Japans Finanzmärkte feiern am Montag ein historisches Comeback: Nach dem erdrutschartigen Wahlsieg von Premierministerin Sanae Takaichi klettert der Nikkei auf ein neues Allzeithoch. Mit mehr als zwei Dritteln der Sitze im Unterhaus ausgestattet, kann die Regierungschefin ihre expansive Finanzpolitik nun ohne Kompromisse durchsetzen – doch genau das macht Anleger am Anleihenmarkt nervös. Der Yen verliert weiter an Boden, während sich Investoren weltweit fragen: Wie viel Stimulus verträgt die am höchsten verschuldete Industrienation der Welt?
Historischer Sieg mit weitreichenden Folgen
Takaichis Liberaldemokratische Partei (LDP) holte am Sonntag mehr als 328 der 465 Sitze im Unterhaus – ein Rekordergebnis in der Nachkriegsgeschichte. Gemeinsam mit dem Koalitionspartner Japan Innovation Party verfügt die Premierministerin nun über eine Zweidrittelmehrheit, die ihr erlaubt, das Oberhaus zu überstimmen. „Die Wähler haben Sanaenomics eindeutig befürwortet“, kommentiert Jamie Halse von Senjin Capital die Dimension des Wahlerfolgs.
Der politische Triumph verschafft Takaichi nun den Spielraum, ihr zentrales Wahlversprechen umzusetzen: die Aussetzung der achtprozentigen Mehrwertsteuer auf Lebensmittel für zwei Jahre. Was sie als ihren „lange gehegten Traum“ bezeichnet, bedeutet allerdings ein jährliches Haushaltsloch von rund fünf Billionen Yen – etwa 32 Milliarden Dollar. Das entspricht dem gesamten jährlichen Bildungsbudget Japans.
Märkte zwischen Euphorie und Sorge
Die unmittelbare Reaktion an der Tokioter Börse fiel eindeutig aus: Der Nikkei schoss um 4,2 Prozent nach oben, der breitere Topix-Index legte 2,3 Prozent zu – beide markierten neue Rekordhöhen. Investoren setzen darauf, dass Steuerkürzungen und staatliche Ausgaben die Binnennachfrage ankurbeln und Unternehmensgewinne steigern werden. Besonders Rüstungs- und konsumnahe Unternehmen gelten als Profiteure der angekündigten Agenda.
Doch nicht alle Marktsegmente teilen die Begeisterung. Der Yen rutschte am Montag den siebten Tag in Folge ab und fiel auf 157,72 je Dollar – den schwächsten Stand seit zwei Wochen. Zehnjährige japanische Staatsanleihen gaben nach, die Renditen kletterten um 5,5 Basispunkte auf 2,28 Prozent. „Die entscheidende Frage ist nun, ob diese Risiken verstärkt werden oder sich allmählich auflösen“, erklärt Shoki Omori, Chef-Stratege bei Mizuho Securities.
Die Finanzierungsfrage bleibt offen
Wie Takaichi die Steuerausfälle kompensieren will, bleibt Investoren ein Rätsel. Die Premierministerin hat zwar betont, keine neuen Schulden aufnehmen zu wollen, doch über alternative Finanzierungsquellen schweigt sie sich weitgehend aus. Spekulationen richten sich auf Japans 1,4 Billionen Dollar schwere Devisenreserven – doch ein zu tiefer Griff in diese Kasse könnte bedeuten, dass Tokio US-Staatsanleihen verkaufen müsste. Ein Schritt, der sowohl Märkte als auch Washington beunruhigen dürfte.
„Sie mag das Mandat der Öffentlichkeit gewonnen haben, aber noch nicht das der Märkte“, warnt Shinichi Ichikawa von Pictet Asset Management Japan. Die Sorge: Sollte die Unsicherheit über die Finanzierung einen erneuten Ausverkauf bei japanischen Staatsanleihen auslösen, würde das die Finanzierungskosten für Japans ohnehin gigantische Staatsverschuldung – rund das Doppelte der Wirtschaftsleistung – in die Höhe treiben.
Ryutaro Kono von BNP Paribas sieht die Chancen für eine Umsetzung der Steuersenkung deutlich gestiegen: „Das Wahlergebnis hat die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass die Mehrwertsteuer tatsächlich gesenkt wird. Es ist klar, dass Takaichi eine Abkehr von der bisher vom Finanzministerium dominierten Fiskalpolitik anstrebt.“
Globale Nebenwirkungen im Blick
Die Entwicklungen in Japan strahlen weit über die eigenen Grenzen hinaus. Steigende japanische Anleiherenditen ziehen traditionell auch internationale Bondmärkte mit nach unten. Zudem könnte ein schwächerer Yen die Importpreise in die Höhe treiben und die Inflation anheizen – was den beabsichtigten Entlastungseffekt der Steuerkürzungen für Verbraucher konterkarieren würde.
Während asiatische Märkte am Montag von der Wahleuphorie profitierten – der südkoreanische Index kletterte um 3,9 Prozent, der MSCI Asia Pacific um 1,0 Prozent –, beobachten Analysten die kommenden Schritte genau. „Die Bank of Japan könnte nun unter Druck geraten, die Zinsen länger niedrig zu halten“, sagt Naohiko Baba von Barclays. „Doch jedes Signal in diese Richtung könnte weitere Yen-Schwäche auslösen.“
Interessanterweise deutet Baba aber auch auf einen Gegentrend hin: „Letztlich dürfte der öffentliche Unmut über Yen-getriebene Inflation in Kombination mit Druck aus Washington die Regierung dazu bringen, Zinserhöhungen widerwillig zuzulassen.“ Tatsächlich hatte die New Yorker Fed im vergangenen Monat offenbar bei der Überprüfung der Dollar-Yen-Kurse mitgewirkt – ein Hinweis darauf, dass die Trump-Administration einen stärkeren Yen befürwortet.
Was jetzt auf Takaichi zukommt
Die Premierministerin steht vor einem Balanceakt: Einerseits muss sie die Erwartungen ihrer Wähler erfüllen und die Lebenshaltungskosten senken. Andererseits darf sie die Finanzmärkte nicht verschrecken, die bei anhaltender Unsicherheit über die Haushaltsdisziplin nervös werden könnten. Bereits in ihrer kurzen Amtszeit seit Oktober musste Takaichi frühere Pläne für noch größere Ausgaben und Steuersenkungen zurückschrauben, um Marktturbulenzen zu vermeiden.
In Fernsehinterviews am Wahlabend wirkte die frischgebackene Wahlsiegerin auffallend ernst. Auf die Frage, warum sie trotz des Erdrutsches so angespannt aussehe, antwortete sie gereizt: „Es ist ziemlich gemein, das jemanden zu fragen, der kurz davor steht, alles zu geben.“
Die nächsten Wochen werden zeigen, ob Takaichi ihre Vision einer reflationierten Wirtschaft umsetzen kann, ohne dabei das Vertrauen der Märkte zu verspielen. Chris Scicluna von Daiwa Capital Markets bringt es auf den Punkt: „Ihre Pläne zur Mehrwertsteuersenkung lassen große Fragezeichen über die Finanzierung und wie die Rechnung aufgehen soll. Unsicherheit über die Finanzpolitik wird uns noch längere Zeit begleiten.“


