ITM Power hat am heutigen Dienstag einen zentralen Baustein seines Deutschland-Geschäfts in Betrieb genommen. Am Standort Lingen produzierte die von ITM Power gelieferte Elektrolyse-Anlage von RWE erstmals grünen Wasserstoff, der über eine rund 120 Kilometer lange Pipeline zum Evonik-Chemiepark in Marl transportiert wurde. Damit nimmt das Projekt GET H2 Nukleus, eines der größten Wasserstoffvorhaben Europas, konkrete Form an.
Zwei 100-Megawatt-Anlagen als Kern des Projekts
ITM Power stattete das Vorhaben gemeinsam mit Linde Engineering mit zwei PEM-Elektrolyseuren von je 100 Megawatt aus, die zusammen auf 200 Megawatt Kapazität ausgelegt sind. Ergänzt wird die Anlage durch einen alkalischen Elektrolyseur von Sunfire mit weiteren 100 Megawatt, sodass das Gesamtprojekt am Standort auf 300 Megawatt zusteuert. Aktuell läuft die erste 100-Megawatt-Stufe der ITM-Technologie, der weitere Hochlauf auf die vollen 200 Megawatt ist eingeleitet. CEO Dennis Schulz bezeichnete die Auslieferung als „landmark achievement“ und sieht darin einen Beleg dafür, dass PEM-Elektrolyse im großindustriellen Maßstab funktioniert.
Das Vorhaben wird mit 619 Millionen Euro von Bund und dem Land Niedersachsen gefördert. Bis Ende 2026 soll die Anlage in Lingen auf 200 Megawatt anwachsen, eine weitere Ausbaustufe auf insgesamt 300 Megawatt ist für 2027 vorgesehen. Perspektivisch sollen bis zu 49.000 Tonnen grüner Wasserstoff pro Jahr entstehen. Der erzeugte Wasserstoff erfüllt die RFNBO-Kriterien der EU und darf damit als vollwertiger erneuerbarer Brennstoff vermarktet werden.
Abnehmer TotalEnergies sichert langfristige Perspektive
Über die aktuelle Lieferung an Evonik hinaus hat sich RWE bereits einen weiteren Großabnehmer gesichert: Ab 2030 sollen 30.000 Tonnen Wasserstoff jährlich über 15 Jahre an die TotalEnergies-Raffinerie in Leuna gehen. Für ITM Power ist das Projekt damit mehr als ein einzelner Auftrag – es dient als Referenzanlage, mit der das Unternehmen die Skalierbarkeit seiner PEM-Technologie im industriellen Maßstab demonstriert. Der Wasserstofftransport erfolgt über ein Pipeline-Netz mehrerer Betreiber, an das künftig auch ein Kavernenspeicher in Gronau-Epe angebunden werden soll.
Operativ bleibt ITM Power jedoch in der Verlustzone: Das Unternehmen verzeichnet weiterhin Betriebsverluste, verfügt nach eigenen Angaben aber über eine vergleichsweise niedrige Verschuldung. Der Fortschritt in Lingen liefert damit vor allem ein Signal für den Auftragsbestand und die technologische Reife, weniger einen kurzfristigen Ergebnisbeitrag.
Kurs reagiert positiv, bleibt aber unter dem Jahreshoch
Die Aktie von ITM Power nimmt die Nachricht positiv auf und legt am heutigen Handelstag um 2,69 Prozent auf 1,22 Euro zu. Damit setzt sich die Erholung der vergangenen Woche fort, die Aktie notiert derzeit rund 11 Prozent über ihrem 200-Tage-Durchschnitt und damit im mittelfristigen Aufwärtstrend. Vom im Mai markierten 52-Wochen-Hoch bei 2,58 Euro ist das Papier jedoch weiterhin deutlich entfernt – der jüngste Kursrutsch der vergangenen Wochen wiegt schwerer als der heutige Impuls aus Lingen.
Für Anleger bleibt die Kombination aus technologischem Fortschritt und anhaltenden Verlusten das bestimmende Muster bei ITM Power: Die Inbetriebnahme in Lingen zeigt, dass die Auftragspipeline in belastbare Projekte mündet, während die Bewertung an der Börse weiterhin stark von der Risikobereitschaft der Anleger für Wasserstoff-Wachstumswerte insgesamt abhängt.
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