1,34 Euro, fast die Hälfte unter dem Jahreshoch.
Analysten liegen weit auseinander
Selten fallen die Einschätzungen zu einer Aktie so unterschiedlich aus. Berenberg sieht den fairen Wert bei 200 Pence, während Goldman Sachs zum Verkauf rät. Der Analystenkonsens liegt bei nur 131 Pence – mittendrin, aber näher am skeptischen Lager.
Berenberg begründet seine Kaufempfehlung mit der Partnerschaft zwischen ITM Power und Rheinmetall. Das gemeinsame Giga-PtX-Projekt bezeichnet die Bank als „bedeutende Wachstumschance“, weil das Unternehmen damit neue Märkte erschließt.
Auch das Analysehaus Simply Wall St hat seine Bewertung angehoben. Der faire Wert wanderte von 1,19 auf 1,31 britische Pfund nach oben. Weitere Kursziele bewegen sich zwischen 1,10 und 2,00 Pfund – ein Spektrum, das die Unsicherheit über die künftige Entwicklung des Unternehmens deutlich zeigt.
Staatsgeld fließt, der Kurs bleibt unbeeindruckt
Fundamental hat sich die Lage zuletzt sogar verbessert. Am 9. Juli erhielt ITM Power 46,5 Millionen Pfund vom britischen Energieministerium. Im April kamen bereits 40 Millionen Pfund von Great British Energy hinzu.
Beide Summen fließen in die automatisierte Produktionslinie Chronos am Standort Sheffield. Sie soll künftig ein Gigawatt Elektrolyseur-Stacks pro Jahr liefern.
Auch die Auftragslage hat sich verbreitert. Mit Protium entsteht das Cromarty-Wasserstoffprojekt in den schottischen Highlands, eine erste Elektrolyseur-Anlage mit 15 Megawatt. Die finale Investitionsentscheidung dafür fällt im Dezember 2026. Parallel arbeitet ITM Power mit der deutschen Stablegrid Group an zwei Energieinfrastruktur-Projekten mit zusammen 710 Megawatt Elektrolyseur-Kapazität. Eine erste Investitionsentscheidung dazu wird noch in diesem Jahr erwartet.
Trotz dieser Fortschritte und einem Rekordumsatz zeigt der Kurzfrist-Trend klar nach unten. Binnen sieben Tagen verlor die Aktie 3,04 Prozent, auf Monatssicht 5,96 Prozent. Damit liegt sie rund 20 Prozent unter ihrem 50-Tage-Durchschnitt von 1,69 Euro und knapp 48 Prozent unter dem Jahreshoch von 2,58 Euro vom 29. Mai.
Auf Jahressicht bleibt trotzdem ein deutliches Plus von 84,7 Prozent. Zwölf Monate zurückgerechnet steht sogar ein Gewinn von 54,8 Prozent zu Buche. Der aktuelle Rückgang wirkt damit weniger wie eine Trendwende als wie eine Verschnaufpause nach einer steilen Rally.
Eine Wette mit offenem Ausgang
Die Kursschwankungen spiegeln echte Unsicherheit über das Timing wider, nicht einen Bruch im Investment-Case. Der Markt preist derzeit ein binäres Szenario ein. Läuft die Chronos-Produktion erfolgreich an und fällt im Dezember 2026 eine klare Investitionsentscheidung für Cromarty, spricht das für die optimistische Lesart.
Kommt es dagegen zu Kostenüberschreitungen in Sheffield oder verschieben sich die Entscheidungen bei Cromarty und Stablegrid, dürfte sich der Weg zur nachhaltigen Profitabilität weiter verlängern. Die annualisierte 30-Tage-Volatilität liegt bei über 105 Prozent, der RSI bei 42 – beides Werte, die Bewegungen in beide Richtungen zulassen, ohne eine Erschöpfung des Trends anzuzeigen.
Der nächste konkrete Termin ist gesetzt: die finale Investitionsentscheidung zu Cromarty im Dezember 2026. Sie dürfte zeigen, ob sich die Einschätzung von Berenberg oder die von Goldman Sachs als treffender erweist.
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