Die japanische Wirtschaft schwächelt, während die Bank of Japan ihre Zinswende fortsetzt – eine brisante Konstellation, die Premierministerin Sanae Takaichi vor eine gewaltige Herausforderung stellt. Gleichzeitig sucht die EU nach neuen Wegen, um ihre wirtschaftliche Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen.
Ernüchternde Wirtschaftsdaten aus Tokio
Japans Wirtschaft enttäuschte im Schlussquartal 2025 auf ganzer Linie. Mit einem mickrigen annualisierten Wachstum von 0,2 Prozent verfehlte die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt die Erwartungen deutlich – Analysten hatten mit 1,6 Prozent gerechnet. Besonders besorgniserregend: Die Unternehmensinvestitionen legten nur um 0,2 Prozent zu, weit entfernt von den prognostizierten 0,8 Prozent.
Der private Konsum, der über die Hälfte der Wirtschaftsleistung ausmacht, kam mit einem Plus von gerade mal 0,1 Prozent kaum vom Fleck. Die hartnäckig hohen Lebensmittelpreise bremsen die Haushalte weiter aus. Und die Außenwirtschaft? Null Beitrag zum Wachstum. US-Zölle auf japanische Importe und ein diplomatischer Eklat mit China – ausgelöst durch Takaichis Äußerungen zu Taiwan – hinterließen tiefe Spuren.
„Mit einem jährlichen Wachstum von nur 0,1 Prozent wirken Takaichis Bemühungen um eine expansivere Fiskalpolitik geradezu hellsichtig“, konstatieren Analysten von Capital Economics. Die schwache Konjunktur dürfte der Premierministerin den Rückhalt geben, den sie für ihre geplante Aussetzung der Mehrwertsteuer auf Lebensmittel braucht.
Zentralbank zwischen Inflationsdruck und Wachstumsschwäche
Trotz der mauen Konjunkturdaten steht die Bank of Japan unter Zugzwang. Der BIP-Preisindex kletterte im vierten Quartal um 3,4 Prozent – stärker als erwartet. Seit fast vier Jahren liegt die Inflation über dem Zwei-Prozent-Ziel der Notenbank. Die Märkte preisen bereits eine 80-prozentige Wahrscheinlichkeit für eine weitere Zinsanhebung bis April ein.
Doch das Timing ist heikel. Am Montag trifft sich BOJ-Chef Kazuo Ueda erstmals seit Takaichis Wahlsieg mit der Premierministerin – ein Treffen, das die Märkte genau beobachten. Beim letzten Zusammentreffen im November ebnete ein ähnliches Gespräch den Weg für die Zinserhöhung im Dezember auf 0,75 Prozent, den höchsten Stand seit drei Jahrzehnten.
Die Frage ist, ob Takaichi ihren früheren Kurs fortsetzen wird. Bekannt als Verfechterin expansiver Fiskal- und Geldpolitik, hatte sie im Wahlkampf die Vorzüge eines schwachen Yen gepriesen – bevor Marktturbulenzen sie zum Umdenken zwangen. Hirofumi Yoshimura, Chef der kleineren Koalitionspartnerin Japan Innovation Party, stellte nun klar: „Politiker sollten sich nicht einmischen. Die BOJ sollte die Entscheidung treffen.“
Der Yen zwischen Erholung und Interventionsangst
Nach seinem Absturz nahe die psychologisch wichtige Marke von 160 zum Dollar im Januar erholte sich der Yen zuletzt deutlich. Mit einem Wochenplus von knapp drei Prozent – dem stärksten Anstieg seit 15 Monaten – notiert die japanische Währung nun bei etwa 153 zum Greenback. Auslöser war paradoxerweise Takaichis überwältigender Wahlsieg, der Unsicherheiten beseitigte und langfristige Investoren zurücklockte.
„Viele dachten, eine Supermehrheit für ihre LDP wäre negativ für japanische Anleihen und den Yen. Das genaue Gegenteil passierte“, erklärt Brent Donnelly von Spectra Markets. „Mit etwas Stabilität ziehen diese saftigeren japanischen Renditen jede Menge Interesse an. Es nennt sich ‚Buy Japan‘-Trade.“
Dennoch warnen Analysten vor einer baldigen Trendumkehr. OCBC-Ökonomen halten an ihrer Prognose fest, dass der Yen bis Jahresende bei 149 zum Dollar stehen wird – es sei denn, die BOJ wird deutlich aggressiver als erwartet.
