Die Märkte senden dieser Tage widersprüchliche Signale. Einerseits pumpen Samsung und SK Hynix Hunderte Milliarden in KI-Infrastruktur, andererseits flüchten Anleger aus Technologiefonds so schnell wie seit Monaten nicht. Das übergeordnete Thema dahinter: Der KI-Boom trifft auf eine Welt, in der Inflation hartnäckig bleibt, Lieferketten fragil sind und Zentralbanken zunehmend auf Stagflation tippen.

Tech-Euphorie trifft auf Ernüchterung

Micron Technology lieferte diese Woche einen unerwarteten Kurssprung von über 15 % nach einem robusten Quartalsbericht. Doch das war gestern. Am Freitag gab die Aktie knapp 5 % nach — ein Muster, das den Zustand des gesamten Chipsektors treffend beschreibt. Intel und AMD verloren über 3 %, Nvidia rutschte um 1,4 % ab.

Dahinter steckt mehr als kurzfristige Gewinnmitnahmen. Investoren hinterfragen zunehmend, wie schnell die massiven Rechenzentrumsausgaben von Alphabet und Amazon tatsächlich in Gewinne umgemünzt werden können. Apple verstärkte den Vertrauensverlust zusätzlich, nachdem der Konzern wegen gestiegener Speicherchipkosten Preiserhöhungen ankündigte — was die Aktie am Donnerstag um mehr als 6 % abstrzte.

Besonders symbolträchtig: Berichte, wonach OpenAI seinen mit Spannung erwarteten Börsengang möglicherweise auf 2027 verschieben könnte. CEO Sam Altman soll eine Bewertung von einer Billion Dollar anstreben — deutlich mehr als die zuletzt gehandelten 730 bis 850 Milliarden Dollar. „Dieser Schritt wäre voller Symbolik, da das Unternehmen mit dem Launch von ChatGPT 2022 die gesamte KI-Welle ins Rollen gebracht hat“, kommentierte Danni Hewson von AJ Bell.

Die Zahlen sprechen für sich: Technologiefonds verzeichneten in der Woche bis zum 24. Juni Nettomittelabflüsse von 17,8 Milliarden Dollar — eine fast vollständige Umkehr der 21,5 Milliarden Dollar Zuflüsse der Vorwoche. Die globalen Aktienfondszuflüsse brachen auf 7,5 Milliarden Dollar ein, verglichen mit 55,5 Milliarden Dollar eine Woche zuvor.

KI-Import-Boom belastet die US-Handelsbilanz

Hinter dem Technologiehype verbergen sich handfeste volkswirtschaftliche Konsequenzen. Das US-Handelsbilanzdefizit bei Waren schnellte im Mai auf 105,8 Milliarden Dollar — ein 14-Monats-Hoch, das Ökonomen mit einem prognostizierten Wert von 85 Milliarden Dollar deutlich überraschte. Treiber waren unter anderem Kapitalgüterimporte, die im Jahresvergleich um satte 41,9 % zulegten — direkte Folge des KI-Investitionsbooms, der stark auf importierte Ausrüstung angewiesen ist.

„Die KI-Welle muss einen entsprechenden Anstieg bei Dienstleistungsexporten erzeugen, um den Importstrom an Ausrüstungen zu kompensieren. Tut sie das nicht, ist diese KI-Blase ein Verlustgeschäft für die Wirtschaft“, warnte Carl Weinberg, Chefökonom bei High Frequency Economics.

Gleichzeitig spiegeln die Importzahlen die Nachwirkungen des US-Iran-Konflikts wider. Unternehmen hatten Vorräte aufgebaut, um Engpässen und höheren Preisen vorzubeugen. Nach dem vorläufigen Friedensabkommen zwischen Washington und Teheran normalisiert sich der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus wieder — doch neue geopolitische Unsicherheit braut sich bereits zusammen.

Hormus: Neue Gebühren, neue Risiken

Oman hat europäischen Regierungsvertretern mitgeteilt, dass eine Rückkehr zu den Verhältnissen vor dem Krieg in der Straße von Hormus nicht möglich sei. Schlimmer noch: Schiffe könnten künftig Gebühren für Dienstleistungen wie Verschmutzungsbekämpfung oder Navigationshilfe zahlen müssen. Ob solche Abgaben verpflichtend werden, bleibt offen.

Der Sultanat prüft Modelle anderer Schifffahrtsengen — darunter die Malakkastraße, wo keine Pflichtabgaben existieren. Dennoch wächst die Sorge in Washington, Europa und den arabischen Golfstaaten, dass Oman gemeinsam mit dem Iran ein Mautsystem etablieren könnte. Frankreichs Präsident Macron empfängt Omans Sultan Haitham bin Tariq am Montag in Paris — auf der Agenda: die freie und uneingeschränkte Durchfahrt durch die Straße von Hormus.

Für die Energiemärkte bedeutet das fortgesetzte Unsicherheit. Der Ölpreis war nach dem US-Iran-Abkommen bereits deutlich gefallen. Eine neue Kostenschicht auf dem wichtigsten Seeweg der Welt könnte diesen Trend zumindest bremsen.

Stagflation rückt ins Zentrum

Vor diesem Hintergrund überrascht es kaum, dass Zentralbanker zunehmend düster in die Zukunft schauen. Laut der jährlichen Umfrage von UBS Asset Management unter rund 30 führenden Notenbanken betrachten 52 % der Befragten Stagflation als das wahrscheinlichste Szenario für die nächsten fünf Jahre — ein Anstieg von 39 % im Vorjahr. Rund 79 % glauben, dass eine Phase anhaltend höherer Inflation begonnen hat.

Morgan Stanley hält zwar an seiner Prognose fest, dass die US-Notenbank die Zinsen bis Jahresende unverändert lässt. Doch Analyst Michael Gapen formulierte eine klare Warnschwelle: Falle die Arbeitslosigkeit unter 4 %, könnte die Fed Zinserhöhungen in Betracht ziehen. Die Kern-PCE-Inflation soll im vierten Quartal bei 3,0 % liegen — noch weit vom Ziel entfernt.

Dass 56 % der befragten Notenbanken-Manager die Ernennung von Kevin Warsh zum Fed-Vorsitzenden als „etwas die Unabhängigkeit der Fed schwächend“ bewerten, fügt dem Bild eine weitere Grauzone hinzu. Gleichzeitig beschleunigen Zentralbanken die Diversifikation weg von US-Anlagen: 42 % haben ihr US-Engagement bereits reduziert oder planen dies — 2024 waren es erst 29 %.

Ausblick: Selektion statt Euphorie

Was bleibt von einer Woche voller Widersprüche? Der KI-Investitionszyklus ist real und gewaltig — allein Samsung soll über die nächste Dekade Investitionen im Umfang von über 646 Milliarden Dollar ankündigen. Doch die Märkte verlangen jetzt Ergebnisse statt Versprechen. Zuflüsse in Anleihefonds legen seit zwölf Wochen in Folge zu. Gold verliert seinen Nimbus als Top-Investment. Und an der Straße von Hormus könnte eine neue Kostenlast entstehen, bevor das alte Kapitel vollständig geschlossen ist.

Die großen Fragen des Sommers sind gestellt. Die Antworten liefert der Arbeitsmarktbericht nächste Woche.