Liebe Leserinnen und Leser,
am Freitag schloss ich mit dem Satz: Wer handelt, braucht jetzt Disziplin, nicht Hoffnung. Das Wochenende liefert Gelegenheit, genau diese Disziplin auf die vergangene Woche anzuwenden — und die Ergebnisse sind aufschlussreich. Denn während der TecDAX in der KW 20 insgesamt 1,59 Prozent verlor, legte Jenoptik zwischen dem 8. und 15. Mai auf Xetra-Basis um 24,15 Prozent zu. Elmos Semiconductor fiel im selben Zeitraum um 14,56 Prozent. Fast 39 Prozentpunkte Spreizung innerhalb eines Index. Das ist kein breiter Technologie-Trade mehr. Das ist harte Selektion.
TecDAX: Gewinner und Verlierer trennen sich wie selten
Die Rangliste der vergangenen Woche liest sich wie ein Stresstest für KI-Relevanz. Hinter Jenoptik folgten Infineon mit plus 5,72 Prozent und Aixtron mit plus 3,88 Prozent — beides Titel, die sich glaubwürdig in der KI-Zulieferkette positionieren. Auf der Gegenseite: Siltronic mit minus 12,10 Prozent und Evotec mit minus 10,85 Prozent. Der Markt unterscheidet präzise zwischen Unternehmen, die an Elektrifizierung, Halbleiter, Optik oder Automatisierung hängen, und solchen, die zyklisch exponiert sind, ohne klaren KI-Bezug.
Das Wochenmuster verstärkt diesen Befund. Bis Donnerstag trieb KI-Euphorie die US-Indizes auf neue Hochs. Am Freitag drehte die Stimmung: Die 10-jährige US-Rendite kletterte über 4,5 Prozent, die 2-jährige erreichte den höchsten Stand seit Juni. Kupfer notierte in London über 14.000 Dollar je Tonne — getrieben von Produktionsproblemen in Peru und steigender Nachfrage aus dem Rechenzentrums-Bau. Für europäische Technologiezulieferer ergibt sich daraus ein klares Bild: Relative Stärke gibt es nur mit überzeugender Positionierung in der KI-Wertschöpfungskette. Alles andere wird bei steigenden Renditen zuerst verkauft.
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Nvidia am Mittwoch: Die Zahlen, die den Takt vorgeben
Der wichtigste Einzeltermin der kommenden Woche fällt auf Mittwoch: Nvidia legt Quartalszahlen vor. Die Aktie schloss am Freitag bei 225,32 Dollar, die Marktkapitalisierung liegt bei rund 5,5 Billionen Dollar. Trotz dieser Dimension handelt der Titel mit dem 26-Fachen der erwarteten Gewinne — nicht billig, aber für ein Unternehmen mit 65,47 Prozent erwartetem Umsatzwachstum im Geschäftsjahr 2026 auch nicht absurd.
Die Zahlen untermauern das: Im vierten Quartal des Geschäftsjahres 2026 erzielte Nvidia 68,13 Milliarden Dollar Umsatz, davon 62,31 Milliarden im Data-Center-Geschäft. Der freie Cashflow wird für das Gesamtjahr bei 96,58 Milliarden Dollar erwartet, der Nettogewinn bei 120,07 Milliarden Dollar. Für das erste Quartal des Geschäftsjahres 2027 stellte das Management rund 78 Milliarden Dollar Umsatz in Aussicht. Was Nvidia am Mittwoch liefert, wird den Ton setzen — nicht nur für US-Halbleiter, sondern direkt für Infineon, Aixtron und die gesamte europäische KI-Zuliefererkette.
Cerebras: Was passiert, wenn der KI-Hype auf die Bewertung trifft
Wie schnell sich Euphorie in Ernüchterung verwandeln kann, zeigte in der vergangenen Woche Cerebras Systems. Das Unternehmen debütierte am 14. Mai an der Börse, der Ausgabepreis lag bei 185 Dollar. Am ersten Handelstag schoss der Kurs auf 311,07 Dollar — plus 68 Prozent. Schon am 15. Mai ging es zurück auf 279,72 Dollar, ein Tagesverlust von 10,08 Prozent.
Die Bewertung verdient einen genaueren Blick. Bei 311 Dollar entsprach die Marktkapitalisierung etwa dem 134- bis 187-Fachen der Umsätze der vergangenen vier Quartale, je nach Berechnungsbasis. Operativ ist Cerebras kein leeres Versprechen: 510 Millionen Dollar Umsatz im Jahr 2025, plus 76 Prozent, dazu ein OpenAI-Vertrag über 750 Megawatt Inferenzkapazität, erweiterbar auf 2 Gigawatt bis 2030, mit einem Volumen von mehr als 20 Milliarden Dollar. Hinzu kommen Deals mit AWS. Der Haken: 86 Prozent des Umsatzes 2025 stammten von nur zwei Kunden mit UAE-Bezug. Für Trader ist das die Gegenprobe zur Nvidia-These: Wachstum allein reicht nicht. Wer zu welcher Bewertung kauft und wie konzentriert die Erlösbasis ist — das entscheidet über Risiko und Chance.
