Die britische Regierung überweist ITM Power 46,5 Millionen Pfund für die nächste Produktionslinie. Der Kurs des Elektrolyseur-Herstellers fällt trotzdem weiter. Das zeigt: Geld allein reicht der Börse gerade nicht.
Die Aktie schloss am Donnerstag bei 1,23 Euro, ein Minus von 9,08 Prozent binnen sieben Tagen und 14,98 Prozent im Monatsvergleich. Zum 52-Wochen-Tief von 0,6480 Euro liegt noch immer ein Puffer von über 90 Prozent. Der eigentliche Streitpunkt hat sich verschoben: Nicht mehr ob Fördergeld fließt, sondern ob ITM Power aus dem Zuschuss rechtzeitig eine skalierte Fabrik macht.
Die entscheidende Frage
Zwei Dinge bestimmen den nächsten großen Kursausschlag. Erstens: Läuft der Aufbau der neuen Chronos-Linie in Sheffield ohne größere Verzögerung. Zweitens: Fällt mindestens eine der beiden ausstehenden finalen Investitionsentscheidungen – Cromarty und Stablegrid – wie geplant. Beide Projekte stecken aktuell noch in der Warteschleife, nicht im gesicherten Auftragsbuch.
Das bullische Szenario
Die Finanzierung für den nächsten Produktionsschritt steht inzwischen. Neben dem staatlichen Zuschuss von 46,5 Millionen Pfund investiert Great British Energy weitere 40 Millionen Pfund als Eigenkapital. Beides zusammen soll die Chronos-Elektrolyseur-Fertigung ermöglichen, die laut Unternehmen Effizienz steigert und Kosten senkt.
Die neue Linie entsteht am bestehenden Sheffield-Standort und nutzt Produktionsprozesse, die ITM bereits mit der Trident-Linie entwickelt hat. Das Management wertet das als Risikominderung. Ist die Anlage in Betrieb, soll sie durch Automatisierung und Reinraumfertigung bis zu 1 Gigawatt Jahreskapazität liefern.
Auch die Zahlen entwickeln sich in die richtige Richtung. Im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres 2026 meldete ITM einen Rekordumsatz von 18 Millionen Pfund, getrieben von Anlagenverkäufen. Der Bruttoverlust schrumpfte im Jahresvergleich von 10,2 auf 6,5 Millionen Pfund.
Auf der Projektseite kommt Rückenwind von zwei Partnerschaften. Mit Protium plant ITM in den schottischen Highlands eine erste 15-Megawatt-Elektrolyseur-Anlage in Cromarty; die finale Investitionsentscheidung wird für Dezember 2026 erwartet. Mit der deutschen Stablegrid Group laufen parallel zwei Energieinfrastruktur-Projekte mit zusammen 710 Megawatt Elektrolyseur-Kapazität, eine erste Entscheidung dazu wird noch in diesem Jahr erwartet.
Auch am Kapitalmarkt mehren sich positive Signale. Berenberg hat sein Kursziel angehoben, Morgan Stanley das Rating hochgestuft – beides Hinweise darauf, dass Teile der Analystengemeinde der Investment-Story zunehmend Vertrauen schenken. Charttechnisch notiert die Aktie mit 1,08 Euro als 200-Tage-Linie klar darüber, ein RSI von 37,2 deutet darauf hin, dass der Verkaufsdruck eher nachlässt als sich verstärkt.
Das bärische Szenario
Keiner der genannten Wachstumstreiber liefert bislang echte Skaleneffekte in der Kasse. Für das Geschäftsjahr 2026 rechnet ITM weiterhin mit einem EBITDA-Verlust von 27 bis 29 Millionen Pfund – selbst nach der angehobenen Umsatzprognose reichen die Effizienzgewinne noch nicht für die Gewinnschwelle.
Der Chronos-Aufbau selbst trägt technisches Risiko. Individuell gefertigte Automatisierungstechnik und ein reibungsloser Produktionsstart sind nie garantiert. Hinzu kommt: Einige alte, margenschwache Verträge muss ITM in diesem Jahr noch abarbeiten, was die Gesamtmarge belastet.
Beide anstehenden Katalysatoren sind Bedingungen, keine Zusagen. Verschieben sich Cromarty oder Stablegrid über die anvisierten Termine hinaus, rutscht die Umsatzverbuchung weiter in die Zukunft. Der Wettbewerbsdruck im grünen Wasserstoffmarkt bleibt hoch – größere Player wie Plug Power sichern sich bereits Aufträge, während der Markt insgesamt volatil bleibt.
Die Analystenmeinungen sind entsprechend gespalten. Manche bleiben offen skeptisch, was die reale Unsicherheit widerspiegelt, ob Ambition tatsächlich in verlässliche Zahlen mündet. Eine annualisierte 30-Tage-Volatilität von über 100 Prozent zeigt, wie binär der Markt das Ergebnis derzeit einschätzt. Der Abstand von 26,18 Prozent unter dem 50-Tage-Durchschnitt von 1,67 Euro belegt zudem: Das kurzfristige Momentum ist gebrochen, auch wenn der längerfristige Trend intakt bleibt.
Ausblick
Läuft der Sheffield-Aufbau ohne größere Verzögerung und fällt mindestens eine der beiden Entscheidungen – Cromarty oder Stablegrid – planmäßig, bleibt die Chance auf eine Neubewertung Richtung oberes Ende der aktuellen Analystenspannen bestehen. Verschiebt sich eine der beiden Entscheidungen oder gerät die Chronos-Inbetriebnahme ins Stocken, dürfte die Aktie eher wieder in Richtung des 100-Tage-Durchschnitts von 1,35 Euro oder tiefer tendieren – die für 2026 bereits kommunizierten EBITDA-Verluste lassen dafür wenig Spielraum.
Die konkreten Termine, die es jetzt zu beobachten gilt: die Cromarty-Entscheidung im Dezember 2026 und die Stablegrid-Entscheidung, die noch in diesem Jahr fällt. Beide würden aus angekündigter Pipeline gesichertes Auftragsvolumen machen – und liefern damit die Antwort, ob der jüngste Kursrutsch nur eine Verschnaufpause war oder der Beginn eines längeren Abwärtstrends.
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