Kredite im Euroraum dürften noch vor dem Jahreswechsel teurer werden. Nach Einschätzung von Bundesbank-Präsident Joachim Nagel steuert die Europäische Zentralbank auf eine weitere Zinsanhebung zu. Ein erneuter Schritt nach oben sei aus heutiger Sicht sehr wahrscheinlich notwendig, falls sich der Inflationsausblick nicht deutlich aufhelle.
Der Grund für die straffere Haltung liegt bei den Energiekosten. Infolge des Iran-Kriegs kletterten die Energiepreise und trieben die Teuerung im Euroraum im September auf 3,8 Prozent. Das entspricht dem höchsten Stand seit drei Jahren.
Die europäischen Währungshüter fürchten vor allem eine anhaltende Kettenreaktion. Wiederholte Preisschübe bei Energieträgern könnten auf andere Waren übergreifen und schließlich kräftigere Lohnforderungen nach sich ziehen. Zwar verzeichnete die Notenbank nach Nagels Angaben bislang kaum Anzeichen für solche Zweitrundeneffekte, weshalb die Zinsen in der Vorwoche unangetastet blieben. Tritt jedoch das pessimistischere Inflationsszenario ein, wächst der Handlungsdruck spürbar.
Geldmarkt stellt sich auf Straffung ein
Im bisherigen Jahresverlauf hob der EZB-Rat die Leitzinsen bereits zwei Mal an. Bei der vergangenen Zinssitzung verharrte der Einlagenzins bei 2,5 Prozent. Höhere Sätze verteuern Darlehen und sollen so die Nachfrage dämpfen, belasten aber Investitionen der Unternehmen.
Das Ziel stabiler Preise liegt damit in weiter Ferne. Die angestrebte Inflationsrate von 2,0 Prozent wird die Notenbank so schnell nicht erreichen. Nach bisherigen Einschätzungen müssen sich Verbraucher und Unternehmen bis mindestens 2027 auf einen erhöhten Preisdruck einstellen.
Am Finanzmarkt gilt eine Zinserhöhung kurz vor Jahresende bereits als das wahrscheinlichere Szenario. Für die Sitzung am 17. Dezember preisen ESTR-Terminkontrakte einen Zinsschritt um 25 Basispunkte zu 69 Prozent ein. Bis Juni wird an den Märkten bereits eine weitere Anhebung in diesem Umfang erwartet.