Salzgitter, DAX-Berichtssaison und die Rotation im Mittelfeld
Auch jenseits der reinen Technologiewerte lohnt der Blick auf die Selektion im deutschen Markt. Salzgitter meldete für das erste Quartal 2026 ein EBT von 179 Millionen Euro, gestützt von der starken Performance der Aurubis-Beteiligung. Alphavalue hob die EPS-Schätzung für 2026 um 58,9 Prozent auf 5,13 Euro an und stufte das Votum von „Reduce“ auf „Add“ hoch. Jefferies erhöhte das Kursziel auf 55 Euro bei „Hold“, JPMorgan blieb bei „Underweight“ mit Ziel 31,40 Euro. Am 15. Mai notierte die Aktie bei 54,30 Euro — auf Fünf-Tage-Sicht minus 4,57 Prozent, seit Jahresbeginn aber plus 35,28 Prozent. Kein Momentum-Chart wie bei Jenoptik, aber ein Beispiel dafür, dass bei MDAX-Zyklikern Analystenrevisionen und Rohstoffpreise kurzfristig mehr zählen als der breite Index.
Im DAX selbst zeigt die Berichtssaison ein zweigeteiltes Bild. Laut EY-Analyse sanken die Erlöse der DAX-Konzerne im Schnitt um 3,7 Prozent, während das Ebit um 4,4 Prozent stieg. Die Finanzbranche lieferte ein Gewinnplus von 15,9 Prozent, Industriewerte kamen auf magere 0,5 Prozent. Die höchsten Quartalsgewinne verbuchten Deutsche Telekom mit 5,8 Milliarden Euro und Allianz. Lufthansa steigerte den Q1-Umsatz um 8 Prozent auf 8,7 Milliarden Euro, das Adjusted EBIT verbesserte sich um 110 Millionen Euro auf minus 612 Millionen Euro. Belastend bleiben die Kerosinkosten: 1,7 Milliarden Euro Zusatzkosten werden für 2026 erwartet, 80 Prozent des Bedarfs sind abgesichert.
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Bitcoin: Unter der 200-Tage-Linie, ETF-Abflüsse beschleunigen
Bitcoin notierte am Sonntag bei rund 78.000 Dollar und damit klar unter der 200-Tage-Linie bei etwa 82.300 Dollar. In der Woche bis zum 15. Mai verzeichneten US-Spot-Bitcoin-ETFs rund 1 Milliarde Dollar Nettoabflüsse. BlackRocks IBIT allein verlor am 15. Mai 317 Millionen Dollar. Technisch liegt die kurzfristige Unterstützung im Bereich 77.500 bis 78.000 Dollar, Widerstände bei 78.600 bis 79.000 Dollar, darüber bei 79.500, 81.000 und 82.800 Dollar.
Regulatorisch bleibt das Bild unfertig: Der CLARITY Act passierte den Senatsbankenausschuss mit 15 zu 9 Stimmen, ist aber weit von einem Gesetz entfernt. Senator Ruben Gallego stellte ausdrücklich klar, seine Stimme im Ausschuss garantiere keine Zustimmung im Plenum. Für Krypto-Trader bleibt Bitcoin damit ein Risikobarometer, kein Momentum-Trade.
Die Woche voraus: Voller Kalender, enge Positionsgrößen
Der Terminkalender der kommenden Woche ist dicht. Montag kommen der Monatsbericht der Bundesbank sowie China-Daten zu Einzelhandel und Industrieproduktion. Dienstag berichten Home Depot und Hornbach. Mittwoch folgen neben Nvidia auch Walmart, Analog Devices, Intuit und die PBoC-Zinsentscheidung. Donnerstag stehen Flash-PMIs für Deutschland, Frankreich, Großbritannien, die Eurozone und die USA an, dazu deutsche Erzeugerpreise. Am Freitag runden deutsches BIP, ifo-Geschäftsklima, EZB-Tariflöhne und der Michigan-Verbraucherindex die Woche ab.
Für Trader bleibt die Botschaft der vergangenen Woche gültig: Der Markt kauft nicht pauschal Technologie. Er trennt scharf zwischen KI-Profiteuren und dem Rest. Jenoptik, Infineon und Aixtron zeigten relative Stärke in einem schwachen Index — genau solche Setups verdienen Aufmerksamkeit. Aber die Nvidia-Zahlen am Mittwoch und die Makrodaten am Donnerstag und Freitag können die Vorzeichen schnell drehen. Positionsgrößen sollten zur erwarteten Volatilität passen. Selektion schlägt Richtungswette — das war die Lektion der KW 20, und sie dürfte auch in der KW 21 gelten.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Rest des Wochenendes.
Herzlichst, Ihr Andreas Sommer


