Der Börsengang liegt auf Eis, der Staatseinstieg nicht: Der deutsche Staat hält an seinem Plan fest, sich mit rund 40 Prozent am Rüstungskonzern KNDS zu beteiligen. Das berichtet das Handelsblatt. Der Zeitpunkt ist bemerkenswert – ausgerechnet jetzt, wo der deutsch-französische Kampfjet FCAS krachend gescheitert ist.

Der Panzerbauer KNDS wollte eigentlich an die Börse, in Paris und Frankfurt zugleich. Diesen Schritt hat das Unternehmen vorerst verschoben. Der Grund: Käufer und bisherige Eigentümer kommen bei der Bewertung nicht zusammen. Trotzdem bleibt Berlin bei seinem Vorhaben, sich als Großaktionär zu beteiligen.

Vom Kunden zum Miteigentümer

Der geplante Einstieg markiert einen Bruch. Bislang trat der deutsche Staat bei KNDS als Auftraggeber und Regulierer auf. Mit 40 Prozent würde er zum einflussreichen Miteigentümer eines der größten europäischen Rüstungskonzerne.

Die Grenze zwischen staatlicher Kontrolle und unternehmerischer Eigenverantwortung verschwimmt damit. Deutschland und Frankreich verfolgen dabei vor allem eigene Interessen. Beide Länder wollen Rüstungstechnologie und Arbeitsplätze sichern – und verhindern, dass der Konzern unter französische Kontrolle gerät.

FCAS scheitert komplett

Der Hintergrund verleiht der Debatte politisches Gewicht. Im Juni haben Deutschland und Frankreich die Zusammenarbeit am Kampfjet-Projekt Future Combat Air System offiziell beendet. Monatelange Verhandlungen und wiederholte Verzögerungen führten zu keinem Ergebnis.

Der zentrale Streitpunkt: Airbus und Dassault konnten sich nicht auf Führungsstruktur, Arbeitsteilung und geistige Eigentumsrechte für die zweite Projektphase einigen. Dassault-Chef Éric Trappier bestand auf einem einzigen Hauptauftragnehmer mit klarer Entwurfshoheit. Sein Argument: Führung durch Komitee erzeuge Kompromiss-Designs und Kostenexplosionen. Airbus lehnte dieses Modell ab und forderte eine ausgewogenere Partnerschaft. Nach Jahren der Verhandlungen und wiederholten politischen Interventionen blieb der Graben unüberbrückbar.

Gewonnen hat dabei keine der beiden Seiten. Vor dem Aus flossen bereits rund 3,3 Milliarden Euro in beide Projektphasen – bei geschätzten Lebenszeitkosten des Gesamtprogramms zwischen 100 und 150 Milliarden Euro. Der geplante Erstflug des Demonstrators, ursprünglich für 2028 oder 2029 vorgesehen, findet als gemeinsames Programm nicht mehr statt.

Nicht alles ist verloren. Bei zwei Elementen der ursprünglichen FCAS-Architektur wollen beide Länder weiterarbeiten. Die sogenannte Air Combat Cloud entwickeln Airbus und Thales gemeinsam weiter.

Macrons Grenzen

Kommentatoren ziehen aus dem FCAS-Debakel eine Lehre für die KNDS-Frage: Präsident Macron stieß bei seinem politischen Einfluss auf Industrie an klare Grenzen. Er konnte den Dassault-Konzern weder disziplinieren noch zu einem europäischen Kompromiss bewegen – obwohl er selbst offenbar eine Einigung mit Deutschland bevorzugt hätte.

Das ist kein Sieg für Dassault. Der Kampfjet-Teil von FCAS ist für beide Seiten gestorben. Es zeigt lediglich, wie wenig politischer Druck gegen ein widerstandsfähiges Unternehmen ausrichten kann.

Dassault als Gegenmodell

Genau hier liegt der Unterschied zu KNDS. Dassault Aviation bleibt weitgehend unabhängig von direkter Staatskontrolle. Diese Eigentümerstruktur gilt als ein Grund dafür, warum sich das Unternehmen dem Druck aus Paris während der FCAS-Verhandlungen widersetzen konnte – auch wenn dieser Widerstand am Ende zum Scheitern des gesamten Projekts beitrug, nicht zu einem klaren Vorteil für Dassault.

Bei KNDS entsteht nun ein gegenteiliges Modell: staatlich verankertes Miteigentum statt unternehmerischer Unabhängigkeit.

Nicht neu, aber in dieser Größenordnung ungewöhnlich

Staatliche Beteiligungen in der europäischen Rüstungs- und Luftfahrtindustrie sind kein Novum. Die Größenordnung des geplanten KNDS-Anteils sticht dennoch heraus. Auf beiden Seiten des Rheins entscheidet ohnehin nicht der freie Markt über den Erfolg eines Rüstungsunternehmens, sondern die jeweilige Beschaffungsbehörde.

Bei Airbus existiert bereits ein austariertes Modell: Frankreich und Deutschland halten jeweils rund 10 Prozent am Konzern. Airbus übernimmt im Rahmen dieser Struktur auch die Verantwortung für die begleitenden Drohnensysteme.

Warum das für den Börsengang zählt

Kommentatoren verbinden die geplante KNDS-Eigentümerstruktur direkt mit dem FCAS-Kollaps. Das gescheiterte Kampfjet-Projekt dient als Warnbeispiel dafür, wie deutsch-französische Industriekooperation an politischen Konflikten und Streit um Arbeitsanteile zerbrechen kann.

Angesichts der französischen Dominanztendenzen, wie sie sich bei FCAS gezeigt haben, bleibt aus dieser Sicht kaum eine Alternative: Der deutsche Staat muss sich formal bei KNDS engagieren, zumal die bisherigen privaten Eigentümer ihre Anteile abgeben wollen. Das fügt der ohnehin engen Verflechtung zwischen Wirtschaft und Staat eine weitere unternehmerische Dimension hinzu.

Vorerst bleibt KNDS in privater Hand. Die Börsenpläne für Paris und Frankfurt liegen auf Eis, bis sich die Marktbedingungen klären und die Bewertungslücke zwischen aktuellen Eigentümern und institutionellen Kaufinteressenten schließt. Der FCAS-Kollaps zeigt, dass deutsch-französische Industriekonflikte in einem gemeinsamen Scheitern enden können, statt einen klaren Gewinner hervorzubringen – ein Muster, das Investoren bei der entstehenden staatlich verankerten KNDS-Struktur im Hinterkopf behalten dürften.