Die Pläne für eine europäische Verteidigungsbank nehmen konkrete Formen an – und JPMorgan steht mittendrin. Während sich zwei rivalisierende Initiativen um die Gunst der Regierungen streiten, positioniert sich die US-Großbank als Schlüsselakteur bei der Finanzierung von Europas Aufrüstung.

Fusionsgespräche zwischen den Konkurrenten

Die European Rearmament Bank (ERB) hat vergangene Woche einen überraschenden Schritt gewagt: Guy de Selliers, einer der Initiatoren des Projekts, wandte sich schriftlich an die Defence, Security and Resilience Bank (DSRB) – ausgerechnet jene Institution, die JPMorgan gemeinsam mit Deutsche Bank, Commerzbank und ING unterstützt. Sein Vorschlag: Eine Fusion beider Teams, um nicht länger gegeneinander zu arbeiten.

Die DSRB wollte sich auf Anfrage nicht zu den Fusionsplänen äußern. Auch JPMorgan und Commerzbank lehnten einen Kommentar ab, während Deutsche Bank zunächst nicht reagierte. Lediglich ING signalisierte Offenheit für „eine multilaterale Initiative zur Stärkung europäischer Verteidigungsfähigkeiten – in welcher Form auch immer“.

Zwei Modelle, ein Ziel

Beide Projekte verfolgen ähnliche Ziele, unterscheiden sich jedoch in der Ausgestaltung. Die ERB konzentriert sich auf europäische NATO-Mitglieder und plant Kredite zu Marktkonditionen. Mit etwa 10 Milliarden Euro Eigenkapital von Mitgliedsstaaten, verteilt über drei Jahre, will sie bis zu 250 Milliarden Euro an Finanzierungsvolumen mobilisieren.

Die von JPMorgan und anderen Großbanken unterstützte DSRB setzt auf ein breiteres Mitgliederspektrum inklusive Kanada und strebt zunächst 100 Milliarden Pfund (rund 133 Milliarden Dollar) an Finanzierungskapazität an. Ihr Fokus liegt auf Ländern, die keinen günstigen Zugang zu Kapital haben.

Polen macht den Anfang

Bislang hat nur Polen die ERB-Initiative formal unterstützt. Deutschland führt weiterhin Gespräche, während Frankreich zwar grundsätzlich positiv reagierte, aber Bedenken bezüglich Souveränität und finanzieller Kapazität äußerte. Die deutsche Regierung lehnte eine Stellungnahme ab, Frankreichs Finanzministerium reagierte zunächst nicht auf Anfragen.

„Wir befinden uns in einem Verteidigungsnotstand“, betonte Jessica Berlin, Leiterin der ERB-Initiative in Deutschland. „Diese Bank braucht Deutschland, und Deutschland braucht diese Bank.“

Geopolitik bremst den Schwung

Die Dringlichkeit in den Regierungsgesprächen schwankte mit den geopolitischen Entwicklungen, erklärte de Selliers. Vor dem NATO-Gipfel Anfang des Jahres erreichte das Momentum seinen Höhepunkt, danach flachte es wieder ab – auch weil Friedensgespräche zur Beendigung des Ukraine-Kriegs an Fahrt aufnahmen.

Kann JPMorgan den entscheidenden Durchbruch bringen? Die Antwort dürfte davon abhängen, ob die rivalisierenden Initiativen tatsächlich fusionieren und ob weitere europäische Regierungen dem polnischen Beispiel folgen.