Takaichis fiskalisches Husarenstück
Die Premierministerin plant unterdessen einen gewagten Schachzug: eine zweijährige Aussetzung der achtprozentigen Mehrwertsteuer auf Lebensmittel. „Wir müssen das so früh wie möglich umsetzen“, betonte Yoshimura. Das Problem: Die Maßnahme reißt ein gigantisches Loch in den Staatshaushalt eines Landes, dessen Verschuldung bereits jetzt zu den höchsten weltweit zählt.
Als mögliche Finanzierungsquelle brachte Finanzministerin Satsuki Katayama Japans 1,4 Billionen Dollar schwere Devisenreserven ins Spiel – eigentlich als Kriegskasse für künftige Yen-Interventionen gedacht. Eine riskante Strategie, die zeigt, wie verzweifelt Tokio nach Wegen sucht, die Kaufkraft der Haushalte zu stärken, ohne neue Schulden aufzunehmen.
Europas Spaltung in zwei Geschwindigkeiten
Während Japan seinen eigenen Weg sucht, ringt die EU mit ihrer chronischen Entscheidungsunfähigkeit. Auf einem informellen Gipfel in Belgien setzten Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen den 27 Mitgliedstaaten eine Deadline: Bis Juni müssen konkrete Fortschritte bei der lange blockierten Kapitalmarktunion erzielt werden – sonst könnten mindestens neun Staaten in „verstärkter Zusammenarbeit“ voranpreschen.
„Oft bewegen wir uns mit der Geschwindigkeit des Langsamsten, und die verstärkte Zusammenarbeit vermeidet das“, erklärte von der Leyen. Der Druck sei enorm, „und das kann Berge versetzen“. Die Kapitalmarktunion würde es Europa ermöglichen, in einer Liga mit den USA zu investieren – doch nationale Partikularinteressen blockieren das Projekt seit über einem Jahrzehnt.
Die potenziellen Vorreiter? Die sechs größten Volkswirtschaften, die bereits im Januar auf Einladung Deutschlands über ein „Europa der zwei Geschwindigkeiten“ berieten: Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Polen und die Niederlande.
Nicht alle sind begeistert. „Es ist eine gute Idee, Mitgliedstaaten mit Einigung zu drohen, aber eine sehr schlechte für Europas Zukunft“, monierte ein EU-Diplomat. Die EU-Handelsüberschüsse schrumpfen bereits, da US-Zölle die Exporte belasten und chinesische Importe die heimische Produktion verdrängen. In dieser „feindlichen Welt“ könne sich Europa Blockaden schlicht nicht mehr leisten, konterte ein anderer Diplomat.
Chinas Dienstleistungswette
Einen ganz anderen Ansatz verfolgt China. Nach jahrzehntelanger Fixierung auf Export und Infrastruktur schwenkt Peking auf Dienstleistungen um – von Skigebieten über die „Nachtwirtschaft“ bis zu Yachting und Medizintourismus. Das Vorbild: Chongli, ein früheres Agrardorf 200 Kilometer nördlich von Peking, das dank der Olympischen Winterspiele 2022 zum Boomtown wurde.
„Wir haben die Nachfrage geschaffen“, sagt Luo Li, Betreiber des Skiresorts Wanlong, das 600.000 Besucher im Jahr zählt und erstmals schwarze Zahlen schreibt. Die Region wächst mit 6,5 Prozent jährlich – weit über dem Landesdurchschnitt. Doch Ökonomen warnen: Chinas Modell der angebotsgetriebenen Industriepolitik könnte im Dienstleistungssektor dieselben Überkapazitäten erzeugen wie in der exportorientierten Industrie.
„Wenn die richtige Investitionsatmosphäre herrscht, muss sich die Regierung nicht übermäßig einmischen“, mahnt Louis Kuijs von S&P Global Ratings. „Sie kann und sollte das dem Privatsektor überlassen.“ Der Pro-Kopf-Konsum bei Dienstleistungen liegt in China bei nur 46,1 Prozent – in den USA sind es 70 Prozent. Ob staatliche Investitionen diese Lücke schließen können, ohne neue Blasen zu erzeugen, bleibt die Milliardenfrage.


